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    Brücken statt Mauern bauen

    Ein kulturelles Treffen der Superlative ermutigt zur Eigenverantwortung – Meeting von „Comunione e Liberazione“ in Rimini. Von Guido Horst

    Über die Ländergrenzen hinweg will das Meeting Bewegung in die Gesellschaft bringen – diese Teilnehmer gingen mit gutem ... Foto: CL

    Zweihundertvierunddreißig Podien und Begegnungen mit eingeladenen Gästen, vierzehn Ausstellungen, achtzehn Theateraufführungen, 32 Sportveranstaltungen, 528 Redner und natürlich zehntausende Besucher: Das 39. Meeting für die Freundschaft unter den Völkern, das die Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ (CL) jedes Jahr im August auf dem Messegelände im italienischen Rimini veranstaltet, war wieder ein kulturelles Ereignis der Superlative. Als es am Samstag zu Ende ging, hatten die heimlichen Protagonisten des Treffens, die fast dreitausend Freiwilligen, genau doppelt so viele Dialogtreffen wie im vergangenen Jahr begleitet und über die Bühne gebracht.

    Zwei dramatische Ereignisse in Italien umrahmten das Meeting: der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua mit 43 Toten, den der Präsident der Region Ligurien, Giovanni Toti, bei einer der ersten Veranstaltungen des Treffens als „Symbol für die verschlissene Beziehung zwischen den Bürgern und der Politik“ des Landes bezeichnete, und das Tauziehen um das im Hafen von Catania liegende Schiff „Diciotti“ der italienischen Küstenwache mit 150 geretteten Flüchtlingen an Bord, die Innenminister Matteo Salvini nicht an Land gehen lassen wollte, bis sich am vergangenen Sonntag neben Albanien und Irland vor allem die Kirche Italiens verpflichtete, die meisten der Migranten in eigenen Strukturen unterzubringen.

    Beide Vorfälle standen beispielhaft für ein doppeltes Unbehagen im Stiefelstaat: die Hilflosigkeit angesichts eines unfähig erscheinenden Staats, das eigene Territorium, Infrastruktur und Verkehr ordentlich zu verwalten, und die Angst vor Überfremdung. Dass der Mensch aber sehr wohl in der Lage ist, die Geschichte und sein eigenes Schicksal zu gestalten, das war das Thema des Meetings in diesem Sommer 2018.

    Allerdings könne er das nicht aus eigener Kraft tun, sondern nur mit Hilfe der Gnade, wie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in seiner im Auftrag des Papstes übermittelten Botschaft an das diesjährige Meeting schrieb. Das Thema des Treffens, „Die Kräfte, die die Geschichte bewegen, sind dieselben, die den Menschen glücklich machen“, geht auf einen Satz von CL-Gründer Luigi Giussani zurück, den dieser mit Blick auf die 68er Jahre gesagt hat. Der Epochenwechsel von damals, so griff Parolin in seiner Botschaft die Gedanken Giussanis auf, habe auch viele Gläubige erfasst, die aus dem Glauben eine Moral machten und glaubten, anstatt auf die Gnade eher auf die eigenen Kräften zur praktischen Realisierung einer besseren Welt setzen zu können. Nach fünfzig Jahren, so Parolin weiter, in denen man der Versuchung erlegen sei zu glauben, dass die eigene Intelligenz und die eigenen Fähigkeiten die Welt regieren würden, müsse man für die westliche Welt festhalten, dass man heute wieder „Mauern errichtet, statt Brücken zu bauen. Man verschließt sich in sich selbst, anstatt dem Anderen gegenüber offen zu sein. Es wächst die Gleichgültigkeit anstelle des Wunsches, die Initiative zu ergreifen, um etwas zu ändern. Ein Gefühl der Angst wiegt schwerer als das Vertrauen in die Zukunft. Und wir fragen uns, ob die Welt in diesem halben Jahrhundert bewohnbarer geworden ist“, meinte Parolin, um dann am Ende seiner Botschaft zu dem Schluss zu kommen: „Keine Anstrengung, keine Revolution kann das Herz des Menschen zufriedenstellen. Nur Gott, der uns mit einer unendlichen Sehnsucht erschaffen hat, kann dieses Herz mit seiner unendlichen Gegenwart erfüllen. Dafür ist er Mensch geworden, damit die Menschen Ihm begegnen können, der erlöst und den Wunsch nach glücklichen Tagen erfüllt.“

    Einer, der die Bewegung „Comunione e Liberazione“ schon lange kennt und ihr sehr verbunden ist, ist der französische Erzbischof und Vatikandiplomat Christophe Pierre, heute Apostolischer Nuntius in Washington. Auch ihm oblag es, in einer der großen Messehallen von Rimini vor Tausenden von Zuhörern und in Anwesenheit von Julián Carrón, dem heutigen Präsidenten der Fraternität von CL, das Thema des diesjährigen Treffens auszulegen. Was helfe den Menschen, wieder zu Protagonisten der Geschichte zu werden, fragte Pierre. „Nur eine Begegnung, die sein Herz wach werden lässt und die Möglichkeit einer Zukunft eröffnet, so wie es den Leuten geschah, die damals Jesus Christus begegnet sind“, lautete die Antwort des Erzbischofs.

    Dass genau das, die Begegnungen mit anderen, seit knapp vierzig Jahren das eigentliche Herz des Meetings von Rimini sind, zeigte auch in diesem Sommer ein Blick in das Programm des Treffens. Ob es der ehemalige Präsident Nigerias war, Olusegun Obasanjo, der sein Land nach dem Staatsstreich von 1975 zurück in die Demokratie geführt hat, Erzbischof Alberto Ortega Martín, Nuntius im Irak und in Jordanien, der über die Rückkehr berichtete, oder Vertreter der muslimischen Welt, die auf den Podien des Meetings zu Wort kamen, und schließlich Dauergäste des Meetings wie der amerikanische Jurist Joseph Weiler aus Harvard sowie Politiker, Präsidenten einzelner Regionen Italiens oder Chefredakteure italienischer Zeitungen: Immer ging es auf der einen Seite um Freundschaften und Begegnungen, die in den Jahrzehnten gewachsen sind und helfen, Völker, Kulturen und Religionen zu verbinden, und auf der anderen Seite um die Person des Einzelnen und seine Suche nach Glück.

    Bearbeitet von Guido Horst

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