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    Würzburg

    Brennen und entflammen

    Theologen ringen um den Missionsauftrag: Wie sollen Christen in Zukunft Zeugnis für ihren Glauben ablegen? Ein neuner Sammelband gibt auf diese Frage sehr unterschiedliche Antworten.

    Vigilfeier auf dem WJT 2016
    Wie kann das Licht des Glaubens in der Geselschaft der Gegenwart weitergegeben werden? Ein neues Buch widmet sich dieser... Foto: Cristian Gennari (KNA)

    Es mangelt nicht an Büchern, die die aktuelle Glaubenskrise diskutieren und daran Überlegungen knüpfen, wie die Kirche wieder aus dem Tal kommt. Dass man dabei zu durchaus konträren Vorschlägen kommen kann, beweist ein Sammelband der beiden Professoren Marschler (Augsburg) und von Stosch (Paderborn) in der spannenden Reihe „Theologie kontrovers“.

    Eine Möglichkeit besteht darin – Saskia Wendel macht es vor – zu bestreiten, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Sie erzählt vom „Aufkommen struktur- und kulturkonservativer Verfallserzählungen“, von der „Markierung der angeblichen Permissivität moderner Gesellschaften nebst der Aufforderung, sich (wieder) an Traditionen, an bestimmte Werte und Normen zu binden“, kurz von diesem ganzen „Szenario von angeblicher Gefahr und Rettung“. Ist der Rekurs auf Religion nicht überhaupt, und dann noch auf bekenntnisgebundene und ihrer Traditionen gewisse Religion, nur „Verklärung der Vergangenheit“ und Stärkung des „Eigenen“ gegenüber dem „Anderen“? Wenn die Krise gar keine ist, dann genügt es, den „freien Vollzug des Glaubens (an) den freien Gott“ zu fordern, dann muss man den Glauben „nicht an eine ihm vorgeordnete Autorität binden wollen“.

    Thomas Marschler rückt dagegen den Bekenntnisbegriff in den Mittelpunkt und warnt davor, ein rein „praxeologisches Glaubensverständnis“ unverbunden zur Glaubenslehre und Gottesverehrung stehen und wirken zu lassen. Marschler: „Das Bekenntnis des Mundes, so macht Paulus deutlich, gründet im Glauben des Herzens. Dieser Glaube ist nicht unbestimmtes Hoffen oder Vertrauen, sondern hat einen Inhalt und Grund.“ Marschler hält mit Henri de Lubac die dogmatische Aussage hoch und mahnt die Kirche, den Primat der objektiven Wirklichkeit gegenüber deren subjektiver Bedeutung und Aneignung zu betonen. Glaube ist gerade nicht ergebnisoffen, sondern „vertrauendes Entgegennehmen des Wortes“. Das geschehe immer in einer „Gemeinschaft von Zeugen“, wenn auch die Antwort mit dem eigenen Herzen gegeben werde müsse.

    Kein Christentum ohne Kreuz

    Fest glauben können, wie das geht, zeigen uns viele muslimische Mitmenschen. Felix Körner, der Jesuit und Islam-Fachmann, will die gerne diskutierte Frage, ob Muslime und Christen an denselben Gott glauben, gar nicht so hoch hängen: „Wer sagt, wir glauben an denselben Gott, muss nicht gleich von der Gotteslehre sprechen. An Gott glauben, das kann heißen, sich auf denselben beziehen, vor ihm das eigene Leben verstehen, sich ihm zuwenden.“ Es gibt Unterschiede im Gottesverständnis, aber, so sagt Körner, es darf sie auch geben, doch wende man sich demselben Gott zu: „Dem, von dem alles kommt und auf den alles zuläuft. Wer das meint, wenn es heißt, dass wir an denselben Gott glauben, sagt etwas Sinnvolles.“ Auf dieser Grundlage darf das Christentum dann auch Christentum bleiben, so Josef Niewiadomski.

    Die Kirche verkündet das Handeln Gottes im Kontext des Todes Jesu am Kreuz. „Ein zeugnisstarkes Christentum, speziell Muslimen gegenüber, kann deswegen gerade in der gegenwärtigen religionspolitisch so geladenen Welt unmöglich auf die Bezeugung der Wahrheit des Kreuzes und des Glaubens an den Dreifaltigen Gott verzichten.“ Darf denn das auch in der Form regelrechter Mission geschehen? Mehrere Beiträge im Buch beschäftigen sich damit und geben sehr unterschiedliche Antworten.

    Klaus von Stosch ist skeptisch und hält die „explizite Einladung anderer Menschen zum eigenen Gauben“ in der Regel nicht für „hilfreich“. Wichtiger sei die „Chance eines gemeinsamen Bauens am Reich Gottes“. „Denn wenn auch manche Evangelikale weiter von der Weltmission träumen, sollte jede einigermaßen nüchterne Betrachterin der Weltgeschichte einsehen“, heißt es hyper-gegendert, „dass weder das Christentum den Islam noch der Islam das Christentum als Religion ablösen wird“.

    Zwischen Selbstaufgabe und Katechumenat

    Die Christen sollten sich lieber ein Beispiel an den Muslimen nehmen, „die einen Weg selbstloser Frömmigkeit und tätiger Nächstenliebe vorleben, der uns viel geben kann“ und der jedenfalls einem Konkurrenzkampf der Religionen vorzuziehen sei. Nicht schlimm sei es, wenn es zu Mischformen käme. „Denn wie es möglich ist beziehungsweise zumindest im Anfang der Kirche möglich war, der Tora zu folgen und gleichzeitig Jesus als den Christus zu bekennen, scheint es mir auch denkbar zu sein, die Säulen des Islam zu praktizieren und gleichzeitig in Jesus Christus das Mensch gewordene Wort Gottes zu sehen.“ Die Selbstaufgabe, die Klaus von Stosch hier offenbar empfiehlt, wird ja in manchen Kulturen als Ideal gepriesen.

    Sehr viel nüchterner sieht Christian Troll, ebenfalls Jesuit und Islamwissenschaftler, die Sache. Er sagt, dass in rechtsstaatlich verfassten Staaten, die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit garantieren, „die explizite, werbende Einladung seitens der Kirche auch an die Muslime ... unumstößlicher Auftrag und dringende Verpflichtung“ sei. Eine gründliche Initiation, die Troll als regelrechtes Katechumenat ausgebaut sehen will, sei freilich Bedingung. Dafür bietet Troll sogar eine klug überlegte Themenliste an, die abzuarbeiten sei.

    Weitere Beiträge des Sammelbandes widmen sich dem Thema des Zeugnis-Gebens, also der einzig denkbaren und möglichen Strategie, mit der das Christentum wieder Boden zurückgewinnen kann. Auch dazu gibt es – das kann nicht verwundern – unterschiedliche Zugänge. Martin Dürnberger erzählt von den „Techniken der Emotionalisierung und Personalisierung“, wie sie im evangelikal-freikirchlichen Kontext üblich sind und – das „Gebetshaus“ lässt grüßen – zumindest da und dort in den katholischen Bereich eindringen. Damit hat er ein „Unbehagen“, denn würden nicht auch politische Parteien, Konzerne und Interessengruppen sich dieser Mittel bedienen? Seine Frage, ob die aktuelle Schwäche im öffentlichen Geben des Zeugnisses nicht tiefere Ursachen hat, ob die „Defizienz in der Form in irgendeiner Weise mit einem Mangel in der Substanz“ zu tun haben könnte, ist aber bedenkenswert. Wer nicht überzeugt ist, kann nicht überzeugen, wer nicht brennt, andere nicht entflammen. Darum geht es, und es wird klar, dass sich auf einer ganz persönlichen Ebene entscheiden wird, ob das Christentum bei uns im satten Westen, der zugleich ein darbender Westen ist, eine Zukunft haben wird oder nicht.

    Thomas Marschler/Klaus von Stosch (Hrsg.): Verlorene Strahlkraft – Welches Glaubenszeugnis heute gefragt ist. Verlag Herder, Freiburg-Brsg./Basel/Wien 2018, 156 Seiten, ISBN 978-3-451-38046-4, EUR 16,–

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