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    „Bis man vor dem Tabernakel einschläft“

    Rom (DT) Ein Gespräch des Bischofs mit seinen Priestern und umgekehrt: Papst Franziskus hat am Montagmorgen in seiner Titelkirche, der Lateranbasilika, den Klerus der Diözese Rom empfangen. Und er wollte, dass bei der Begegnung mit den etwa fünfzehnhundert Geistlichen die Atmosphäre brüderlicher Vertrautheit gewahrt bleibt: Die Öffentlichkeit oder gar Medienvertreter waren nicht zugelassen, der Vatikan hat auch keine Redetexte verbreitet. Nur – wie bei der Frühmesse des Papstes im Gästehaus „Sanctae Marthae“ – ein Mitarbeiter von Radio Vatikan war zugegen, der für den Papstsender einen zusammenfassenden Bericht geschrieben hat, allerdings mit mehreren Papstzitaten. Franziskus saß an einem Tisch, neben ihm der Vikar für das Bistum Rom, Kardinal Agostino Vallini.

    Papst Franziskus, begleitet von seinem Vikar Kardinal Agostino Vallini. Foto: cns

    Rom (DT) Ein Gespräch des Bischofs mit seinen Priestern und umgekehrt: Papst Franziskus hat am Montagmorgen in seiner Titelkirche, der Lateranbasilika, den Klerus der Diözese Rom empfangen. Und er wollte, dass bei der Begegnung mit den etwa fünfzehnhundert Geistlichen die Atmosphäre brüderlicher Vertrautheit gewahrt bleibt: Die Öffentlichkeit oder gar Medienvertreter waren nicht zugelassen, der Vatikan hat auch keine Redetexte verbreitet. Nur – wie bei der Frühmesse des Papstes im Gästehaus „Sanctae Marthae“ – ein Mitarbeiter von Radio Vatikan war zugegen, der für den Papstsender einen zusammenfassenden Bericht geschrieben hat, allerdings mit mehreren Papstzitaten. Franziskus saß an einem Tisch, neben ihm der Vikar für das Bistum Rom, Kardinal Agostino Vallini.

    „Wir Bischöfe müssen den Priestern nahe sein, wir müssen sie lieben, die Priester sind für uns die Nächsten“

    Radio Vatikan zufolge sprach der Papst zunächst über die Mühseligkeit des priesterlichen Dienstes, welche aber auch der Bischof und der Papst kennen würden. Ein alter Priester habe ihm vor einigen Tagen geschrieben, erzählte Franziskus, und habe von der „Müdigkeit des Herzens“ gesprochen. „Es gibt die Müdigkeit der Arbeit“, habe der Papst gesagt, „und die kennen wir alle“. Man komme abends zurück, „müde vom Arbeiten und wir gehen beim Tabernakel vorbei“, um den Herrn zu grüßen. Franziskus wörtlich: „Wenn ein Priester in Kontakt mit seinen Leuten steht, wird er müde. Wenn ein Priester nicht in Kontakt steht mit den Leuten, ermüdet auch er, aber auf eine schlechte Weise, und er braucht eine Schlaftablette, nicht wahr? Der aber, der in Kontakt zu den Leuten steht – und die Leute haben wirklich viele Bedürfnisse, so viele Bedürfnisse, und das sind die Bedürfnisse Gottes, nicht wahr? – der wird richtig müde, oder? – und der braucht keine Schlaftablette.“

    Dann jedoch habe der Papst von einer „Müdigkeit des Endes“ gesprochen, die man am Abend des Lebens spüre, „eine Müdigkeit, die kommt, wenn man eigentlich triumphieren müsste“. Das geschehe, so Franziskus, „wenn der Priester sich über seine Existenz Gedanken macht, wenn er zurückschaut“ auf den Weg, den er hinter sich gelegt hat, auf den Verzicht, den er geleistet hat, auf die Kinder, die er nicht haben konnte, und wenn er sich fragen würde, ob er sich nicht geirrt habe, ob sein Leben nicht gescheitert sei. Das sei für den Papst die „Müdigkeit des Herzens“, zu der ihm jener alte Priester einen Brief geschrieben habe. Franziskus habe dann auf zahlreiche Gestalten der Bibel verwiesen, denen es ähnlich gegangen sei: von Elias bis Moses, von Jeremias bis zu Johannes dem Täufer. Letzterer habe „im Dunkeln des Kerkers“ auch „die Dunkelheit seiner Seele“ erlebt und seine Jünger zu Jesus geschickt, um diesen fragen zu lassen, ob er wirklich der sei, auf den sie warteten. Was also könne ein Priester tun, wenn er die Erfahrung des Täufers mache? Beten, „bis man vor dem Tabernakel einschläft, aber dort bleiben“. Und dann vor allem, so Franziskus weiter, „die Nähe zu anderen Priestern suchen“ – und vor allem zu den Bischöfen.

    „Wir Bischöfe“, habe der Papst gesagt, „müssen den Priestern nahe sein, wir müssen sie lieben, die Priester sind für uns die Nächsten. Die Nächsten des Bischofs sind die Priester.“ Und immer wieder von starkem Applaus unterbrochen habe Franziskus angefügt: „Übrigens gilt auch das Umgekehrte – nicht wahr? Der Nächste des Priesters muss der Bischof sein. Der Allernächste. Die Liebe zum Nächsten, und der Nächste ist mein Bischof. Und der Bischof wiederum sagt: Die Nächsten sind meine Priester – ist dieser Austausch nicht schön?“

    Dann, so heißt es weiter im Bericht von Radio Vatikan, habe das freie Gespräch des Papstes mit seinen Priestern begonnen. Bei der ersten Frage sei es um die „Kreativität“ des Priesters gegangen. Man dürfe Kreativität, habe Franziskus geantwortet, „nicht damit verwechseln, etwas Neues zu machen“. Kreativität bestehe darin, „den Weg zu suchen, um das Evangelium zu verkünden“, und das sei „nicht einfach“. Kreativität sei es nicht, „die Dinge einfach zu verändern“. Als Erzbischof von Buenos Aires habe er einmal mit einem Priester überlegt, wie man die Kirche anziehender machen könne. „Ah, wenn so viele Menschen vorbeikommen, wäre es vielleicht schön, dass die Kirche den ganzen Tag über offen ist... Eine schöne Idee! Auch wäre es schön, wenn immer ein Beichtvater zur Verfügung stünde. Eine schöne Idee! Und so ist es vorangegangen.“ Das sei eine mutige Kreativität.

    „Ich hätte Angst davor, mich ein bisschen wichtiger zu fühlen. Ja: Davor habe ich Angst, denn der Teufel ist schlau“

    Auch bei der Taufvorbereitung, meinte Franziskus weiter, müsse man das Hindernis der Väter und Mütter überwinden, die die ganze Woche über arbeiten würden und am Sonntag ausruhen wollten. Man müsse dann also „neue Wege suchen“ wie die von Laien getragene „Mission der Stadtviertel“. Das sei die „pastorale Bekehrung“. Die Kirche, „auch das Kirchenrecht, gibt uns sehr viele Möglichkeiten, sehr viel Freiheit, um diese Dinge zu suchen“. Franziskus habe bekräftigt, dass man „Gelegenheiten der Begegnung, der Aufnahme schaffen muss, wenn die Gläubigen wegen der einen oder anderen Sache zur Pfarrei gehen müssen“. Hart habe der Papst dagegen jene kritisiert, die in einer Pfarrei vor allem daran denken, um Geld zu bitten, statt an das Sakrament, und so die Leute fernhalten. Es brauche dagegen eine „herzliche Aufnahme“: „Wie schön ist es, wenn jemand zur Kirche kommt und sich zu Hause fühlt. Wenn er sich wohl fühlt. Wenn er sich nicht ausgenutzt vorkommt.“

    Ein Priester, erzählte Franziskus weiter, „nicht meiner Diözese, sondern aus einer anderen Diözese, hat mir gesagt: ,Ich lasse die Leute gar nichts zahlen, nicht einmal die Messintentionen. Ich habe da eine Schachtel, und die Leute geben, was sie wollen. Und sehen Sie, Padre: Ich habe fast das Doppelte von dem, was ich vorher hatte. Weil die Leute großzügig sind, und Gott segnet diese Dinge.‘“ Wenn die Menschen dagegen ein ökonomisches Interesse spüren würden, entfernten sie sich, so der Papst.

    Ein Priester habe Franziskus gefragt, wie er sich denn jetzt „definieren“ würde, wo er sich doch als Erzbischof von Buenos Aires am liebsten einfach als „Priester“ definiert habe. Die wörtliche Antwort, die Radio Vatikan wiedergab: „Ich fühle mich als Priester, wirklich. Ich fühle mich wirklich als Priester, als Bischof... So fühle ich mich, nicht wahr? Und ich danke dem Herrn dafür. Ich hätte Angst davor, mich ein bisschen wichtiger zu fühlen. Ja: Davor habe ich Angst, denn der Teufel ist schlau. Er ist gerissen und lässt dich glauben, dass du jetzt Macht hast, dass du dieses tun kannst und jenes. Aber immer umkreist er uns, wie ein Löwe –, so sagt es der heilige Petrus, nicht wahr? Aber Gott sei Dank habe ich dieses Gefühl (einfacher Priester zu sein, A.d.R.) noch nicht verloren. Und wenn ihr mal seht, dass ich es verloren habe, bitte, sagt es mir, sagt es mir. Und wenn ihr es nicht im Privaten sagen könnt, sagt es öffentlich, aber sagt es: ,Schau, bekehr dich!‘ Damit das klar ist, oder?“

    Auch über die verliebten Priester habe Franziskus gesprochen. Ein verliebter Priester, so der Papst, müsse immer die erste Liebe, die Liebe zu Christus, im Gedächtnis behalten und „zu jener Treue zurückkehren, die immer bleibt und uns erwartet“. Für ihn, so Franziskus, „ist das der entscheidende Punkt bei einem verliebten Priester: Dass er die Fähigkeit hat, mit dem Gedächtnis zu seiner ersten Liebe zurückzukehren“. Der Papst habe hinzugefügt: „Eine Kirche, die das Gedächtnis verliert, ist eine elektronische Kirche: Sie hat kein Leben mehr.“

    „Ich wage zu sagen, dass es der Kirche noch nie so gut ging wie heute. Die Kirche bricht nicht zusammen. Da bin ich sicher, da bin ich sicher“

    In der Kirche, so Franziskus weiter, gebe es gewiss Skandale, aber auch so viel Heiligkeit, und das sei das Größere. Und da sei auch „die tägliche Heiligkeit“, die verborgene, „die Heiligkeit der vielen Mamas und der vielen Frauen, der vielen Männer, die jeden Tag für die Familie arbeiten“. Und dann habe Papst Franziskus eine feste Überzeugung geäußert: „Ich wage zu sagen, dass es der Kirche noch nie so gut ging wie heute. Die Kirche bricht nicht zusammen. Da bin ich sicher, da bin ich sicher.“

    Dem Bericht von Radio Vatikan zufolge kam der Papst dann auf die „Randgebiete der Existenz“ zu sprechen und thematisierte in diesem Zusammenhang auch die wiederverheirateten Geschiedenen und die Nichtigkeit einer Ehe. Ein Problem, das – wie er anfügte – Benedikt XVI. sehr am Herzen gelegen habe. „Die Schwierigkeit“, meinte Franziskus, „kann man nicht allein auf die Frage zurückschneiden, ,ob man zur Kommunion gehen kann oder nicht‘. Wer nämlich die Frage nur in diesen Begriffen stellt, versteht nicht, worin das eigentliche Problem besteht.“ Es handle sich um ein „schweres Problem der Verantwortung der Kirche gegenüber den Familien, die in diesen Situationen leben“. Die Kirche, so habe der Papst bekräftigt, „muss im Augenblick etwas tun, um die Frage der Nichtigkeit der Ehe zu lösen“. Über diese Frage werde er mit der Gruppe der acht Kardinäle sprechen, die Anfang Oktober im Vatikan zusammenkommen würden. Und dann werde man auch auf der kommenden Bischofssynode über die „anthropologische Beziehung“ zwischen dem Evangelium und der einzelnen Person sprechen. Das sei eine „wirkliche existenzielle Peripherie“.

    Zum Abschluss habe Franziskus daran erinnert, dass er am kommenden 21. September den sechzigsten Jahrestag seiner Berufung zum Priestertum begehe.