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    Biomedizin im Dienst des Menschen und des Rechtsstaates

    Knapp neun Jahre nach der Geburt des ersten durch künstliche Befruchtung erzeugten Kindes legte die Glaubenskongregation im März 1987 ihre Instruktion über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung vor. Sie trug den Titel „Donum vitae“. Die Instruktion verwarf die künstliche Befruchtung aus drei Gründen. Erstens weil sie untrennbar mit der Zerstörung zahlreicher Embryonen verbunden ist, zweitens weil sie das Recht des Embryos verletzt, die geschenkte Frucht einer liebenden Vereinigung seiner Eltern zu sein und stattdessen das Kind zum Laborprodukt eines Reproduktionsmediziners macht und drittens weil sie das Recht der Eheleute verletzt, dass der eine nur durch den anderen Vater oder Mutter wird. Wie oft bei moraltheologischen und sozialethischen Positionsbestimmungen der katholischen Kirche dominierte in der öffentlichen Wahrnehmung der Instruktion das Nein, in diesem Fall das Nein zur künstlichen Befruchtung. Dass hinter dem Nein ein großes Ja stand, das Ja zur Würde der Person auch im frühesten Stadium ihrer Existenz, das Ja zu ihrem Recht auf Leben sowie zur Schutzpflicht des Staates und der Wissenschaft und nicht zuletzt das Ja zur menschlichen Sexualität, das wollte die Öffentlichkeit nicht wahrhaben.

    Knapp neun Jahre nach der Geburt des ersten durch künstliche Befruchtung erzeugten Kindes legte die Glaubenskongregation im März 1987 ihre Instruktion über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung vor. Sie trug den Titel „Donum vitae“. Die Instruktion verwarf die künstliche Befruchtung aus drei Gründen. Erstens weil sie untrennbar mit der Zerstörung zahlreicher Embryonen verbunden ist, zweitens weil sie das Recht des Embryos verletzt, die geschenkte Frucht einer liebenden Vereinigung seiner Eltern zu sein und stattdessen das Kind zum Laborprodukt eines Reproduktionsmediziners macht und drittens weil sie das Recht der Eheleute verletzt, dass der eine nur durch den anderen Vater oder Mutter wird. Wie oft bei moraltheologischen und sozialethischen Positionsbestimmungen der katholischen Kirche dominierte in der öffentlichen Wahrnehmung der Instruktion das Nein, in diesem Fall das Nein zur künstlichen Befruchtung. Dass hinter dem Nein ein großes Ja stand, das Ja zur Würde der Person auch im frühesten Stadium ihrer Existenz, das Ja zu ihrem Recht auf Leben sowie zur Schutzpflicht des Staates und der Wissenschaft und nicht zuletzt das Ja zur menschlichen Sexualität, das wollte die Öffentlichkeit nicht wahrhaben.

    Ein zentrales Thema: die Präimplantationsdiagnostik

    Seit Donum vitae sind fast 22 Jahre vergangen. Ausgehend von der künstlichen Befruchtung hat die Entwicklung der Biomedizin seitdem eine Reihe von neuen Problemen aufgeworfen, auf die die Glaubenskongregation mit ihrer neuen Instruktion „Dignitas personae“ (Seite 13–17 in dieser Ausgabe) zu einigen Fragen der Bioethik antworten will. Die Instruktion will nicht nur eine Meinungsäußerung, sondern eine „Instruktion lehrmäßiger Natur“ sein, die am ordentlichen Lehramt des Papstes teilhat. Im Mittelpunkt der neuen Probleme stehen die Präimplantationsdiagnostik, die embryonale Stammzellforschung, das Klonen und die Gentherapie. Die Glaubenskongregation teilt ihre Instruktion in drei Teile ein. Sie erörtert zunächst anthropologische, theologische und ethische Aspekte der menschlichen Fortpflanzung, dann neue Probleme der Reproduktionsmedizin und im dritten Teil schließlich neue Therapien, die auf einer Manipulation des menschlichen Erbgutes beruhen. Dass das neue Dokument die Positionsbestimmungen von Donum vitae sowie den Enzykliken Veritatis splendor (1993) und Evangelium vitae (1995) revidieren würde, wird wohl niemand erwartet haben. Diese Positionsbestimmungen werden gleich im ersten Satz bekräftigt. „Jedem Menschen ist von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod die Würde einer Person zuzuerkennen. Dieses Grundprinzip, das ein großes Ja zum menschlichen Leben ausdrückt, muss im Mittelpunkt des ethischen Nachdenkens über die biomedizinische Forschung stehen?“(1). Es gibt keinen Punkt in der menschlichen Entwicklung, an dem aus einem Zellhaufen ein Mensch oder, um mit Robert Spaemann zu sprechen, aus einem Etwas ein Jemand wird. Während seines ganzen Lebens, so die Glaubenskongregation, „kann nämlich in der Beschaffenheit des Menschen weder eine Änderung des Wesens noch eine Gradualität des moralischen Wertes behauptet werden“(5).

    Die biomedizinische Forschung wird von der katholischen Kirche auf der anderen Seite sehr positiv gesehen. Sie ist „ein wertvoller Dienst am umfassenden Gut des Lebens und der Würde jedes Menschen“ (3), wenn sie den Menschen von seiner Empfängnis an als Person achtet und zur Überwindung von Krankheiten oder Behinderungen beiträgt. Die Glaubenskongregation ermutigt die Christen, sich der biomedizinischen Forschung zu widmen, den eigenen Glauben in diesem Bereich zu bezeugen und die Früchte ihrer Arbeit allen Menschen zuteil werden zu lassen. In der zentralen Frage des Beginns des menschlichen Lebens beschränkt sich Dignitas personae allerdings darauf, Donum vitae zu zitieren (4). Zum Zeitpunkt des Erscheinens von Donum vitae galt die Zygote, also die Verschmelzung von männlichem Spermium und weiblichem Ei, als der Beginn einer neuen menschlichen Existenz. Dies ist auch heute noch die geläufige Ansicht. Neuere Forschungsergebnisse in der Embryologie (von Günter Rager oder Magdalena Zernicka-Goetz) legen aber die Annahme nahe, dass es gute Gründe gibt, den Beginn des menschlichen Lebens bereits früher anzusetzen. Wenn das Spermium in das Ei eingedrungen und die zweite Reifeteilung erfolgt ist, liegt bereits das neue Genom vor. Der Prozess bis zur Verschmelzung der Eikerne dauert dann noch zwölf bis achtzehn Stunden. (Vgl. auch Robert P. George/Christopher Tollefsen, Embryo. A Defense of Human Life, New York 2008). In der Konsequenz dieser Forschungsergebnisse offenbaren sich „Lücken im Lebensschutz“ (Mareike Klekamp). Auch das Embryonenschutzgesetz in Deutschland müsste neu auf den Prüfstand, weil es zwar das Einfrieren von Embryonen, nicht aber von Vorkernstadien verbietet und auch die Präimplantationsdiagnostik in Form der Polkörperdiagnostik ermöglicht.

    Die Instruktion ignoriert leider diese Forschungsergebnisse. Sie setzt sich aber andererseits sehr kompetent mit anderen zentralen Problemen der biomedizinischen Forschung und mit jenen Positionen von Naturwissenschaftlern und Philosophen (Theologen nicht ausgenommen) auseinander, die die Entwicklung der biomedizinischen Technologien mit einer „eugenischen Perspektive“ betrachten, die, mit anderen Worten, den Embryo „auf die Summe seiner Zellen reduzieren“, ihm die Würde der Person absprechen, ihn als Ressource für die Forschung oder medizinische Therapien freigeben und in der Gentechnologie eine Chance zur Optimierung der menschlichen Natur sehen. Diese Positionen gefährden nicht nur die Würde der Fortpflanzung und das Lebensrecht des Embryos, sondern auch die rechtsstaatliche Demokratie, weil sie die ontologische Gleichheit der Menschen zerstören. Dies deutlich gemacht zu haben, ist nicht das geringste Verdienst der neuen Instruktion.

    Dignitas personae unterstreicht erneut, dass der Ursprung des menschlichen Lebens seinen authentischen Ort in Ehe und Familie hat. Eine gegenüber dem Ungeborenen verantwortliche Zeugung muss die „Frucht der Ehe“ und der liebenden Vereinigung seiner Eltern sein (6). Die Instruktion verteidigt die menschliche Sexualität und den Geschlechtsakt, in dem sich Mann und Frau einander in Liebe schenken, gegen jene Reproduktionsmediziner, die in den Spuren von Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ dazu neigen, die Fortpflanzung durch einen Geschlechtsakt als Merkmal einer barbarischen Zivilisation zu betrachten. Sie sieht im Geschlechtsakt dagegen einen „Abglanz der dreifaltigen Liebe Gottes“ (9) und tritt dem unausrottbaren Gerücht von der Leibfeindlichkeit des Christentums auch durch den Hinweis auf Christus entgegen, der durch seine Menschwerdung gezeigt habe, dass er „die menschliche Leiblichkeit nicht verschmäht“, sondern ihre Bedeutung und ihren Wert erst voll enthüllt (7).

    Künstliche Befruchtung bleibt für Katholiken tabu

    Medizinische Eingriffe zur Beseitigung von Hindernissen, die der natürlichen Zeugung entgegenstehen, hält die Instruktion für sittlich verantwortbar. Sie nennt auch eine Reihe von Beispielen für solche Hindernisse. Alle Techniken der heterologen und der homologen künstlichen Befruchtung werden dagegen, wie schon in Donum Vitae, verworfen, weil sie den ehelichen Akt nicht erleichtern, sondern ersetzen (12/16). Darüber hinaus sind sie alle mit dem Tod unzähliger Embryonen verbunden. Daran habe sich in den Jahrzehnten seit Einführung der künstlichen Befruchtung nichts geändert. Mit Recht kritisiert die Instruktion deshalb die staatlichen Gesundheitsbehörden, die in keinem anderen Bereich der Medizin eine Technik bzw. eine Therapie „mit einer so hohen Rate an negativen, tödlichen Ausgängen“ zulassen würden (15). In der Tat ist es schwieriger, die Zulassung für ein neues Grippemedikament zu erlangen als für eine neue Technik der Reproduktionsmedizin. Die zurzeit von Donum vitae noch nicht bekannten Risiken der künstlichen Befruchtung für die Gesundheit der so erzeugten Kinder werden von Dignitas Personae angesprochen – allerdings mit sehr großer Zurückhaltung nur in einer Fußnote (33) und nur im Hinblick auf die Methode der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion. Dabei hat inzwischen eine große Zahl von Untersuchungen gezeigt, dass die Anfälligkeit dieser Kinder für bestimmte Krankheiten oder Behinderungen bei beiden Methoden der künstlichen Befruchtung (ICSI und IVF) etwa doppelt bis dreifach so hoch ist wie bei natürlich gezeugten Kindern.

    Überzeugende Einwände erhebt die Instruktion gegen die Kryokonservierung von Embryonen und gegen die sogenannte „Embryonenreduktion“. Die Kryokonservierung sei mit der einem Embryo geschuldeten Achtung nicht vereinbar, weil sie zum einen dessen Recht auf körperliche Unversehrtheit verletze und ihn zum anderen der mütterlichen Austragung entziehe, die ja nicht nur ein Prozess des Zellwachstums, sondern ein anthropologischer Vorgang ist. Die Embryonenreduktion, das heißt die gezielte Tötung eines künstlich erzeugten und implantierten Embryos im Mutterleib, der dann bis zur Geburt des überlebenden Embryos in der Gebärmutter verbleibt, ist ein schweres sittliches Vergehen. Die Entscheidung der Mutter, den zuvor ersehnten Menschen wieder zu vernichten, sei „ein Paradox“, das oft zu Schmerz und Schuldgefühlen führe, die Jahre anhalten können (21).

    Mit der Würde der Fortpflanzung verteidigt Dignitas Personae zugleich das Fundament des demokratischen Rechtsstaates, das in der ontologischen Gleichheit der Menschen besteht. Die künstliche Befruchtung und das Klonen machen den erzeugten Menschen zum Produkt der Erzeuger. Die künstliche Befruchtung errichtet „eine Herrschaft der Technik über Ursprung und Bestimmung der menschlichen Person. Eine derartige Herrschaftsbeziehung widerspricht in sich der Würde und der Gleichheit, die Eltern und Kindern gemeinsam ist“ (17), umso mehr dann, wenn zur künstlichen Befruchtung auch noch die Präimplantationsdiagnostik mit ihrer „eugenischen Mentalität“ (22) oder die Gentherapie mit ihrer Absicht, „einen neuen Menschentypus zu schaffen“, hinzukommt (27). Eine derartige eugenische Mentalität führe automatisch zu Diskriminierungen von Kranken und Behinderten sowie allen, die den Qualitätscheck der Reproduktionsmedizin nicht bestehen.

    Das Klonen, das den geklonten Menschen „einer Art biologischer Sklaverei“ unterwirft, wird als „schwerer Verstoß gegen dessen Würde und gegen die grundlegende Gleichheit aller Menschen“ verurteilt(29). Aus einer säkularen Perspektive hatte bereits Jürgen Habermas in seinem Buch „Die Zukunft der menschlichen Natur“ 2001 vor dieser Entwicklung gewarnt. Jede menschliche Existenz, die von bestimmten Bedingungen abhängig gemacht wird, widerspreche der Symmetrie der Beziehungen, die eine wesentliche Voraussetzung für interpersonale Beziehungen und für den egalitären Umgang von Personen sei. Dignitas Personae ist mit der Kritik an der eugenischen Mentalität der Biomedizin ein eindrucksvolles Manifest gegen jede Diskriminierung und für die Verteidigung des demokratischen Rechtsstaates.

    Klarstellungen zur Stammzellforschung

    Im Hinblick auf die Stammzellforschung kommt die Instruktion zu wichtigen Klarstellungen. Keinen Zweifel lässt sie daran, dass die viel versprechende Forschung mit adulten Stammzellen ethisch unproblematisch und deshalb zu unterstützen sei. Sie zeige außerdem „positivere“ Ergebnisse als die Forschung mit embryonalen Stammzellen. Aus Geweben des erwachsenen Organismus oder aus Nabelschnurblut Stammzellen zu entnehmen, sei ebenso ethisch unproblematisch wie die Entnahme aus Gewebe von Föten, die eines natürlichen Todes gestorben sind (32). Verwerflich aber sei es, mit embryonalen Stammzellen zu forschen, weil die Gewinnung dieser Stammzellen immer die Tötung eines Embryos voraussetze. Embryonen oder Föten als Versuchsobjekte zu verwenden, sei „ein Verbrechen ... gegen ihre Würde als menschliche Geschöpfe“ (34). Auch Versuche mit Hybriden seien verwerflich und ein „Beleidigung der Menschenwürde ..., weil genetische Elemente von Mensch und Tier vermischt werden und so die spezifische Identität des Menschen beeinträchtigt wird“ (33).

    Ungewöhnlich ausführlich geht die Instruktion auf „die Verwendung von biologischem Material unerlaubten Ursprungs“ ein. Unter diesem umständlichen Titel präsentiert die Glaubenskongregation eine deutliche Kritik an der deutschen Biopolitik, genauer am Stammzellgesetz, das ja die Herstellung von Stammzelllinien in Deutschland entsprechend dem Embryonenschutzgesetz von 1990 verbietet, aber die Forschung mit den importierten Früchten der verbotenen Tat, also mit Stammzellen aus dem Ausland erlaubt. Dieser deutsche Sonderweg wird als „Mitwirkung am Bösen“, die Ärgernis hervorruft, verworfen (32/34). Eine rote Karte also für die Bundesforschungsministerin, die sich so gern auf ihr katholisches Gewissen beruft.

    Dignitas Personae schließt an die große Zahl jener Dokumente aus dem Pontifikat Johannes Pauls II. an, die jenen eine Stimme gaben, die keine eigene Stimme haben. Die Instruktion ist ein Manifest zur Verteidigung des Lebensrechts, der Würde der geschlechtlichen Fortpflanzung und des demokratischen Rechtsstaates. Sie ist eine Hilfe zur Unterscheidung von Gut und Böse und ein kraftvoller Beitrag zu einer neuen Kultur des Lebens.

    Von Manfred Spieker