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    Biblische Gräber – explosive Heiligtümer im Westjordanland

    Jerusalem (DT) Eigentlich klingt die Absicht harmlos: Israel schließt zwei renovierungsbedürftige biblische Grabstätten in seinen neuen Plan zur Konservierung „nationalen Erbes“ ein. Umgerechnet 78 Millionen Euro sollen investiert werden, um insgesamt mehr als 150 bedeutende archäologische Orte der Nachwelt zu erhalten. Und so beschloss das israelische Kabinett am vergangenen Sonntag – offenbar in letzter Sekunde – auch die Patriarchen-Gräber von Hebron und das Rachel-Grab in Bethlehem in die Liste des „nationalen Erbes Israels“ einzufügen.

    Jerusalem (DT) Eigentlich klingt die Absicht harmlos: Israel schließt zwei renovierungsbedürftige biblische Grabstätten in seinen neuen Plan zur Konservierung „nationalen Erbes“ ein. Umgerechnet 78 Millionen Euro sollen investiert werden, um insgesamt mehr als 150 bedeutende archäologische Orte der Nachwelt zu erhalten. Und so beschloss das israelische Kabinett am vergangenen Sonntag – offenbar in letzter Sekunde – auch die Patriarchen-Gräber von Hebron und das Rachel-Grab in Bethlehem in die Liste des „nationalen Erbes Israels“ einzufügen.

    Doch seitdem zündelt es im Westjordanland – denn die beiden Grabstätten sind nicht nur Juden heilig, sondern auch Muslimen. In Hebron und Bethlehem blieben öffentliche Stellen und viele Geschäfte in den letzten Tagen aus Protest geschlossen. Demonstranten bewarfen israelische Militäreinheiten mit Steinen, es kam zu Auseinandersetzungen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte das israelische Vorgehen scharf als Bruch internationalen Rechts: Die beiden Grabstätten befänden sich mitten in dem Gebiet, das nach bisherigem Verhandlungsziel eigentlich einem palästinensischen Staat zugeschlagen werden solle. Israel untergrabe den Friedensprozess immer mehr.

    Der palästinensische Ministerpräsident Salam Fayyad rief die internationale Staatengemeinschaft auf, auf Israel Druck auszuüben, damit der Schritt rückgängig gemacht werde: Ganz offensichtlich solle damit die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete weiter verfestigt werden. Gleichzeitig wies Fayyad darauf hin, dass in der Liste des „nationalen Erbes Israels“ auch die Jerusalemer Altstadt-Mauer aufgeführt werde – obwohl Ostjerusalem und damit zumindest ein Teil der Altstadt weiterhin von den Palästinensern als ihre „ewige Hauptstadt“ reklamiert werden. Kommandanten des „Islamischen Jihad“ drohten mit erneuten Terror-Anschlägen im israelischen Kernland.

    Israelische Kommentatoren äußern sich besorgt über die Welle der Empörung im Westjordanland. In zahlreichen israelischen Medien wird der Schritt der Regierung als leichtsinnig bezeichnet: Die Eingliederung der biblischen Grabstätten von Hebron und Bethlehem in den Plan sei auf Druck von national-religiösen Siedlerkreisen erfolgt. Doch in der angespannten Situation gieße jeder Anschein von Inbesitznahme heiliger Stätten weiter Öl ins Feuer: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine Minister hätten die Folgen ihres Vorgehens besser erwägen sollen, so die Kommentatoren.

    Tatsächlich liegen die beiden biblischen Grabstätten auf explosivem Gelände: in israelisch kontrollierten Enklaven mitten im palästinensischen Westjordanland. Das Grab Rachels, der Lieblingsfrau Jakobs, befindet sich direkt neben dem Hauptcheckpoint zwischen Bethlehem und Jerusalem in einer Art „Tasche“ des israelischen Sperrwalls: Fromme Juden können durch einen eigenen Eingang zu dem Grab gelangen, um dort zu beten. Noch komplexer ist die Situation in Hebron, deren Name auf Hebräisch wie auf Arabisch „Freund“ bedeutet und damit auf den „Freund Gottes“ Abraham hinweist. Mitten im Zentrum der Stadt liegt die „Machpelah-Höhle“ mit den Gräbern der biblischen Gestalten Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea. Jahrhundertelang gab es in Hebron eine kleine jüdische Präsenz, die in relativem Frieden mit der palästinensischen Bevölkerung rundherum existierte. Doch 1929 schwappte der Antisemitismus der Nationalsozialisten in einer arabischen Variante ins Heilige Land und in verschiedenen palästinensischen Städten kam es zu Massakern an jüdischen Mitbewohnern. In Hebron starben 67 Juden, die Überlebenden flohen nach Jerusalem.

    Kurz nach der Besetzung des Westjordanlandes durch die israelischen Truppen im Sechstagekrieg 1967 kehrten erste jüdische Siedler zurück in die biblische Stadt Hebron. Seitdem sind Konflikte vorprogrammiert: Derzeit leben rund 450 jüdische Siedler in Hebron, beschützt von mehreren Tausend israelischen Soldaten. Die Siedler von Hebron gelten als besonders aggressiv und machen nach Aussagen israelischer Menschenrechtsgruppen wie „Breaking the Silence“ („Das Schweigen brechen“) den palästinensischen Einwohnern das Leben schwer. Am 25. Februar 1994 erschoss der extremistische Siedler Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Abraham-Moschee bei den Patriarchen-Gräbern, Hunderte wurden verletzt. Das Grab Goldsteins ist bis heute Pilgerziel für Gleichgesinnte. Der Jahrestag des Massakers könnte dieses Jahr die Auseinandersetzungen um die Grabstätte weiter anheizen.

    Das Heiligtum mit den Patriarchen-Gräbern ist heute zweigeteilt in eine Synagoge und die Abraham-Moschee. Hebron selbst wurde 1998 in dem „Hebron-Abkommen“ in eine kleine, von Israel kontrollierte Zone mit den Siedler-Häusern sowie die größere palästinensisch kontrollierte Zone geteilt. Doch seit 2002 kontrollieren die israelischen Truppen de facto wieder die gesamte Stadt. Die Eingliederung der auch für Muslime bedeutenden Grabstätte in den israelischen Plan zur Konservierung „nationalen Erbes“ bedeutet für Palästinenser vor diesem komplexen Hintergrund eine erneute schwere Provokation.

    In israelischen Regierungskreisen weist man die Vorwürfe der Palästinenser empört von sich: Sowohl die Patriarchen-Gräber als auch das Grab der Erzmutter Rachel seien „jüdisches Erbe, das auf die 3 700 Jahre alte Verbindung des Volkes Israel zu seinem Land“ verweise, erklärte etwa Vizepremier Silvan Shalom der Presse. Die Palästinenser versuchten offenbar, die Geschichte umzuschreiben. Und Tourimusminister Stas Misezhnikov will beruhigen: Die Renovierung der heiligen Stätten soll schließlich den Pilgern aller Religionen zugute kommen.

    In der UNO jedoch reagiert man allarmiert auf den jüngsten Vorstoß der Israelis: Er sei besorgt über die Entwicklung, wird der UN-Sonderbeauftragte für Nahost, Robert Serry, zitiert. Die beiden fraglichen Stätten lägen in besetztem palästinensischem Gebiet und seien nicht nur für das Judentum, sondern auch für Islam und Christentum von historischer und religiöser Bedeutung. Israel solle jegliche Schritte unterlassen, die künftige Friedensverhandlungen unterminieren könnten. Statt dessen sollten positive Schritte unternommen werden, um die Entwicklung der palästinensischen Zivilgesellschaft in der Region zu fördern und eine Zwei-Staaten-Lösung zu ermöglichen.

    Von Gabi Fröhlich