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    Bewegendes Frauenschicksal

    „Ihr sollt nicht das letzte Wort haben“ – dieser für Sigrid Grabner typische Charakterzug des „Trotzdem“ war es, der sie eine Autobiografie schreiben ließ. Durch die Einsicht in ihre Stasi-Akten war die ostdeutsche Schriftstellerin mit der erschütternden Tatsache konfrontiert worden, dass sie als Regime-Kritikerin über Jahre bespitzelt worden war, bis in den Intimbereich ihrer Wohnung hinein.

    Sigrid Grabner. Foto: fe-medienverlag

    „Ihr sollt nicht das letzte Wort haben“ – dieser für Sigrid Grabner typische Charakterzug des „Trotzdem“ war es, der sie eine Autobiografie schreiben ließ. Durch die Einsicht in ihre Stasi-Akten war die ostdeutsche Schriftstellerin mit der erschütternden Tatsache konfrontiert worden, dass sie als Regime-Kritikerin über Jahre bespitzelt worden war, bis in den Intimbereich ihrer Wohnung hinein.

    Als sie sich von dem Schock zu erholen begann, beschloss sie, den verzerrenden Zeugenberichten über ihr Leben ihre eigenen Erinnerungen gegenüberzustellen. So entstand „Jahrgang '42. Mein Leben zwischen den Zeiten.“

    Zur Veröffentlichung allerdings waren diese sehr persönlichen, zuweilen schonungslos offenen, dabei jedoch immer um Gerechtigkeit und eine tiefere Wahrheit bemühten Aufzeichnungen zunächst nicht gedacht. Erst eine Mitarbeiterin eines kleinen Verlages überredete die Autorin dann doch dazu, ihre Erinnerungen als Buch herauszubringen – erstmals 2003. Inzwischen sind sie vergriffen und dem fe-medienverlag ist es zu verdanken, dass dieses packende Lebenszeugnis aus einer so nahen und doch inzwischen so fern scheinenden Zeit der deutschen Geschichte nun als Neuauflage herausgekommen ist.

    Geboren 1942 in Böhmen – mitten im Zweiten Weltkrieg und in einer Region, die zunächst von den Nazis überfallen und dann von allen Deutschen unbarmherzig „gesäubert“ wird. Wahrlich weder eine Zeit noch ein Ort, die eine hoffnungsfrohe Zukunft verheißen. Sigrid Grabner beschreibt ihre ersten Lebensjahre auf der Flucht vor Gewalt und Hungertod mit erstaunlichem Gedächtnis für die alltäglichen Dramen im Leben der Flüchtlinge – und für jene schicksalhaften Begegnungen mit wechselnden Helfern, die ihrer tapferen Mutter und dem schmächtigen Einzelkind den unerbittlichen Umständen zum Trotz das Leben bewahrten.

    Nüchtern, schnörkellos und prägnant sind die Charakterstudien der vielen Gesichter, die ihren wechselhaften Lebensweg säumen: einfache Bauersleute in Dörstewitz, die kleinstädtische Gesellschaft von Merseburg mit russischen Besatzern, kleinen Kommunisten-Funktionären, mehr oder weniger anonymer Nachbarschaft – und schließlich die Intellektuellen-Zirkel von Berlin und Potsdam in ihrem Ringen zwischen Solidarität mit den kommunistischen Idealen und der Suche nach Nischen von Freiheit und Wahrhaftigkeit: Die Autorin gibt all diesen Unbekannten ein Gesicht und ihrem wenig aufsehenerregenden Schicksal Bedeutung.

    „Die Begegnung mit der großen Liebe ihres

    Lebens wird dieses

    Weltbild erschüttern“

    Gleichzeitig macht Grabner sich auf die Suche nach ihrer eigenen Identität. Dabei hat sie die kindliche Perspektive ihrer frühen Lebensjahre nicht aus den Augen verloren. So stellen kleine Anekdoten aus dem ärmlichen Leben in dem geistig regen Elternhaus mit dem aufgeweckten Mädchen immer wieder die Verbindung zu den großen Entwicklungen der Politik her, ohne dass diese direkt Thema des Buches wäre. Gleichzeitig spürt die Autorin mit Humor und Verständnis den zuweilen konfliktgeladenen Eigenarten in diesem gleichzeitig engen wie freigeistigen Familienleben nach, das die Grundlage für ihre eigene, unruhige Persönlichkeit legen sollte. Der Leser wächst dann nach und nach mit hinein in die großen Ideale ihrer Jugend: ihren Glauben an die kommunistischen Verheißungen und ihre Verachtung gegenüber dem „kapitalistischen Westen“. Erst die Begegnung mit der großen Liebe ihres Lebens wird dieses aus Parolen zusammengefügte Weltbild nach und nach erschüttern, um dem dahinter verborgenen Schrei nach Leben Luft zu machen.

    „Tun wir das Nötige, um vor uns selber und den Kindern geradestehen

    zu können?“

    Angesichts der Starrheit des Systems scheint ihr mit ihrem Mann und ihren Kindern über lange Zeit nur der Rückzug ins Private zu bleiben – und der Versuch, über die Schriftstellerei den zunehmend verachteten Strukturen kleine Freiräume des Denkens abzutrotzen. Immer wieder werden die Eheleute bei kleinen Alltagsfragen vor große Entscheidungen gestellt – und immer drängt sie dabei die Gewissensfrage: Tun wir das Nötige, um vor uns selber und unseren Kindern geradestehen zu können? Dass der Preis für diese schwierige Balance zwischen kluger Vorsicht und gradliniger Stellungnahme in einer engmaschigen Bespitzelung durch die Staatssicherheit bestand, ahnte Sigrid Grabner damals nicht.

    Leser aus Ostdeutschland werden in Grabners Autobiografie viele Merkmale ihrer eigenen DDR-Geschichte wiederfinden – westdeutsche Leser wiederum erhalten durch ihre eindringlichen und dichten Schilderungen einen zutiefst menschlichen Einblick in das von außen Grau in Grau erscheinende Leben hinter der Mauer.

    Die Autorin erlebt es als wundersame Fügung, als sie eine unverhoffte Recherche-Reise nach Rom genehmigt bekommt – eine Bresche hinaus aus dieser Welt, in der sie sich zunehmend als Gefangene fühlt. Von dieser Reise bringt sie nicht nur ihre Recherche-Ergebnisse und neue Freundschaften mit, sondern auch den Glauben, der fortan ihrem bewegten Leben einen Anker geben wird: Ausgerechnet im Zentrum der einst verachteten katholischen Weltkirche findet ihre Seele die lange ersehnte Heimat.

    Dass ihre bisherigen Begegnungen mit der Kirche und ihren Vertretern seit frühester Kindheit an vor allem Enttäuschungen aufeinander gehäuft hatten, beschreibt Grabner ehrlich, aber ohne jede Bitterkeit. Genauso wie ihr Weg zum Glauben dann ohne moralischen oder besserwisserischen Beigeschmack geschildert wird, sondern einfach als ein umwerfendes und tiefgreifendes Erkennen.

    Vor diesem neuen Hintergrund spielt sich schließlich das Drama der deutschen Wende ab, an dem die Autorin und ihre Kinder gemeinsam mit jenen zahl- und namenlosen Betern und Demonstranten beteiligt waren. So bekommen die Szenen fassungsloser Freude an der gefallenen Mauer, die wir aus dem Fernsehen kennen, Gesichter und Stimmen.

    Die Sprache Grabners ist dabei gefühlvoll und bildreich, ohne jedoch jemals ins Sentimentale abzudriften. „Jahrgang '42“ spannt so den Bogen von der Nazizeit bis in unsere jüngste Vergangenheit, entlang dem Leben einer beherzten Frau, das gleichzeitig einmalig ist und doch typisch für ihre Generation.

    Sigrid Grabner: „Jahrgang '42“ – mein Leben zwischen den Zeiten, fe-Medienverlag Kissleg 2011, Taschenbuch, 486 Seiten, 8,95 EUR