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    ERZBISCHOF ANGELO BECCIU.

    Beraten ist in der Kirche theologisch definiert

    Am 1. Mai hat das Presseamt des Vatikans ein Interview veröffentlicht, das der Substitut im Staatssekretariat, Erzbischof Angelo Becciu, dem italienischen „Osservatore Romano“ für die Ausgabe des gleichen Tages gegeben hatte. Äußerungen und Entscheidungen des Papstes hatten offenbar zu viele Spekulationen ausgelöst. Der „Osservatore“ zitiert die am 13. April veröffentlichte Nachricht, „dass Papst Franziskus eine Gruppe von acht Kardinälen eingesetzt hat, die ihm bei der Regierung der Weltkirche beratend zur Seite stehen“ sollen. Auch Äußerungen von Franziskus über das Vatikaninstitut IOR bei einer der Frühmessen in „Sanctae Marthae“ hatten die Gerüchteküche kräftig angeheizt. Wir geben das Interview im vollen Wortlaut wieder:

    Am 1. Mai hat das Presseamt des Vatikans ein Interview veröffentlicht, das der Substitut im Staatssekretariat, Erzbischof Angelo Becciu, dem italienischen „Osservatore Romano“ für die Ausgabe des gleichen Tages gegeben hatte. Äußerungen und Entscheidungen des Papstes hatten offenbar zu viele Spekulationen ausgelöst. Der „Osservatore“ zitiert die am 13. April veröffentlichte Nachricht, „dass Papst Franziskus eine Gruppe von acht Kardinälen eingesetzt hat, die ihm bei der Regierung der Weltkirche beratend zur Seite stehen“ sollen. Auch Äußerungen von Franziskus über das Vatikaninstitut IOR bei einer der Frühmessen in „Sanctae Marthae“ hatten die Gerüchteküche kräftig angeheizt. Wir geben das Interview im vollen Wortlaut wieder:

    Über die Reform der Kurie war alles mögliche zu hören: Machtausgleich, Moderatoren, Koordinatoren, „übergreifendes Wirtschaftsministerium“, Revolutionen...

    Das ist in der Tat ein bisschen seltsam: Der Papst hat die Gruppe der Berater, die er sich ausgewählt hat, noch nicht einmal getroffen, und schon hagelt es Ratschläge. Nachdem ich mit dem Heiligen Vater gesprochen habe, kann ich sagen, dass es im jetzigen Moment vollkommen verfrüht ist, irgendeine Hypothese über die künftige Ordnung der Kurie aufzustellen. Papst Franziskus hört alle an, aber in erster Linie wird er diejenigen hören wollen, die er sich als Berater ausgesucht hat. In der Folge wird dann das Vorhaben der Reform von „Pastor bonus“ in die Wege geleitet werden, was natürlich seine Zeit erfordern wird.

    Auch von der Vatikanbank war häufig die Rede. Jemand hat sogar von einer möglichen Auflösung gesprochen...

    Der Papst war überrascht, dass man ihm Sätze in den Mund gelegt hat, die er nie gesagt hat und die seine Gedanken falsch wiedergeben. Die einzige Andeutung zu diesem Thema ist während einer frei gehaltenen kurzen Predigt in Sanctae Marthae erfolgt, bei der er lebhaft in Erinnerung gerufen hatte, dass das Wesen der Kirche eine Geschichte der Liebe zwischen Gott und den Menschen ist und dass die verschiedenen menschlichen Strukturen, darunter die Vatikanbank, weniger wichtig sind. Die spontane Anspielung erklärte sich daraus, dass einige Angestellte des Geldinstituts an der Messe teilgenommen hatten, und sie erfolgte im Rahmen der ernsthaften Aufforderung, niemals das Wesentliche der Kirche aus den Augen zu verlieren.

    Steht eine Umstrukturierung der derzeitigen Form der Dikasterien also nicht unmittelbar bevor?

    Ich kann keine Zeiten vorhersagen. Der Papst hat jedenfalls uns alle, die Verantwortlichen der Dikasterien, gebeten, unseren Dienst fortzusetzen, ohne dabei jedoch für den Moment irgendjemanden in seinem Amt bestätigen zu wollen. Dasselbe gilt für die Mitglieder der Kongregationen und der Päpstlichen Räte: Der normale Zyklus von Bestätigungen oder Ernennungen, die nach Ablauf der fünfjährigen Amtszeit erfolgen, ist für den Moment unterbrochen, und alle bleiben „bis auf weiteres“ („donec aliter provideatur“) in ihrem Amt. Das bringt den Willen des Heiligen Vaters zum Ausdruck, sich die notwendige Zeit zum Nachdenken – und für das Gebet, das dürfen wir nicht vergessen – zu nehmen, um sich ein genaues Bild über die Situation zu verschaffen.

    Was die Gruppe der Berater anbelangt: Jemand hat sogar behauptet, eine solche Entscheidung könne den Primat des Papstes in Frage stellen...

    Es handelt sich um ein Beratungs- und nicht um ein Entscheidungsgremium. Und ich kann wirklich nicht sehen, auf welche Weise die Entscheidung von Papst Franziskus den Primat in Frage stellen könnte. Es stimmt jedoch, dass es sich um eine Geste von großer Bedeutung handelt, die ein klares Signal hinsichtlich der Art und Weise setzen will, in welcher der Heilige Vater sein Amt ausüben möchte. Wir dürfen schließlich nicht vergessen, welches die erste Aufgabe ist, mit der die Gruppe der acht Kardinäle betraut wurde: dem Papst bei der Leitung der Weltkirche zur Seite stehen. Es wäre schade, wenn das neugierige Interesse im Hinblick auf den Aufbau und die Strukturen der Römischen Kurie die tiefe Bedeutung dieser Geste von Papst Franziskus in den Hintergrund drängen würde.

    Ist der Ausdruck „beraten“ nicht ein wenig zu unbestimmt?

    Im Gegenteil, das Beraten ist eine wichtige Aufgabe, die in der Kirche theologisch definiert ist und auf vielen Ebenen ihren Ausdruck findet. Man denke etwa an die Organe der Mitwirkung in den Diözesen und den Gemeinden, oder an die Konferenzen der Oberen, der Provinziale und Generale in den Instituten des geweihten Lebens. Die Funktion des Beratens muss nach einem theologischen Verständnisschlüssel interpretiert werden: Aus weltlicher Sicht müssten wir sagen, dass ein Rat ohne Entscheidungsgewalt nicht von Relevanz ist, aber das würde bedeuten, die Kirche einem Unternehmen gleichzusetzen. Theologisch gesehen kommt dem Beraten jedoch eine äußerst wichtige Funktion zu: dem Oberen bei der Entscheidungsfindung helfen, ihm dabei helfen zu verstehen, was der Heilige Geist in einem bestimmten historischen Moment von der Kirche fordert. Ohne diesen Bezug könnte man im übrigen nicht einmal die echte Bedeutung der Leitung in der Kirche verstehen.

    Wie empfinden Sie es, mit Papst Franziskus zusammenzuarbeiten?

    Ich habe schon mit Papst Benedikt eng zusammenarbeiten dürfen, jetzt setze ich meinen Dienst bei Papst Franziskus fort. Natürlich hat jeder seine eigene Persönlichkeit, seinen eigenen Stil, und ich empfinde mich wirklich als privilegiert aufgrund dieses engen Kontakts zu zwei Männern, die sich vollkommen für das Wohl der ganzen Kirche einsetzen, die sich ganz von sich selbst gelöst haben und ganz in Gott versunken sind, beseelt von einem einzigen Wunsch: den Männern und Frauen der heutigen Zeit die Schönheit des Evangeliums nahezubringen.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller