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    Benedikt XVI. warnt zu Pfingsten vor „geistiger Umweltverschmutzung“

    Rom (DT) Oft sind es unverhoffte Begegnungen, bei denen Päpste kleine Bekenntnisse ablegen. So wie am vergangenen Samstag, als Benedikt XVI. in der Audienzhalle des Vatikans etwa siebentausend Mädchen und Jungen der Päpstlichen Kindermissionswerke aus aller Welt empfing – unter ihnen vierzig Sternsinger aus der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Buchloe im Bistum Augsburg in Begleitung von Winfried Pilz, dem Präsidenten des Kinderhilfswerkes mit Sitz in Aachen. Und der Papst plauderte aus dem Nähkörbchen. Auf die Frage eines Mädchens bekannte er freimütig, dass er noch immer Schwierigkeiten habe, seine Wahl zum Papst zu begreifen. Auch nach vier Jahren habe er das Gefühl, dass das Amt weit über seine Kräfte gehe. „Aber der Herr hilft mir“, sagte Benedikt XVI.

    Rom (DT) Oft sind es unverhoffte Begegnungen, bei denen Päpste kleine Bekenntnisse ablegen. So wie am vergangenen Samstag, als Benedikt XVI. in der Audienzhalle des Vatikans etwa siebentausend Mädchen und Jungen der Päpstlichen Kindermissionswerke aus aller Welt empfing – unter ihnen vierzig Sternsinger aus der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Buchloe im Bistum Augsburg in Begleitung von Winfried Pilz, dem Präsidenten des Kinderhilfswerkes mit Sitz in Aachen. Und der Papst plauderte aus dem Nähkörbchen. Auf die Frage eines Mädchens bekannte er freimütig, dass er noch immer Schwierigkeiten habe, seine Wahl zum Papst zu begreifen. Auch nach vier Jahren habe er das Gefühl, dass das Amt weit über seine Kräfte gehe. „Aber der Herr hilft mir“, sagte Benedikt XVI.

    Als Kind habe er nie daran gedacht, einmal selbst Papst zu werden. „Ich war ein einigermaßen unbedarfter Junge in einem kleinen Dorf“, sagte Benedikt XVI. Der damalige Papst Pius XI. sei für ihn „in einer unerreichbaren Höhe, fast in einer anderen Welt“ gewesen. Immer wieder vom Beifall der jungen Pilger unterbrochen ließ Benedikt XVI. seine Grundschuljahre in Aschau am Inn Revue passieren. Da seine Familie aus dem fünfzig Kilometer entfernten Marktl stammte, sei sie in Aschau wegen des anderen Dialekts „ein bisschen fremd“ gewesen.

    Wo Unterschiede zwischen Reichen und Armen nicht zählten

    Trotzdem sei eine gute Gemeinschaft mit seinen Klassenkameraden entstanden. „Sie haben mir ihren Dialekt beigebracht, den ich noch nicht kannte. Wir haben gut zusammengearbeitet und natürlich auch ein paar Mal gestritten, aber dann haben wir uns versöhnt und vergessen, was vorgefallen war“, erzählte der Papst. Auch nach über siebzig Jahren seien sie „noch immer Freunde“. „Wir waren keine Heiligen“, sagte Benedikt XVI. über sich und seine Mitschüler. Dafür habe zwischen ihnen eine Gemeinschaft bestanden, „in der Unterschiede zwischen Reichen und Armen, Intelligenten und weniger Intelligenten nicht zählten“, erinnerte sich der Papst.

    Am Pfingstsonntag gab es dann eine weitere Besonderheit im Vatikan: Zur festlichen Messe am Morgen im Petersdom führten Domchor und Kammerorchester aus Köln die „Harmoniemesse“ von Franz Joseph Haydn auf. Anlass war der zweihundertste Todestag des Komponisten. Der Papst dankte den Musikern gerade für die Aufführung dieses Werks Haydns, das eine „erhabene Symphonie zu Ehren Gottes“ darstelle. In seiner Predigt zum Pfingstfest war Benedikt XVI. dann wieder ganz der Kirchenlehrer. Unter allen Hochfesten, so der Papst, zeichne sich Pfingsten durch seine Bedeutsamkeit aus, da an ihm das Wirklichkeit werde, was Jesus selbst als den Zweck seiner gesamten Sendung auf Erden verkündet habe.

    Während er nämlich nach Jerusalem hinaufgestiegen sei, habe er den Jüngern erklärt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Diese Worte würden ihre augenscheinlichste Verwirklichung fünfzig Tage nach der Auferstehung finden, zu Pfingsten, dem alten jüdischen Fest, das in der Kirche zum Fest des Heiligen Geistes schlechthin geworden sei. „Das wahre Feuer“, sagte Papst Benedikt weiter, „der Heilige Geist, ist von Christus in die Welt gebracht worden. Er hat es nicht den Göttern entrissen, wie dies nach dem griechischen Mythos Prometheus tat, sondern er ist zum Mittler der ,Gabe Gottes‘ geworden, indem er sie für uns durch die größte Liebestat der Geschichte erlangt hat: seinen Tod am Kreuz.“

    Die Schrift mache zudem am heutigen Hochfest deutlich, fuhr der Papst fort, „wie die Gemeinde sein soll, wie wir sein sollen, um die Gabe des Heiligen Geistes zu empfangen“. In dem Bericht, der das Pfingstgeschehen beschreibe, rufe der heilige Verfasser in Erinnerung, dass die Jünger „nun ständig alle zusammen an einem Ort blieben“.

    Dieser Ort sei der Abendmahlssaal, „das Obergemach“, wo Jesus zusammen mit seinen Aposteln das Letzte Abendmahl gehalten hätte, wo er ihnen als der Auferstandene erschienen sei; jener Raum, der sozusagen der „Sitz“ der entstehenden Kirche geworden war. Mehr als die Betonung eines physischen Ortes beabsichtige die Apostelgeschichte jedoch, die innere Haltung der Jünger hervorzuheben: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet.“ Die Einmütigkeit der Jünger, so der Papst, sei also die Bedingung dafür, dass der Heilige Geist kommt; und die Voraussetzung der Einmütigkeit ist das Gebet.“

    Das gelte auch für die Kirche von heute: „Es gilt für uns, die wir hier versammelt sind. Wenn wir wollen“, sagte Papst Benedikt, „dass Pfingsten nicht zu einem einfachen Ritus oder zu einer wenn auch suggestiven Gedenkfeier wird, sondern ein aktuelles Heilsereignis ist, müssen wir uns in frommer Erwartung der Gabe Gottes in demütigem und stillem Hören seines Wortes sammeln. Damit Pfingsten in unserer Zeit erneuert werde – ohne der Freiheit Gottes etwas zu nehmen –, muss die Kirche weniger ,atemlos‘ aufgrund ihrer Aktivitäten und mehr dem Gebet hingegeben sein.“

    Das Bild des Sturmes für den Heiligen Geist erinnere an die Theophanie auf dem Sinai, so der Papst weiter. Die antike Welt habe den Sturm als Zeichen der göttlichen Macht gesehen, angesichts derer sich der Mensch unterjocht und von Furcht ergriffen fühlte. „Das, was die Luft für das biologische Leben ist, ist der Heilige Geist für das geistliche Leben. Und wie es eine Luftverschmutzung gibt, die die Umwelt und die Lebewesen vergiftet, so gibt es eine Verschmutzung des Herzens und des Geistes, die das geistliche Dasein verletzt und vergiftet.“ Der Mensch dürfe sich nicht an die Gifte in der Luft gewöhnen. Allerdings müsse man sich auch um das sorgen, was den Geist verderbe: Der Papst beklagte, dass man sich problemlos an die vielen den Sinn und das Herz verschmutzenden Erzeugnisse gewöhne, die in der Gesellschaft im Umlauf seien, und erwähnte als Beispiel „Bilder, die Lust, Gewalt oder die Geringschätzung von Mann und Frau zum Spektakel machen“. Bei all diesen Dingen handle es sich nicht um Freiheit. Vielmehr müsse erkannt werden, „dass all dies vor allem die neuen Generationen verschmutzt und vergiftet und damit endet, deren Freiheit zu bedingen“.

    Unechte Gottesbeziehung als Folge eines falschen Gottesbildes

    Auch über das Bild vom Feuer für den Heiligen Geist sprach der Papst. Es rufe uns den Vergleich Jesu mit Prometheus in Erinnerung. Diese mythische Gestalt beinhalte einen charakteristischen Aspekt des modernen Menschen. „Nachdem er sich der Energien des Kosmos – des ,Feuers‘ – bemächtigt hat, scheint sich der Mensch heute selbst als Gott zu behaupten, die Welt zu verwandeln und dabei den Schöpfer des Universums auszuschließen, beiseitezustellen oder gar abzulehnen.“

    Der Mensch wolle nicht mehr Ebenbild Gottes sein, sondern nur Bild seiner selbst, was eine unechte Beziehung zu Gott an den Tag lege, Folge eines falschen Gottesbildes – „wie der verlorene Sohn des Gleichnisses aus dem Evangelium, der meint, sich selbst dadurch zu verwirklichen, dass er vom Haus des Vaters fortgeht“. Benedikt XVI. machte darauf aufmerksam, dass das „Feuer“ und seine enorme Möglichkeiten in den Händen eines solchen Menschen, wie er ihn geschildert hatte, zur Gefahr werden und sich gegen das Leben und die Menschheit richten könne, wie es die Geschichte gezeigt habe und immer noch zeige: „Der Mensch will nicht mehr Ebenbild Gottes sein, sondern Ebenbild seiner selbst; er erklärt sich für unabhängig, frei, erwachsen. Eine derartige Haltung legt offensichtlich eine unechte Beziehung zu Gott an den Tag, Folge eines falschen Bildes, das man sich von ihm geschaffen hat, wie der verlorene Sohn des Gleichnisses aus dem Evangelium, der meint, sich selbst dadurch zu verwirklichen, dass er vom Haus des Vaters fortgeht. In den Händen eines derartigen Menschen werden das ,Feuer‘ und dessen enorme Potenzialitäten zur Gefahr: Sie können sich gegen das Leben und die Menschheit selbst wenden, wie leider die Geschichte zeigt. Immerwährende Mahnung bleiben die Tragödien von Hiroshima und Nagasaki, wo die zu Kriegszwecken verwandte Kernenergie schließlich Tod in beispiellosen Ausmaßen säte.“

    Abschließend unterstrich Benedikt XVI. einen weiteren Aspekt des Kommens des Geistes: „Der Heilige Geist besiegt die Angst.“ Am Pfingstfest seien die Jünger, die zuvor verängstigt gewesen seien, furchtlos hinausgegangen und hätten begonnen, allen Menschen die frohe Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus zu verkündigen. „Wo der Geist Gottes eintritt, dort verjagt er die Angst“, unterstrich der Papst. „Er lässt uns erkennen und spüren, dass wir in den Händen einer Allmacht der Liebe sind: Geschehe, was will – seine unendliche Liebe verlässt uns nicht.“ Das Dasein der Kirche selbst beweise: Die Kirche durchquere trotz aller menschlicher Begrenztheit und Schuld weiter den Ozean der Geschichte.

    Von Guido Horst