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    Barmherzigkeit schafft Wohlstand

    Vor einigen Tagen, am 12. Februar, las man in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ unter der genau umgekehrten Überschrift „Barmherzigkeit schafft keinen Wohlstand“ ein Interview von Rainer Hank mit Prof. Dr. Martin Rhonheimer, katholischer Priester, Philosoph und Ökonom. Im Anschluss an den inzwischen berühmten und fast schon berüchtigten Satz von Papst Franziskus „Diese Wirtschaft tötet“ in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ erläutert Rhonheimer, dass Kapitalismus und Marktwirtschaft ganz und gar niemanden töten, sondern Wohlstand fördern, indem die Freiheit von Menschen befördert und angespornt wird. An dieser Stelle sollen einige der Thesen von Martin Rhonheimer aus der Sicht der katholischen Soziallehre auf den Prüfstand gestellt werden.

    „Diese Wirtschaft tötet“, lautet Franziskus' Kapitalismuskritik: Eine Ordensschwester protestiert im Juni 2015 vor der Z... Foto: KNA

    Vor einigen Tagen, am 12. Februar, las man in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ unter der genau umgekehrten Überschrift „Barmherzigkeit schafft keinen Wohlstand“ ein Interview von Rainer Hank mit Prof. Dr. Martin Rhonheimer, katholischer Priester, Philosoph und Ökonom. Im Anschluss an den inzwischen berühmten und fast schon berüchtigten Satz von Papst Franziskus „Diese Wirtschaft tötet“ in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ erläutert Rhonheimer, dass Kapitalismus und Marktwirtschaft ganz und gar niemanden töten, sondern Wohlstand fördern, indem die Freiheit von Menschen befördert und angespornt wird. An dieser Stelle sollen einige der Thesen von Martin Rhonheimer aus der Sicht der katholischen Soziallehre auf den Prüfstand gestellt werden.

    Rhonheimer erläutert den lateinamerikanischen Hintergrund des Denkens von Papst Franziskus in sozialpolitischer Hinsicht. Dies ist in der Tat zu unterstreichen: Das Konzept einer typisch kontinentaleuropäischen Sozialen Marktwirtschaft ist dem Papst von Haus aus sicher zunächst fremd. In jüngster Zeit hat er sich anlässlich der Entgegennahme des Karlspreises der Stadt Aachen in Rom allerdings positiv zur Sozialen Marktwirtschaft geäußert. In der Tat ist ja die Soziale Marktwirtschaft, wie wir sie kennen und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt haben, weder in den USA noch in Lateinamerika anschaulich und bekannt, in der Tat gilt der Liberalismus als Quelle von Korruption und Klientelismus; in der Tat ist der katholische Subkontinent Lateinamerika leider bis heute von unerträglichen sozialen Unterschieden und Zerklüftungen geprägt. Unvorstellbarer Reichtum steht vielerorts neben schreiender Armut; gewaltige Einkommensunterschiede und weit auseinanderklaffende Lebensverhältnisse sind an der Tagesordnung.

    Die Finanzkrise ab 2007 hat, auch in den Augen des Papstes, noch einmal deutlich vor Augen geführt, wohin ein „Casino-Kapitalismus“ ohne Regeln und Gesetze und Anstrengungen zur Umverteilung und zur gerechten Besteuerung führt. Das kann man übrigens schon in der Enzyklika „Centesimus annus“ von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahre 1991, aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. und zwei Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus, nachlesen: Der Papst erteilt einem schrankenlosen Kapitalismus eine klare Absage und befürwortet in der Folge das Konzept einer Sozialen Marktwirtschaft, wie sie die Freiburger Schule und der Ordoliberalismus nach dem Ersten Weltkrieg in den Gestalten vor allem von Alfred Müller-Armack (1901– 1978), Walter Eucken (1891–1950), Franz Böhm (1895–1977) und Alexander Rüstow (1885–1963) entwickelt hatte. Auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft wird die freie Initiative von wirtschaftlich tätigen Menschen mit einem durch diese Wirtschaft ermöglichten und gesicherten sozialen Fortschritt verbunden. Die Gesetze – also der „Ordo“, die Gesetzesordnung – dienen zum einen der Verhinderung von Monopolen und Kartellen und der Möglichkeit echten Wettbewerbs, zum anderen aber versuchen sie, alle Menschen im Staat am wirtschaftlichen Fortschritt teilhaben zu lassen: durch Bildung, durch geförderte Arbeitsmärkte, durch soziale Sicherungssysteme, kurz: durch das, was wir heute einen modernen Sozialstaat nennen. Denn natürlich ist die Wirtschaft nur ein Teil des menschlichen Lebens; durch sie sollen Partizipation aller Bürger am gesellschaftlichen Leben und finanzielle Mittel zur Förderung der schwächeren oder gar ausgeschlossenen Marktteilnehmer bereitgestellt werden. Daher die in der Sozialen Marktwirtschaft im Vergleich zum angelsächsischen Kapitalismus relativ hohe Steuerquote: Umverteilung von Reichtum ist von der Sozialen Marktwirtschaft von Anfang an vorgesehen; daher ist sie von Anfang an, wie ihre Vordenker wussten und wissen, ethisch aufgeladen und von hohen ethischen Idealen durchtränkt.

    Rhonheimer erklärt: Mit Caritas allein lässt sich kein Wohlstand schaffen. Auch das ist grundsätzlich richtig, aber genau das wird von der Sozialen Marktwirtschaft gesehen. Wohlstand wird durch Freiheit des Unternehmertums produziert und soll dann allen im Staat zugute kommen. Aber dieses freie Unternehmertum bedarf der Regeln und der gesetzlichen Ausrichtung auf das Gemeinwohl. Und das Gemeinwohl besteht nach Ansicht der katholischen Soziallehre eben genau in der grundlegenden Gerechtigkeit für jeden Menschen im Staat, im Recht also, teilzuhaben am gesellschaftlichen Wohlstand, auch wenn dieser vornehmlich von einigen wenigen produziert würde – genau das heißt Solidarität: An die Starken und die Reichen ergeht die Forderung, solidarisch zu sein mit den Schwächeren und Ärmeren. Das heißt systemisch organisierte Nächstenliebe. Caritas ist dann nicht mehr nur ein Almosen der Reichen, auf das der im Straßengraben liegende Mensch möglicherweise lange und der auf der Türschwelle des reichen Prassers liegende arme Lazarus möglicherweise zeitlebens vergeblich wartet. Caritas ist vielmehr, weit vor dem Almosen, das Recht eines jeden Menschen in menschlicher Gesellschaft, Wohltat vom anderen Menschen zu empfangen, und das im System, als Recht: im System von Krankenversicherung und Rentenversicherung und Arbeitsförderung und Mindestlohn und Bildungschancen.

    Rhonheimer behauptet: „Irgendwie hatte die Kirche dann den Eindruck gewonnen, sie müsse eine eigene Soziallehre entwickeln. Weil das Evangelium dafür aber keine eindeutigen Vorgaben enthält, blieb die katholische Soziallehre stets ein Kind der Zeit, mehr oder weniger distanzlos an den Zeitgeist gebunden.“ Das ist, mit Verlaub, meines Erachtens pure Polemik! Denn erstens enthält das Evangelium, wie übrigens das gesamte Alte und Neue Testament, eindeutige Vorgaben für das soziale Leben in Nächstenliebe und Solidarität: Man denke an die prophetische Kritik an den Reichen im Alten Testament, man denke an das Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus, man denke an das 25. Kapitel im Matthäusevangelium: „Was Ihr dem Geringsten getan habt, habt Ihr mir getan!“ Und zweitens: Die Soziallehre ist die konsequente Folge des Glaubens an die Offenbarung des Vaters in Jesus Christus, eine Offenbarung der Liebe, die zu mehr und mehr Liebe und Gerechtigkeit führen soll. Dies ist natürlich immer an „Zeitgeist“ gebunden, an Gleichnisse und Bilder und Sprache, die in unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich konkretisiert werden müssen. Das gilt natürlich für dogmatische Aussagen wie auch für ethische und sozialethische Aussagen. Ein gutes Beispiel dafür ist das allmähliche Verschwinden des Zinsverbotes und die allmähliche Einführung des Bankwesens, insbesondere der Genossenschaftsbanken, durch die franziskanische Reformbewegung und den hl. Bernhardin von Siena (+ 1444): Immer steht das Ziel einer schrittweisen Verbesserung der Lebensumstände der Armen vor Augen; damals entsteht der Frühkapitalismus. Natürlich kann man in Fragen der praktischen Wirtschaftsordnung unter Christen unterschiedlicher Meinung sein. Aber man kann eindeutig als Christ nicht behaupten, ein US-amerikanisches Sozialsystem und eine dementsprechende Wirtschaftsordnung stünde dem Evangelium Jesu näher als die Soziale Marktwirtschaft: Dem größten Teil der Menschen geht es in Schweden oder in Deutschland besser als in den USA!

    Rhonheimer unterstreicht abschließend: „Barmherzigkeit kann nicht mit Zwangsmaßnahmen realisiert werden.“ Auch hier widerspreche ich entschieden, weil Rhonheimer innere und äußere Welt verwechselt: Jede Mutter wird bis zu einem bestimmten Punkt in der Erziehung der Kinder diese zu Barmherzigkeit der Tat zwingen, darauf hoffend, dass die Barmherzigkeit des Herzens sich nachfolgend durch freie Einsicht einstellt. Wir müssen zu guten Taten gezwungen werden, nur so lernt unser innerer Mensch und wir kommen zur Einsicht. Der reiche Prasser im Evangelium wird in der Sozialen Marktwirtschaft eben nicht seiner Freiheit und seinem Schicksal, der arme Lazarus nicht seinem Verhängnis und seinem Elend überlassen. Mit der sanften Gewalt der Besteuerung zwingt der Sozialstaat mit sehr guten Gründen zu effektiver Barmherzigkeit, die sich Solidarität nennt, und er hofft auf die Einsicht der so zum Guten verpflichteten Bürger in das letztlich Gute der staatlichen Erziehung zum sozialen Fortschritt. Wem das zu viel an Staat und zu wenig an Freiheit ist, der hat noch nicht genügend das Dogma von der Erbsünde in sozialethische Sprache übersetzt! Oder mit dem großen bayrischen Spötter Karl Valentin: „Der Mensch an sich ist gut, aber er wird immer seltener!“ Genau deshalb, damit der gute Mensch wieder häufiger werde, braucht es eine regelgeleitete Wirtschaft und einen starken Sozialstaat.

    Professor Schallenberg ist Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und leitet die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle in Mönchengladbach