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    Aushängeschild in der Diaspora

    Hamburg (DT) Am vergangenen Wochenende hat offiziell die erste katholische Hochschule Skandinaviens seit Einführung der Reformation im schwedischen Uppsala ihre Pforten geöffnet. Die nach dem englischen Kardinal John Henry Newman benannte Hochschule unter Leitung des Jesuitenordens feierte ihren Start mit drei Vorträgen, die die Herausforderungen an das Christentum der Gegenwart thematisierten.

    Hamburg (DT) Am vergangenen Wochenende hat offiziell die erste katholische Hochschule Skandinaviens seit Einführung der Reformation im schwedischen Uppsala ihre Pforten geöffnet. Die nach dem englischen Kardinal John Henry Newman benannte Hochschule unter Leitung des Jesuitenordens feierte ihren Start mit drei Vorträgen, die die Herausforderungen an das Christentum der Gegenwart thematisierten.

    Die katholische Newman-Universität ist die erste katholische Bildungsstätte seit dem 16. Jahrhundert. Sie ist seit einem Jahr auch staatlich anerkannt und hat die Befugnis erhalten, akademische Examina abzunehmen. Im Jahr 1477 hatte Papst Sixtus IV. die bisher letzte katholische Hochschule in Uppsala gegründet. Damals war nahezu die gesamte schwedische Bevölkerung katholischen Glaubens. Die Missionierung Schwedens geht zurück auf den ersten Hamburger Erzbischof, den heiligen Ansgar (801–865), der 829 vom schwedischen König Björn eingeladen wurde, in Birka, einem bedeutenden Handelsplatz der Wikingerzeit 27 km westlich von Stockholm, zu missionieren. Dort entstand die erste christliche Kirche in Skandinavien.

    Nach Rückschlägen in der Mission konnte Ansgar, der „Apostel des Nordens“, 851 den Priester Ardgar nach Schweden senden. Ihm gelang es, den dänischen König Horik II. zu bekehren, dem viele Schweden und Dänen folgten. Zwei Jahre später reiste Ansgar persönlich nach Schweden und stiftete dort wie im (heute deutschen) Schleswig Kirchen. So schließt sich in diesem Jahr gleichsam ein Kreis der Geschichte. Die Newman-Universität beginnt ihre Arbeit ungefähr dort, wo die katholische Kirche in Schweden begründet wurde. In der historischen Betrachtungsweise nimmt die Hochschule also nach einer vergleichsweise kurzen Unterbrechung von „nur“ 500 Jahren ihre Arbeit wieder auf.

    Heute gehören etwa 1,5 Prozent der neun Millionen Schweden zur katholischen Kirche. Sie ist damit eine echte Minderheiten-, eine „extreme Diaspora-Kirche“, wie sich Erzbischof Ludwig Schick bei einem Besuch der Einrichtung im April des Jahres ausdrückte. „Hier in der katholischen Minderheiten-Kirche in Schweden sind in einer Gemeinde über 80 verschiedene Nationen vertreten.“ Daher sei die Integration der verschiedenen Nationalitäten eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche als Weltkirche. Sie sei bestens dazu geeignet, Gemeinschaft zu schaffen mit Menschen aus unterschiedlichen Nationen und dazu beizutragen, dass sie friedlich miteinander leben. Dies solle auch für die Katholiken in Deutschland zunehmend eine größere Rolle spielen, führte der Bamberger Erzbischof aus.

    Zehn Prozent der etwa 135 000 Katholiken in Schweden kommen als „Konvertiten“ aus der lutherischen Staatskirche Schwedens. Dies war einer der Gründe, warum das „Newmaninstitutet“, 2001 als Vorläufer der heutigen Universität begründet, sich nach dem gleichfalls konvertierten Kardinal Newman (1801–1890) benannte. John Henry Newman gehörte zu den herausragenden Gestalten in der Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts, ein profunder Kenner der Kirchenväter und der biblischen Theologie. Sein Übertritt im Alter von 44 Jahren sorgte in England für Furore, weil er der Kopf der anglikanischen Reformer namens „Oxford-Bewegung“ war. Deren Ansatz, einen Mittelweg zwischen katholischer Kirche und Protestantismus zu finden, betrachtete Newman mit seiner Konversion als gescheitert. 1847 wurde er zum katholischen Priester geweiht und begründete in der Folgezeit die Klerikergemeinschaft des englischen „Oratorium“ (nach Philipp Neri) in Birmingham. 1879 wurde Newman von Papst Leo XIII. zum Kardinal ernannt. Papst Benedikt XVI., der als großer Verehrer Newmans gilt, kommt für die Seligsprechung des Kardinals am 19. September extra nach Birmingham – als Höhepunkt und Abschluss der bevorstehenden Großbritannien-Reise des Heiligen Vaters.

    Die Person Newmans vermittelt freilich nicht nur den Gedanken des Übertritts von einer protestantischen kirchlichen Gemeinschaft in die katholische Kirche, sondern auch den Aspekt der Bekehrung. Erzbischof Schick beobachtete bei seinem Schwedenbesuch, „dass die Katholiken in Schweden entschiedener für ihren Glauben einstehen als anderswo“. Die schwedische Kirche sei eine wachsende Kirche. Der Generalsekretär des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken, Monsignore Georg Austen, sprach von einer „kleinen, sehr bunten und internationalen katholischen Kirche, die sich auf einer großen Fläche verteilt“. Die Katholiken würden deutlich zeigen, dass auch in einer „sehr säkularen Gesellschaft das Christsein nicht an Reiz verliert und man sich trauen kann, entschieden Christ zu sein“.

    Die katholische Newman-Universität in Uppsala bietet Kurse in Theologie, Philosophie und kulturellen Studien an. Der gegenwärtige Rektor ist Philipp Geister SJ. Als deutsche Partnerhochschule fungiert die ebenfalls von Jesuiten geführte Hochschule St. Georgen bei Frankfurt. Seit dem Jahr 2007 übernahm das Institut auch die Ausbildung für katholische Priesteramtskandidaten der Diözese von Stockholm. Seit 2008 können Studenten in Uppsala an einem Bachelor-Programm (180 Kredit-Punkte) teilnehmen, das die drei Studienbereiche vereint. Ein Diplom in Religionspädagogik, das 120 Kredit-Punkte und die entsprechenden Vorlesungen sowie Seminare umfasst, ist ebenfalls belegbar. Darüber besteht für Studierende die Möglichkeit, auch nur an einzelnen Kursen teilzunehmen, die nicht nur theologische und philosophische Themen sondern auch Literatur, Kunst, kirchliche Architektur, Musik und Film umfassen.

    Das Newman-Institut arbeitete in der Vergangenheit national und international mit verschiedenen akademischen Institutionen zusammen. Dazu gehört zunächst der theologische und musikwissenschaftliche Fachbereich der Universität von Uppsala. Mit der größten theologischen Fakultät Skandinaviens im norwegischen Oslo entstanden ebenso Kooperationen wie mit der Universita Pontificia Gregoriana in Rom und dem Boston College in den Vereinigten Staaten.

    Der Lehrkörper des bisherigen Newman-Institutes umfasst 25 vollzeitige Dozenten und Lehrbeauftragte. Die Landessprache in Vorlesungen und Seminaren ist normalerweise auch die Unterrichtssprache; einzelne Referenten sprechen jedoch auch englisch. In jedem Semester bietet das Institut und die jetzige Universität auch Kurse in Stockholm, Göteborg und Vadstena an. Dort hatte im Jahr 1349 die heiligen Birgitta von Schweden (1303–1373) den Birgittenorden begründete.

    Im Jahr 2006 konnte das Newman-Institut das Hauptgebäude der heutigen Universität erwerben. Es liegt mitten im Zentrum von Uppsala, nur einen Häuserblock von der katholischen Pfarrgemeinde entfernt. Auch die Universität und die Kathedrale liegen in Gehweite. Vor einem Jahr konnte noch ein neuer Flügel an das Gebäude angebaut werden. In der bisher noch kleinen Bibliothek befinden sich erst 5 000 Titel aus den Bereichen Theologie, Philosophie und Kultur. „Signum“ heißt das Magazin des Instituts, das achtmal im Jahr seit 1975 erscheint und ein breites Spektrum von Themen aus Theologie, Forschung, Kultur und Gesellschaft abdeckt.

    Die jesuitische Leitung des Instituts betont die intellektuelle katholische Tradition und den „ganzheitlichen Ansatz“ als Basis der neuen Universität. Mit der Ganzheitlichkeit in Bezug auf die Pädagogik markiert die Societas Jesu ihr Ziel, die Studenten mit einer Wissensbasis auszustatten, die den intellektuellen Horizont und kritisches Denken beinhaltet. So sollen die Studierenden sich als Menschen weiterentwickeln und mehr Offenheit und Respekt gegenüber ihren Mitmenschen entwickeln. Ob John Kardinal Newman mit dieser Zielbeschreibung zufrieden gewesen wäre, darf man getrost in Frage stellen. Denn dem prononcierten Kritiker des Liberalismus und Modernismus, dem Verfechter der katholischen Lehre und der Mission hätte da sicher noch einiges hinzugefügt.