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    Auschwitz und der Vatikan

    Die Welt gedenkt der Befreiung von Auschwitz 1945. Doch wann und wie erfuhr der Vatikan vom systematischen Judenmord? Von Michael Hesemann

    Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz
    Hölle auf Erden: Trotz einzelner Berichte lagen dem Vatikan zunächst keine Beweise für die Ermordung von Juden in Gaskam... Foto: dpa

    Am 8. August 1942 schickte Gerhard Riegner vom Jüdischen Weltkongress ein Telegramm an das US-State Department und den Vatikan: Hitlers Führerhauptquartier plane, Millionen von Juden mithilfe von Blausäure zu ermorden. In Washington hielt man das jedoch für ein „wildes, von jüdischen Ängsten inspiriertes Gerücht“.

    Im Vatikan wusste man zu diesem Zeitpunkt längst, dass Hunderttausende von Juden unter unmenschlichen Bedingungen in das von den Nazis besetzte Polen deportiert und dort in Ghettos eingepfercht oder in Arbeitslagern kaserniert wurden. Auch Berichte von Massenerschießungen von Juden in der besetzten Ukraine ließen Papst Pius XII. dreimal – am 1. August 1941, am 24. Dezember 1942 und am 2. Juni 1943 – die Verbrechen der Nazis öffentlich anprangern. Zudem versuchte der Vatikan durch 40 diplomatische Interventionen, weitere Deportationen aus Hitlers Vasallenstaaten zu stoppen oder zumindest zu verzögern. Doch Kunde davon, dass die schrecklichen Konzentrationslager letztendlich Todesfabriken waren, erreichte erst spät und zunächst in Form von Gerüchten den Heiligen Stuhl. Das geht aus den Dokumenten der vatikanischen Archive hervor, die bislang veröffentlicht wurden.

    Wie schlecht man informiert war, zeigte sich, als der persönliche Repräsentant von US-Präsident Roosevelt, Taylor, am 26. September 1942 eigens nach Rom kam, um dem Papst einen Bericht der „Jewish Agency“ zu überbringen, der von Massenexekutionen in einem KZ namens „Belick“ (wohl Belzec) handelte: „Die Juden, die aus Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich und der Slowakei deportiert wurden, werden ins Schlachthaus geschickt.“ Jetzt wollte er erfahren, was der Vatikan darüber wisse.

    „Ich glaube nicht, dass wir über Informationen verfügen, die – insbesondere – diese schwerwiegenden Nachrichten bestätigen würden“, notierte Kardinalstaatssekretär Maglione auf dem Dokument. „Es gibt die von Herrn Malvezzi“, ergänzte ein Mitarbeiter. Graf Malvezzi war ein Angestellter eines italienischen Unternehmens, der unlängst aus Polen zurückgekehrt war. Er sprach zwar von Massakern, bestätigte aber die zitierten Informationen nicht. Auch eine Anfrage beim Vatikan-Botschafter der Exilpolen, Kazimierz Papée, ergab keine direkte Bestätigung; er habe nur „von einem Bürger der Achsenmächte“ erfahren, dass man „die Juden in einem Lager konzentriert, wo sie dann ermordet werden“. So musste Maglione einräumen: „Der Heilige Stuhl hat Nachricht über die schwere Misshandlung der Juden erhalten. Die Genauigkeit aller zugegangenen Informationen kann er jedoch nicht überprüfen.“ Am 9. Dezember 1942 berichtete ein Nuntiaturrat aus Berlin von „gewaltigen Konzentrationslagern“, in denen die Juden „ein sehr hartes Leben führen; man gibt ihnen nur wenig zu essen; sie müssen außergewöhnlich schwere Arbeiten verrichten, was sehr schnell zu ihrem Tod führt“. Zehn Tage später meinte Botschafter Papée, die Deportation auch von Alten, Kranken und Kindern sei ein Indiz dafür, dass diese Lager nicht allein der Zwangsarbeit dienten; vielmehr bestätige sie „Informationen, nach denen die Deportierten durch unterschiedliche Methoden an eigens zu diesem Zweck eingerichteten Orten umgebracht würden.“ Über eine Million Juden seien wohl bereits von den Deutschen ermordet worden.

    Am 7. März 1943 leitete der päpstliche Chargé d'Affairs in Bratislava, Msgr. Burzio, den erschütternden Brief eines Pfarrers aus Bratislava an den Vatikan weiter. Ein deutscher Offizier hätte gegenüber einem Dritten „auf kalte und zynische Weise zugegeben“, dass die nach Polen deportierten Juden „mit Giftgas oder mit dem Maschinengewehr oder auf andere Weise umgebracht“ würden. Ein weiterer Bericht vom 5. Mai 1943 erwähnt „spezielle Todeslager in der Nähe von Lublin (Treblinka)“. Allerdings liegt Treblinka nicht bei Lublin, sondern nordöstlich von Warschau. „Man erzählte, dass (die Juden) zu Hunderten in Räumen eingesperrt werden, wo sie unter dem Einfluss von Gas enden.“ Doch auch diese Informationen waren noch vage. Das sah man nicht nur im Vatikan so. Auch das US-Außenministerium befand noch am 30. August 1943: „Es gibt keinen hinreichenden Beweis, um eine Erklärung über die Hinrichtung in den Gaskammern zu rechtfertigen.“

    Erst im Sommer 1944 hatte man traurige Gewissheit. Im April 1944 war es zwei slowakischen Juden, Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, gelungen, aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu fliehen, sich in die Slowakei abzusetzen und dort den Partisanen anzuschließen. Ihr 32-seitiger Bericht wurde übersetzt und außer Landes geschmuggelt. Danach seien bereits 1 715 000 Juden in den Gaskammern gestorben. Über drei Kanäle – die Apostolischen Delegaten in Bratislava und Konstantinopel sowie den Berner Nuntius – erreichte er Anfang September den Vatikan. Sofort beauftragte das Staatssekretariat den Nuntius in Berlin, bei den deutschen Behörden diskrete Erkundungen über das Lager einzuholen. Bislang wusste man nur vom Stammlager Au-schwitz, in dem vor allem polnische politische Gefangene inhaftiert waren. Jetzt erfuhr man erstmals von „Auschwitz II“, dem Todeslager Birkenau.

    Als Angehörige des „Jewish Council“ Ende September 1944 den Apostolischen Delegaten in Washington, Erzbischof Cicognani, baten, der Heilige Vater möge sich bei der deutschen Regierung für die Befreiung der „45 000“ Auschwitz-Insassen einsetzen, wurde der Berliner Nuntius Cesare Orsenigo sofort damit beauftragt. Eine zweite Demarche ging an den italienischen Vatikanbotschafter: Auch seine Regierung möge doch Druck auf die Deutschen ausüben; Gerüchte besagten, dass die Nazis alle KZ-Insassen massakrieren wollten. Am 4. Oktober bestätigte der polnische Exilbotschafter Papée die Existenz deutscher Vernichtungslager in Auschwitz und Umgebung, in denen derzeit 16 725 Männer und 39 125 Frauen interniert seien, die jetzt „in unmittelbarer Todesgefahr“ stünden. Man plane, die Lager zu zerstören, „um alle Spuren der dort begangenen Gräueltaten zu beseitigen… Die Insassen – zehntausende Männer und Frauen – würden vorher getötet und ihre Leichen verbrannt.“

    Tatsächlich ließ Himmler ab dem 7. Oktober 1944 die Gaskammern und Krematorien von Auschwitz sprengen. Lediglich die geplante Ermordung der KZ-Insassen blieb aus – womöglich aufgrund der vatikanischen Intervention.

    Am 13. Oktober traf eine Antwort aus Berlin ein. Das Auswärtige Amt „versicherte, diese Berichte seien Feindpropaganda und verwies auf die Gefangenen der Lager, die vom Internationalen Roten Kreuz besucht werden durften“. Das Staatssekretariat wies daraufhin Orsenigo an, nachzufragen, wann das Konzentrationslager „Birchenau“ zuletzt vom Roten Kreuz besucht wurde. Eine Antwort blieb aus. Erst am 25. Januar 1945, als die Russen in Schlesien einmarschierten, erschien der Name „Auschwitz“ erneut in den Vatikanakten. Der Nuntius sollte dringendst erneut in Berlin intervenieren, um zu verhindern, dass „die deutschen Truppen bei ihrem Rückzug die Insassen des Lagers Auschwitz massakrieren“. Diese Demarche war nicht mehr nötig; nur zwei Tage später wurde Auschwitz von den Russen befreit.

    Der Autor forscht seit Jahren im Geheimarchiv des Vatikan. Kürzlich erschien sein Buch „Der Papst und der Holocaust“ im LangenMüller-Verlag.

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