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    Ausbalancierte Frömmigkeit

    Jeder, der verantwortlich und mit kirchlichem Sinn Theologie treiben will, kennt, schätzt und nutzt hoffentlich den „Denzinger“, jenes nach dem Würzburger Theologen Heinrich Denzinger benannte und von ihm 1854 zum ersten Mal herausgegebene Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, das seit 2010 in 43. Auflage vorliegt und auf nun fast 1 800 Seiten alles versammelt, was relevant ist in der Wissenschaft von Gott. Von nicht geringerer Bedeutung – wenn auch mit 700 Seiten noch quasi leichtgewichtig – ist das von dem französischen Jesuiten und Professor für Spiritualität an der „Gregoriana“, Joseph de Guibert, 1931 erstmals herausgegebene Werk „Dokumente des Lehramtes zum geistlichen Leben“, das nun – von den Münchener Professoren Stephan Haering und Andreas Wollbold bearbeitet – eine klug überlegte Auswahl von lehramtlichen Texten zu Fragen des geistlichen Lebens aus bald zwei Jahrtausenden versammelt. Es steckt, wie beim „Denziger“, der im Aufbau als Vorbild gedient hat, eine gewaltige Arbeit dahinter, nicht nur die relevanten Abschnitte zu erkennen, sondern sie auch in einer sorgfältigen Übersetzung, die neben dem meist lateinischen Original steht, im Deutschen zugänglich zu machen.

    Der Band dokumentiert viele Zeugnisse für das Vertrauen, das die Kirche seit Jahrhunderten in den Rosenkranz setzt, unte... Foto: KNA

    Jeder, der verantwortlich und mit kirchlichem Sinn Theologie treiben will, kennt, schätzt und nutzt hoffentlich den „Denzinger“, jenes nach dem Würzburger Theologen Heinrich Denzinger benannte und von ihm 1854 zum ersten Mal herausgegebene Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, das seit 2010 in 43. Auflage vorliegt und auf nun fast 1 800 Seiten alles versammelt, was relevant ist in der Wissenschaft von Gott. Von nicht geringerer Bedeutung – wenn auch mit 700 Seiten noch quasi leichtgewichtig – ist das von dem französischen Jesuiten und Professor für Spiritualität an der „Gregoriana“, Joseph de Guibert, 1931 erstmals herausgegebene Werk „Dokumente des Lehramtes zum geistlichen Leben“, das nun – von den Münchener Professoren Stephan Haering und Andreas Wollbold bearbeitet – eine klug überlegte Auswahl von lehramtlichen Texten zu Fragen des geistlichen Lebens aus bald zwei Jahrtausenden versammelt. Es steckt, wie beim „Denziger“, der im Aufbau als Vorbild gedient hat, eine gewaltige Arbeit dahinter, nicht nur die relevanten Abschnitte zu erkennen, sondern sie auch in einer sorgfältigen Übersetzung, die neben dem meist lateinischen Original steht, im Deutschen zugänglich zu machen.

    Ein kleiner Kritikpunkt: Die in der Einleitung vorgestellten lehramtlichen Zensurkategorien, von „haeretica“ (gegen die Lehre der Kirche) bis „iniuriosa“ (beleidigend), werden nicht wirklich erklärt (was aber notwendig wäre), neuere Sekundärliteratur dazu wird nicht angeführt. Die Lektüre, auch hier gilt wieder die Parallele zum „großen Bruder“, ist wesentlich spannender, als man bei einem Handbuch zunächst vermuten möchte. Denn es geht tatsächlich um Essentialia von Beten und Glauben, aber auch – wegen des chronologischen Aufbaus – um die großen Themen und Kontroversen der Kirchengeschichte. Spirituelle Theologie ist, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt, als „Disziplin zwischen den Disziplinen“ angelegt, denn viele Fächer, von der Frauenforschung bis zur Germanistik, befassen sich mit Teilaspekten spiritueller Probleme. Mehr noch, „spirituelle Theologie steht zwischen dem Wissenschaftsanspruch der Theologie und einem radikalen Erfahrungspostulat, das die geistliche Praxis (...) vielfach mit sich bringt“, gipfelnd in der Behauptung, dass die persönliche Erfahrung dem bloß Gelehrten nicht zugänglich sei und sich daher vor der Vernunft auch nicht rechtfertigen müsse. Diese irrige Meinung zieht sich – nicht sehr überraschend – durch die Jahrhunderte. In dem Band gibt es reichliches Anschauungsmaterial; so wundert es nicht, dass häufig genug Be- und auch Verurteilungen falscher Lehrmeinungen durch die kirchliche Autorität der Anlass für die Aufnahme in den „Guibert“ bilden. Doch ist dieses Kompendium des Strebens nach Gotteserkenntnis und der rechten Gestaltung christlichen Lebens in erster Linie ein aufbauendes, zum Nachforschen und auch zur Nachahmung einladendes Buch.

    Viele Heilige tauchen darin auf, wie Irenäus von Lyon und Augustinus, die großen heiligen Ordensgründer oder Karl Borromäus. Aber eben auch das, wogegen die großen Theologen antraten, die Irrlehren. Dabei stellt der auch in den Anmerkungen auf neueren Stand gebrachte „Guibert“ zunächst in einer kurzen Einführung das Wesen der zu behandelnden irrigen Meinung dar, bevor dann einige beurteilende lehramtliche Äußerungen folgen. Das ist hilfreich und ermöglicht zum Beispiel, sich ein Bild darüber zu machen, was Enkratismus, Montanismus und einige weitere -ismen meinen und warum sie eine falsche Deutung christlicher Lehre sind.

    Der Leser wird dabei ein ums andere Mal lernen, dass die Kirche in vielen Phasen ihrer Geschichte vor zu großer Strenge und insbesondere vor rigorosen Moralvorstellungen warnte. Die selbsternannten „Reinen“, die durch solche Irrlehren wirkten, machten gegen Güterbesitz, Fleischspeisen, Wein und Ehe Front, derer sich Laien wie Priester enthalten sollten. Dagegen halten die „Kanones der Apostel“ (um 400) fest: „Wenn ein Bischof, Priester oder Diakon an Festtagen kein Fleisch und keinen Wein zu sich nimmt, dann soll er abgesetzt werden, denn er hat ein gebrandmarktes Gewissen (1 Tim 4, 2) und er hat vielen Anstoß gegeben.“ Zuvor hatte schon Epiphanius von Salamis formuliert: „Auch in der Kirche gibt es Entsagung, aber sie verabscheut die Ehe nicht. Auch in ihr gibt es Besitzlosigkeit, aber sie erhebt sich nicht über diejenigen, die rechtmäßig Güter besitzen (...), mit denen sie sich selbst und den Bedürftigen zu Hilfe kommen. Auch fasten viele, aber sie dünken sich nicht über diejenigen erhaben, die nicht fasten.“ Es ist also die Stimme der Vernunft, die zum Tragen kommt und namens der Kirche Überspanntheiten zurückweist.

    Einen weiteren Schwerpunkt im Buch hat die – entgegen heute zu hörenden Auffassungen – konstante kirchliche Lehre zur Ehelosigkeit ihrer Amtsträger. Vom Enthaltsamkeitszölibat in einer vor der Weihe geschlossenen Ehe – eine Möglichkeit, die dann bald nur noch den Diakonen in den Kirchen des Ostens zuerkannt wurde – führt ein gerader Weg zum Verzicht auf die Ehe um des Himmelreiches willen, also zum eigentlichen Ehelosigkeitszölibat. Das Konzil von Neocäsarea (um 315) hält bereits fest: „Wenn ein Priester heiratet, soll er aus seinem Stand entfernt werden“.

    Die großen Ordensregeln, von Augustinus bis zu denen der Regularkleriker, wie den Jesuiten, und den revidierten Satzungen des Kartäuserordens, sind abgedruckt und laden zum vergleichenden Studium ein. Freilich musste die Kirche auch einmal, im 13. Jahrhundert, Beschlüsse gegen eine zu große Menge neuer Ordensgemeinschaften fassen.

    Immer wieder und vermehrt in der Neuzeit hat die Kirche zum häufigen, allerdings würdigen Empfang der Kommunion aufgerufen. Dem Bischof von Brescia wurde 1587 aus Rom geschrieben: „Die Aufmerksamkeit des Hirten wird sich also nicht so sehr darauf richten, dass Menschen nicht durch eine (...) Gesetzesvorschrift vom häufigen oder täglichen Empfang der hl. Kommunion abgeschreckt (...) werden, sondern eher bei der Entscheidung darauf achten, was nach Meinung des Oberhirten den Einzelnen (...) zu erlauben sei. Sie soll (...) unbedingt dafür Sorge tragen, dass niemand vom heiligen Gastmahl – ob er häufig oder täglich dazutritt – ferngehalten wird.“ „Andacht und Vorbereitung“ seien die Kriterien, die dabei anzuwenden seien. Das betrifft auch die Kleriker, wie 1859 die Provinzialsynode von Vienne sagt: „Der Priester soll so leben, wie er selbst denjenigen zu leben vorschreiben würde, die ihm gegenüber den Wunsch nach der täglichen Kommunion äußern würden“. Wie kontrastiert das mit dem heute gewohnheitsmäßigen und oft nicht im „Stand der Gnade“ vollzogenen Gang zur Kommunion. Eben jene Kleriker werden bei einer der letzten Eintragungen des Bandes (mit der Spaltennummer 1585) noch einmal angesprochen, wenn, im Einklang mit dem Motu proprio „Summorum pontificium“, die Möglichkeit eröffnet wird, das römische Brevier von 1962 zu beten – gleichfalls eine Vorschrift, die sich nicht universaler Bekanntheit erfreuen dürfte.

    Orientierungen für die „Pastoral der Straße“ finden sich in dieser wahren geistigen Vorratskammer ebenso wie das viel zu wenig bekannte „Direktorium über die Volksfrömmigkeit“, die Verurteilung wesentlicher Praktiken des „Engelwerks“, die Lösung der Frage, wie auf Schiffen Seelsorge zu betreiben ist oder das Verbot für Priester, leitende politische Tätigkeiten wahrzunehmen und die ausdrückliche Aufforderung an die Kirchen des Osten, ihren Ritus und ihre Sprache immer zu verwenden. Es ist, kurz und gut, eine wichtige Neuerscheinung zu begrüßen, die binnen kurzem ihren Platz neben anderen unverzichtbaren Handlexika und Handbüchern finden wird und die in toto eine staunenswerte Arbeit der beiden deutschen Herausgeber darstellt.

    Joseph de Guibert: Documenta ecclesiastica christianae perfectionis studium spectantia – Dokumente des Lehramtes zum geistlichen Leben, hrsg. von Stephan Haering und Andreas Wollbold, Herder Verlag, Freiburg/Brsg., 2012, 702 Seiten, ISBN 978-3-451-33110-7, EUR 78,–