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    Aus den Zeitschriften

    Auf theologischem Gebiet gibt es einen erstaunlichen Fund zu vermelden: Die Auffindung und den Erstdruck von insgesamt sechs bisher inhaltlich unbekannten Predigten des heiligen Augustinus (354–430). Wie kam es dazu, dass dem umfangreichen Predigtwerk des am 28. August vor 1 580 Jahren verstorbenen Kirchenvaters nun sechs neue Ansprachen hinzugefügt werden können? Am Anfang stand das Projekt der Wiener Akademie der Wissenschaften, alle Codices mit Werken von Augustinus und ihm zugeschriebenen Schriften zu katalogisieren. Im Juni 2007 sichtete Isabella Schiller zu diesem Zweck die größte geschlossen erhaltene Privatbibliothek und Handschriftensammlung eines Gelehrten aus dem Spätmittelalter. Es handelt sich dabei um die in der Universitätsbibliothek Erfurt verwahrten Bücher des Arztes Amplonius Rating de Bercka. In einer handgeschriebenen Predigtsammlung fand Schiller sechs dem nordafrikanischen Bischof zugeschriebene und bisher unbekannte Predigten. Inzwischen haben Isabella Schiller, Dorothea Weber und der Projektleiter Clemens Weidmann in zwei Bänden der Wiener Studien, Zeitschrift für klassische Philologie, Patristik und lateinische Tradition (Bd. 121/2008 und Bd. 122/ 2009, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien), ihre Entdeckung wissenschaftlich kommentiert und publiziert. Über Alter und Herkunft der Handschrift heißt es: „Die Augustinus-Sermones ... stammen von einem einzigen Schreiber aus dem mittleren Drittel des 12. Jahrhunderts.“

    Auf theologischem Gebiet gibt es einen erstaunlichen Fund zu vermelden: Die Auffindung und den Erstdruck von insgesamt sechs bisher inhaltlich unbekannten Predigten des heiligen Augustinus (354–430). Wie kam es dazu, dass dem umfangreichen Predigtwerk des am 28. August vor 1 580 Jahren verstorbenen Kirchenvaters nun sechs neue Ansprachen hinzugefügt werden können? Am Anfang stand das Projekt der Wiener Akademie der Wissenschaften, alle Codices mit Werken von Augustinus und ihm zugeschriebenen Schriften zu katalogisieren. Im Juni 2007 sichtete Isabella Schiller zu diesem Zweck die größte geschlossen erhaltene Privatbibliothek und Handschriftensammlung eines Gelehrten aus dem Spätmittelalter. Es handelt sich dabei um die in der Universitätsbibliothek Erfurt verwahrten Bücher des Arztes Amplonius Rating de Bercka. In einer handgeschriebenen Predigtsammlung fand Schiller sechs dem nordafrikanischen Bischof zugeschriebene und bisher unbekannte Predigten. Inzwischen haben Isabella Schiller, Dorothea Weber und der Projektleiter Clemens Weidmann in zwei Bänden der Wiener Studien, Zeitschrift für klassische Philologie, Patristik und lateinische Tradition (Bd. 121/2008 und Bd. 122/ 2009, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien), ihre Entdeckung wissenschaftlich kommentiert und publiziert. Über Alter und Herkunft der Handschrift heißt es: „Die Augustinus-Sermones ... stammen von einem einzigen Schreiber aus dem mittleren Drittel des 12. Jahrhunderts.“

    Die Schriftheimat könnte Nordfrankreich oder England sein. Die Titel von dreien der sechs Predigten fanden die Herausgeber im Werkverzeichnis des Possidius, das noch zu Lebzeiten Augustins entstanden ist. Im ersten Band (Nr. 121) wurden zunächst die drei Predigten der Erfurter Handschrift veröffentlicht, die nicht durch die Bibliographie des Possidius verbürgt sind, deren Authentizität die Herausgeber aber mit inhaltlichen und stilistischen Argumenten belegen können. Da sich diese drei Predigten inhaltlich mit einigen besonders in Afrika verehrten Heiligen befassen, vermuten die Herausgeber als zugrundeliegendes Textcorpus eine sehr alte afrikanische Quelle. Von der ersten, fünfseitigen Predigt „De Perpetua et Felicitate“ war bisher nur der Anfang und der Schluss (Sermo 282) bekannt. Besonders schön ist, was Augustin über die Namen der beiden Glaubenszeugen sagt: „Ihre Namen ... bezeichnen die untrennbaren Qualitäten des Lohns auch aller anderen Märtyrer, den auch die feiernde Gemeinde erhoffen darf.“ Als Milites Christi werden beide mit der leiblichen Auferstehung belohnt: Perpetua werde in den einen Leib Christi aufgenommen und die zweifache Mutter Felicitas werde durch ihren Bekennertod zur Mutter des himmlischen Menschen. Eine Lokalisierung oder Datierung ermöglicht der Inhalt nicht.

    In der zweiten dreieinhalb Seiten umfassenden Predigt „De resurrectione mortuorum“ (Sermo 362 A) gibt Augustinus als Glaubwürdigkeitsgrund für den Auferstehungsglauben die Ausbreitung des Evangeliums an: „Wenn die Apostel den Auferstandenen Christus sahen und die Prophezeiung der weltweiten Ausbreitung der Kirche glauben mussten, soll die Gemeinde, die diese Prophezeiung erfüllt sieht, an die Auferstehung Christi glauben.“ Es gibt für ihn darüber hinaus zwei Arten der Auferstehung: Eine Auferstehung zum ewigen Leben und eine zur ewigen Verdammnis. Näheres zu Ort, Zeitpunkt oder Zuhörerkreis enthält die Predigt nicht. Die Herausgeber vermuten, dass es sich um eine kurz nach Ostern gehaltene Ansprache an Neugetaufte handeln könnte.

    Wohl zwischen 397 und 401 wurde die dritte Predigt, „In Natali Martyris Cypriani“ (Sermo 313 G), wahrscheinlich in Karthago am 14. September am Festtag des hochverehrten Märtyrerbischofs Cyprian gehalten. Die nur eine Seite umfassende Predigt hat zwei Teile: Im ersten Teil würdigt Augustinus das Wirken des heiligen Cyprian als Lehrer der Kirche, Vorbild und guten Hirten, der die Schafe vor den Wölfen bewahrt hat. Im zweiten Teil kritisiert er scharf die verbreiteten Festgelage am Cyprianstag. Nachweislich erwirkte Augustinus sogar ein ausdrückliches synodales Verbot ausgelassener Feierlichkeiten am Cypriansfest. Abrupter Themenwechsel und Kürze der Predigt machen eine Textlücke wahrscheinlich.

    Im zweiten Heft (Bd. 122) werden die drei bei Possidius genannten Predigten vorgestellt. Alle drei handeln vom Almosengeben. Es sind die inhaltlich bedeutsamsten Texte des Fundes von Erfurt, nur hier wird das Almosen von Augustinus in dieser Ausführlichkeit behandelt. Auch wenn es sich um keine Predigtreihe über die tätige Nächstenliebe handelt, wurden diese Ansprachen aufgrund ihrer thematischen Einheit von Possidius zu einer Gruppe zusammengefasst. In der ersten, fünf Seiten umfassenden Ansprache „De eleemosynis rerum spiritalium“ (350D) werden zwei Formen der Nächstenliebe unterschieden: Der Unterstützung Bedürftiger durch Geld und Naturalien wird die Zuwendung durch spirituelle Gaben vorgeordnet. Theologisch wird dies aus dem Verhalten des heiligen Paulus gegenüber seinen Gemeinden abgeleitet. Von den Herausgebern wird vermutet, dass es sich weniger um eine Predigt als um eine Unterweisung von Klerikern handeln könnte: Sie sollten erfahren, „dass ihre Tätigkeit dem Lebensunterhalt, der ihnen von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wird, mindestens gleichwertig ist.“ Im Mittelpunkt der sechs Seiten umfassenden Ansprache „De ministerio rerum carnalium quod fit in sanctos“ steht eine Problemstellung: Wie ist die materielle Unterstützung der Priester mit der Aussage des heiligen Paulus vereinbar, dass nur derjenige, der „im Geist sät“ mit dem ewigen Leben belohnt wird (Gal 6). Die Lösung des heiligen Augustinus ist: „Dass die Saat im Geiste nicht durch die Gabe selbst, sondern durch die Absicht des Gebenden erfolgt und durch diese die materielle Gabe zum Kaufpreis für das Himmelreich wird. Der Gläubige und der Prediger stehen in einer Art Geschäftsbeziehung zueinander: sie tauschen die materielle Gabe und die spirituelle Verkündigung. Ein adäquater Vergleich beider ,Tauschgüter‘ ist nicht möglich, umso weniger ein Vergleich mit dem Lohn, dem ewigen Leben und der Schau Gottes. Materielle Unterstützung für Geistliche nützt ... mehr dem Geber als dem Empfänger; die Geistlichen freuen sich daher weniger an der materiellen Gabe, sondern viel mehr am spirituellen Fortschritt der Menschen.“ Von der dritten, sieben Seiten umfassenden Predigt „De eleemosynis quae fiunt in omnes“ (Sermo 350 F) waren bisher nur die ersten drei und das abschließende achte Kapitel bekannt. Als keiner Widerlegung würdig bezeichnet Augustinus die von den Manichäern vertretene Irrlehre, nach der Sündern keine Almosen gegeben werden dürfen. Abschließend erinnert Augustinus die Gläubigen daran, „allen Menschen, auch wenn sie Sünder sind, Unterstützung in der Weise zu gewähren, dass sie als Sünder bekämpft und als Menschen mitleidvoll behandelt werden.“ Eine Übersetzung der sechs Neuentdeckungen ins Deutsche steht noch aus.

    Michael Karger