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    In einer Stellungnahme „Zur Pastoral mit Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen“ haben 1993 die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz unter Beteiligung des damaligen Bischofs von Rottenburg-Stuttgart, des späteren Kurienkardinals Walter Kasper, gefordert, dass diejenigen Gläubigen, die nach einer Ehescheidung noch einmal zivil geheiratet haben, zur Eucharistie zugelassen werden sollten, wenn sie sich nach einem Gespräch mit einem Priester in ihrem Gewissen dazu ermächtigt sähen.

    In einer Stellungnahme „Zur Pastoral mit Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen“ haben 1993 die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz unter Beteiligung des damaligen Bischofs von Rottenburg-Stuttgart, des späteren Kurienkardinals Walter Kasper, gefordert, dass diejenigen Gläubigen, die nach einer Ehescheidung noch einmal zivil geheiratet haben, zur Eucharistie zugelassen werden sollten, wenn sie sich nach einem Gespräch mit einem Priester in ihrem Gewissen dazu ermächtigt sähen.

    Im Februar 2014 hielt Kardinal Kasper vor dem außerordentlichen Konsistorium einen Vortrag, in dem er diesen Vorstoß wiederholte und vertiefte. Der Vortrag sollte der Vorbereitung der außerordentlichen Bischofssynode im Herbst 2014 dienen, die sich in einem ersten Schritt mit Ehe- und Familie befasste sollte, bevor sie 2015 zu Entscheidungen erneut zusammenkäme. Alle Teilnehmer der Synode haben dann den inzwischen als Buch unter dem Titel „Das Evangelium der Familie“ erschienenen Text auf ihren Sitzen vorgefunden. Aufsehen erregte der Beitrag vor allem, weil Kasper darin mit Verweis auf einen Vortrag von Joseph Ratzinger von 1972 sagte, er wolle nur erreichen, was auch Ratzinger damals vorgeschlagen habe, dass nämlich gemäß der Praxis der frühen Kirche „gewohnheitsrechtlich nach einer Bußzeit die Praxis der pastoralen Duldung, Milde und Nachsicht“ hinsichtlich der Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion einführt werden solle. Daraufhin hatte der emeritierte Papst Benedikt XVI. seinen Vortrag von 1972 vor der Aufnahme in seine gesammelten Schriften dahingehend abgeändert, dass an seiner Ablehnung einer Zulassung von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen zur Eucharistie keinerlei Zweifel mehr möglich war. Im Übrigen hatte Ratzinger bereits als Erzbischof von München und Freising wie auch als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre vielfach die Forderung der Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zum Tisch des Herrn abgewiesen. Nun hat sich Kardinal Kasper im Blick auf die bevorstehende ordentliche Bischofssynode erneut in dieser Frage zu Wort gemeldet. In den Stimmen der Zeit (7/2015 Verlag Herder Freiburg) geht es Kasper darum, seinen Standpunkt „gegenüber zahlreichen Missverständnissen“ zu verteidigen und zu präzisieren.

    In einer Anmerkung wird jetzt allgemein auf den Aufsatz von 1972 in der überarbeiteten Fassung des vierten Bandes der gesammelten Schriften von Joseph Ratzinger hingewiesen. Diesmal werden sogar weitere Stellungnahmen von Kardinal Ratzinger angeführt, die alle gegen eine Zulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion argumentieren. Ausdrücklich hält Kasper daran fest, dass es sich beim Verbot der Ehescheidung um eine authentische Aussage Jesu handelt, die auch vom Apostel Paulus bezeugt wird. Auf der einen Seite sagt Kasper, dürfen wir heute sowenig wie damals „das Wort Jesu durch Anpassung an die Situation entschärfen“, fährt aber dann fort und sagt, das Wort Jesu „sei kein Rechtssatz, sondern ein Grundsatz, den die Kirche mit der ihr anvertrauten Vollmacht, zu binden und zu lösen, … in den sich wandelnden Situationen zur Geltung bringen muss“. Was er damit meint ist: „Das Wort Jesu darf darum nicht fundamentalistisch ausgelegt werden. Es gilt, seine Grenze wie die Weite auszuloten, es im Ganzen der Botschaft Jesu zu verstehen und ihm treu zu bleiben, ohne es zu überdehnen.“ Erneut weist Kasper auf die angeblich „flexiblere pastorale Praxis der frühen Kirche“ hin, sagt aber auch, dass es sehr umstritten ist, was diese Texte eigentlich hergeben. Das Konzil von Trient habe zwar gegen Luther gelehrt, dass die Kirche keine zweite Eheschließung akzeptieren könne, allerdings, schreibt Kasper, „ohne dabei aber die orthodoxe Praxis verurteilt zu haben: Damit hätten die Konzilsväter die Unauflöslichkeit der gültigen Ehe gelehrt … sie aber nicht formell definiert.“ Dennoch sei sie „bleibend denkwürdig und eine stets neue Herausforderung“. Demgegenüber habe das Zweite Vatikanum mit seiner Lehre von der Ehe als Realsymbol des Bundes Jesu Christi mit seiner Kirche die Unauflöslichkeit der Ehe tiefer begründet. Allerdings dürfe diese Vorstellung nicht zu einer „lebensfremden Idealisierung führen“.

    In der Anwendung der sogenannten geistlichen Kommunion auf die Situation der wiederverheiratet geschiedenen Gläubigen werde dieser eine neue Bedeutung unterlegt im Sinne eines Verlangens, „in dem der in einer irregulären Situation lebende Christ sich seiner Trennung von Christus inne wird und sich bewusst wird, dass sein Verlangen – solange er seine gegenwärtige Situation nicht grundsätzlich ändert – nicht erfüllt werden kann“. Eine so verstandene geistliche Kommunion hält Kasper für „sachlich möglich“, sie könne ein heilsamer Impuls der Umkehr sein.

    Kasper selbst empfiehlt aber einen anderen Weg, den er für „unmissverständlicher“ hält. Orientiert am barmherzigen Handeln Gottes in der Heilsgeschichte habe die Orthodoxie einen anderen Weg als die Westkirche eingeschlagen: „Sie hat im Rahmen einer Bußliturgie eine zweite und auch eine dritte Eheschließung ermöglicht, die sie, obwohl das Zeichen der ,Krönung‘ gleich ist, nicht als Sakrament, sondern als Segnung versteht.“ Diesen Weg will Kasper nicht empfehlen, sondern eine „Weiterentwicklung“ des katholischen Eherechts, „das eine liturgische Form einer zweiten Ehe nicht kennt“. Schlüsselwort ist hier die sogenannte Epikie, bei der es nicht um Ausnahmen vom Recht geht, sondern um eine „angemessene und barmherzige Anwendung des Rechts“. Hinsichtlich der Situation der wiederverheiratet geschiedenen Gläubigen könne es „nur Einzellösungen“ geben, die vor dem inneren Forum des Bußsakramentes entschieden werden sollten. Der wiederverheiratet Geschiedene könne die sakramentale Lossprechung erhalten, weil er als „umkehrwilliger Sünder“ zu betrachten sei, der den Willen habe, „in der neuen Situation nach besten Kräften gemäß dem Evangelium zu leben“. Die Lossprechung ermögliche ihm den Kommunionempfang. Dieser soll „dem Menschen in einer schwierigen Situation die Kraft geben, um auf dem neuen Weg durchzuhalten“. Von diesem neuen Weg verspricht sich Kardinal Kasper die „Erneuerung der kirchlichen Bußpraxis“.

    Diesen faktischen Bruch mit der kirchlichen Lehre und Praxis versteht Kasper als „Weiterentwicklung“ und beruft sich dabei auf Papst Benedikt XVI. und dessen Lehre von der Hermeneutik der Kontinuität, die „praktische Reformen und damit ein Moment der Diskontinuität“ einschließe. Besonders betont Kasper die göttliche Barmherzigkeit, ohne die alle Glaubenswahrheiten nur ein „starres und kaltes System“ wären.

    Gegen den Versuch von Kardinal Kasper, die Epikie auf die wiederverheiratet geschiedenen Gläubigen anzuwenden, haben Juan José Pérez-Soba und Stephan Kampowski („Das wahre Evangelium der Familie“, Illertissen 2014) eingewandt, dass es vom Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen!“ keine Ausnahme geben könne. Da aber Epikie die Tugend sei, „Ausnahmen für ein Gesetz zu finden, von dem der Gesetzgeber trotz des Wortlautes nie beabsichtigt habe, es auf den konkreten Fall anzuwenden“, könne die Epikie nicht auf das natürliche Sittengesetz, dem das Moralgesetz der Ehe angehöre, beziehungsweise auf das göttliche Recht angewandt werden. Im Hintergrund steht die Auffassung, dass die Ehe von Natur aus unauflöslich sei, „weil die eheliche Liebe, die sich die Eheleute gegenseitig versprechen, auf die Person und ihre Fähigkeit zur Liebe gerichtet ist und nicht auf ihre Eigenschaften, die sich tatsächlich ändern können“. Zudem wird die Ehe als Sakrament „Teil des unauflöslichen Bundes mit Gott, selbst wenn der Mensch dieser Liebe untreu wird“. Auch gegen die Anwendung des Bußsakramentes im Falle der wiederverheirateten Geschiedenen erheben die beiden Autoren Einwände: Die sakramentale Lossprechung erfordere eine wirkliche Reue, die eine Distanzierung von der sündigen Handlung einschließe, es könne demgemäß auch die „Barmherzigkeit nicht wirklich angenommen werden, wenn das Böse nicht bekämpft wird und wenn keine Bekehrung stattfindet“. Da es von der Wahrheit eines Moralgesetzes keine Ausnahme geben könne, würde das Ausspielen der Barmherzigkeit gegen das Gesetz nur darauf hinauslaufen, „das Böse zu entschuldigen“. Wenn die sakramentale Lossprechung für wiederverheiratet Geschiedene grundsätzlich möglich werden sollte, obwohl sie an ihrer irregulären Lebensführung festhalten und auch grundsätzlich zum Kommunionempfang zugelassen werden können, läuft dies sehr schnell auf eine Dispens ohne Einzelfallprüfung hinaus. Wie die beiden Verfasser schreiben, akzeptiere die Orthodoxie „von Anfang an die weitere Eheschließung, und so wird die wahre Situation der Partner überhaupt nicht beurteilt“. Dabei diene die „Buße“ als Zeugnis dafür, „dass die zweite Ehe nicht denselben sakramentalen Wert hat wie die erste“.

    Sollten die ordentliche Bischofssynode und der Papst den Vorstellungen von Kardinal Kasper folgen, ist zu befürchten, dass eintreten wird, was die Verfasser für die Orthodoxie festgestellt haben, „dass, wenn man kleinen Ausnahmen die Tür öffnet, eine völlig liberalisierte Praxis daraus folgen würde“. Auch ist den Verfassern zuzustimmen, wenn sie darauf verweisen, dass diesen Kirchen der sittliche Relativismus keine neuen Mitglieder eingebracht habe. Der Relativismus habe vielmehr dazu geführt, dass sich „die Gläubigen noch mehr vom christlichen Leben entfernen, da es für sie keine besondere Kraft und keine menschliche Größe mehr besitzt, die es anziehend machen könnte“.

    Michael Karger