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    Aufgewacht für den Herrn

    Kaplan Christian Olding entwirft ein hoffnungsvolles Bild einer lebendigen Glaubensgemeinschaft. Von Benedikt Bögle

    Jesuskind vor blauem Himmel
    Damit der Herr bei den Menschen ankommen kann, sind auch unkonventionelle Lösungen gefragt. Foto: KNA

    Diese Liebesgeschichte beginnt nicht romantisch. Sie findet ihren Anfang nicht in Zärtlichkeiten, nicht in einem ersten Kuss. Sie beginnt knallhart: Ein kleiner Junge hat seinen Vater verloren. Selbstmord. In der Familie scheint keiner mit ihm darüber sprechen zu wollen, also flüchtet er sich in die Kirche. Dort richtet sich sein Blick auf das Kreuz: „Der Gekreuzigte und ich hatten auf einmal etwas gemeinsam. Ihm ging es dreckig und mir ebenso. Geteiltes machte bei Weitem kein halbes Leid. Dennoch war da eine stille Übereinkunft zweier, die beide von ihrem Vater im Stich gelassen worden waren.“ Der Junge, Christian Olding, fand in diesem Herrn einen Trost, der ihn bis heute begleitet. Eine Liebesgeschichte beginnt. Mittlerweile ist Olding Priester im Bistum Münster. So ungewöhnlich seine Berufung gewesen sein dürfte, so ungewöhnlich übt Olding seinen Dienst aus.

    Als Kaplan feiert er Jugendgottesdienste, die die Kirchen füllen, er arbeitet mit Filmsequenzen, Licht- und Rauchtechnik, Farben. Bei den Leuten kommt das an, in seiner ersten Gemeinde allerdings schufen er und sein Pfarrer sich dadurch auch einige Feinde. Letztlich musste das Team die Pfarrei verlassen. Aufhalten ließ sich Kaplan Olding dadurch nicht. Auch in der neuen Pfarrei geht er ungewöhnliche Wege, belebt das außergewöhnliche Messprojekt wieder, begründet mit „v_the experience“ einen eigenen Youtube-Kanal mit christlichen Inhalten, kommentiert für das Online-Portal „katholisch.de“ Themen rund um Glaube und Religion. Nun ist im Herder-Verlag auch ein Buch des katholischen Priesters erschienen: In „Klartext, bitte! Glauben ohne Geschwätz“ erzählt Olding von seiner Berufung und seinem Werdegang, seinen pastoralen Ideen für die Zukunft der Kirche und gibt so Anregungen für die Kirche in Deutschland.

    Dem Motto des Buches fügt sich auch Kaplan Olding selbst. Durchgängig schafft er es, eingebrannte Floskeln zu vermeiden und Klartext zu sprechen. So etwa über sein Leben im Priesterseminar. Unwohl habe er sich inmitten der „religiösen Überflieger“ gefühlt. „Am Ende bin ich jedenfalls nicht wegen der Zeit im Priesterseminar, sondern trotz dieser Zeit Priester geworden“, schreibt Olding. Doch er hält ein flammendes Plädoyer für den Sinn des Theologiestudiums. Viele zweifelten schließlich daran, ob die Theorie in der Praxis überhaupt von Bedeutung sei oder sprachen den Professoren schlicht die Rechtgläubigkeit ab – Letzteres ist nördlich der Alpen kein leerer, aber auch nicht verallgemeinerbarer Vorwurf. Glaube braucht aus Sicht Oldings Reflexion: „Ich persönlich finde, wer bei Beerdigungen verantwortlich über Auferstehung reden will, ohne sich in fromme Phrasen zu verlieren, der sollte schon mal durchdacht haben, welche Gründe es für diese Überzeugung gibt.“ Olding scheut auch Selbstkritik nicht. Stichwort geistliches Leben: „Ohne mein Gebet würde ich auf Dauer an Wortdurchfall leiden, weil mein Reden und Dasein für andere leer, phrasenvoll und unnütz würde.“ Als Priester bleibe er aber oft hinter dem „Soll“ des Stundengebets zurück, das zu beten er bei seiner Weihe versprochen hat. Gerade zu Beginn der Kaplanszeit in der Pfarrei habe dies für ihn eine Umstellung bedeutet: Raus aus dem geregelten Seminarleben, rein in eine Arbeitswelt mit Abendterminen. Umso mehr mühe er sich doch, das Arbeitsleben mit Gebet zu füllen: „Der katholische Mittagsschlaf ist mir schon immer fremd gewesen, sodass ich für einen kleinen Ausstieg aus dem Tagesprogramm das Stundenbuch und die Bibel heranziehe, damit ich nicht vergesse, für wen und mit wem ich hier eigentlich meine Dinge tue.“ Bewegt berichtet Olding von der Begegnung mit einer Sterbenden, die um den Primizsegen gebeten hatte. „Wer bin ich denn mit meinen Endzwanzigern, dass ich dieser Frau etwas zu geben habe?“ Offensichtlich vieles, denn seine Schilderungen von Begegnungen mit Hinterbliebenen, von Trauerfeiern und dem Umgang mit dem Tod legen Zeugnis ab von einem hoffnungsvollen, reflektierten und bodenständigen Menschen.

    Auch für die praktische Pfarreiarbeit bietet Olding Impulse. Gerade in den Gottesdiensten schaffe es die Kirche oft nicht, sich der aktuellen Ästhetik zu bedienen. Prachtvolle Inszenierungen fänden dieser Tage anderswo statt. „Dabei genießen wir einen ungemeinen Vorteil: Wir besitzen bereits heilige Räume und müssen sie nicht erst schaffen. Mach die Kirchentür auf und du befindest dich an einem Ort, der sich definitiv von der Alltagswelt und Alltagskultur unterscheidet!“, so Olding. In seinen Pfarreien versucht er, das mit charismatischen Ansätzen zu ändern.

    Olding Vorstoß ist mutig. Jedem Geschmack entspricht er nicht. „Klartext, bitte!“ ist ein Plädoyer für einen lebendigen Glauben, ohne Geschwätz, mit viel Wortwitz. Es ist Ausdruck der festen Hoffnung, dass der christliche Glaube auch in diesem Land eine Zukunft hat. Dafür jedoch brauche es die Begegnung mit Christus. „Diese Begegnung ist deshalb so essenziell, weil Jesus nicht der nette Typ von nebenan, der Freund und Bruder, sondern weil er Sohn Gottes ist. Jesus ist nicht einfach eine Symbolfigur, ein vorbildlicher Mensch wie Gandhi oder Buddha. Er ist so viel mehr.“

    Christian Olding: Klartext Bitte!

    Glaube ohne Geschwätz. Verlag

    Herder, Freiburg 2017, 192 Seiten, ISBN 978-3451378454, EUR 20,–

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