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    Aufbruchszeichen für den ökumenischen Weg

    Es war der große Aufbruch der katholischen Kirche Richtung Ökumene: das Dekret „Unitatis redintegratio“, das vor fünfzig Jahren während des Zweiten Vatikanischen Konzils verabschiedet wurde. Darin wandte sich die katholische Kirche den anderen christlichen Kirchen neu zu und bekannte sich zur Einheit der Christen. Mit einem Studientag im Eichstätter Collegium Orientale und einem ökumenischen Gottesdienst im Dom erinnerten die Ökumene-Kommission des Bistums Eichstätt, der Diözesanrat und das Bildungswerk des Bistums an dieses Jubiläum.

    Die erste ökumenische Versammlung: Ein Fresko byzantinischer Kunst in dem serbisch-orthodoxen Deèani-Kloster im Kosovo. Foto: IN

    Es war der große Aufbruch der katholischen Kirche Richtung Ökumene: das Dekret „Unitatis redintegratio“, das vor fünfzig Jahren während des Zweiten Vatikanischen Konzils verabschiedet wurde. Darin wandte sich die katholische Kirche den anderen christlichen Kirchen neu zu und bekannte sich zur Einheit der Christen. Mit einem Studientag im Eichstätter Collegium Orientale und einem ökumenischen Gottesdienst im Dom erinnerten die Ökumene-Kommission des Bistums Eichstätt, der Diözesanrat und das Bildungswerk des Bistums an dieses Jubiläum.

    Manfred Gerwing, Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, sah in dem Dekret einen unumkehrbaren Paradigmenwechsel. Denn vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war die offizielle Haltung der katholischen Kirche gegenüber der ökumenischen Bewegung „recht reserviert“, so Gerwing. Es galt die Instruktion des Heiligen Offiziums über die ökumenische Bewegung aus dem Jahr 1949.

    „In dieser Erklärung wird die katholische Kirche exklusiv als die einzig wahre Kirche Christi bezeichnet“, berichtete Professor Gerwing. „Es wird zweitens erwartet, dass alle anderen Gemeinschaften und Gruppen, die sich im Lauf der Jahrhunderte von der wahren Kirche getrennt haben, zur wahren Kirche schuldbewusst und reuig zurückkehren. Die nicht-katholischen Christen werden als ,dissidentes christiani‘ bezeichnet. Sie müssen um ihrer selbst, näherhin um ihres Heiles willen zurückkehren und sich wieder mit der katholischen Kirche vereinigen. Das Leitwort war nicht redintegratio, sondern redunio.“ Das Dokument habe den Bischöfen geraten, die Einigungsbemühungen der Nicht-Katholiken aufmerksam zu beobachten, befürchtete es doch, dass „viele Gefahren über das Seelenheil der Menschen aus der ökumenischen Bewegung erwachsen“ würden. Nur katholische Priester, die wirklich im katholischen Glauben gefestigt seien, dürften an Besprechungen mit Nicht-Katholiken teilnehmen, „Laien sowieso nicht“. Vor allem hätten die Bischöfe darauf zu achten, dass sich durch ökumenische Gespräche kein Indifferentismus und Relativismus einschleiche. Der irenische Geist sei gut und schön, aber er dürfe auf keinen Fall so weit gehen, dass die katholische Lehre irgendwie verdunkelt oder auch nur in Frage gestellt werde.

    „Aussagekräftig sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen zur Reformation“, sagte Professor Gerwing. „Die Bischöfe sollen, so heißt es wörtlich, darauf achten, dass man in der Darstellung der Reformations- und Reformatorengeschichte nicht die Fehler der Katholiken übertreibt und die Schuld der Reformatoren abschwächt und dass man Nebensächliches derart ins Licht rückt, dass darüber das Allerwesentlichste, der Abfall vom katholischen Glauben, kaum noch zu Bewusstsein kommt und empfunden wird.“

    Diese restriktive Haltung der katholischen Kirche habe sich erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil geändert, berichtete Professor Gerwing. Das Ökumenismus-Dekret sei die Veränderung einer Grundhaltung. Schon das Vorwort nenne das Grundanliegen, die Wiederherstellung der Einheit aller Christen. „Nicht redunio, sondern redintegratio ist das Stichwort“, sagte Professor Gerwing. „Das weltweite, stets wachsende Bemühen der Christen, das Ärgernis der Spaltung aufzuheben und sich für die Einheit einzusetzen, wird nicht als gefährliches häresieverdächtiges Tun, sondern als im Sinne Christi notwendige Praxis für alle gefordert. Nicht von der Zerspaltung der einen Kirche Christi in mehrere Kirchen ist die Rede, sondern ,recht große Gemeinschaften sind von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche getrennt‘, wie es heißt. Die Kirche Christi habe durch die Spaltung nicht aufgehört, in der katholischen Kirche als ihrer konkreten Existenzform weiter zu bestehen.“ Aber trotz der Trennung hätten die getrennten Gemeinschaften nicht aufgehört, Kirchen zu sein: „Die getrennten Gemeinschaften sind insofern Kirche, beziehungsweise kirchlich, wie sie Gemeinschaft haben mit der Kirche Christi.“ So heiße es in Artikel 3 des Dekrets, „wer an Christus glaubt und die Taufe empfangen hat, steht in einer gewissen Weise, wenn auch nicht in einer vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“.

    Das Ökumenismus-Dekret setze die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ voraus. „Dort aber heißt es, dass die Gesamtheit der Gläubigen im Glauben nicht irren könne. Es gibt keinen anderen Glauben an Jesus Christus als den innerhalb der Gesamtheit der Glaubenden“, sagte Gerwing. Schließlich könne man den Glauben nur von anderen Glaubenden übernehmen. Aber: „Das Ökumenismus-Dekret schreibt ausdrücklich auch evangelischen Christen den Glauben an Jesus Christus zu. Verbinden wir beide Aussagen miteinander, dann ist zu fragen, ob die evangelischen Schwestern und Brüder, die ja an Christus glauben und deren Taufe wir selbstverständlich anerkennen, wie auch umgekehrt, nicht ebenfalls zur Gesamtheit der Glaubenden gehören, die im Glauben nicht irren kann.“

    Aus dogmatischer Perspektive sei klar: Der christliche Glaube ist kein additiv zusammengesetztes Ganzes, sagte Gerwing: „Wo er besteht, ist er ein und derselbe.“ Ökumene müsse diese Identität im Glauben verdeutlichen. „Sie muss sich auf den Herrn konzentrieren, muss das Gespräch suchen und intensivieren. Sie muss auch theologische Übersetzungsarbeit leisten: Wir sind Dolmetscher.“

    Auch der evangelische Theologe Professor Markus Buntfuß von der Augustana Hochschule in Neuendettelsau nannte „Unitatis Redintegratio“ eine Erfolgsgeschichte, die ihren bisherigen Höhepunkt in der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 gefunden habe. Buntfuß sprach aber auch Rückschläge aus evangelischer Sicht an, wie die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre „Dominus Iesus“. Stein des Anstoßes waren Aussagen, wie die, dass Kirchengemeinschaften, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche, vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt hätten, nicht Kirchen im eigentlichen Sinne seien. Die evangelische Kirche habe „Dominus Iesus“ zum Anlass genommen, eine Erklärung zum eigenen Kirchenverständnis zu verabschieden, die nun von katholischer Seite als „kantig und schroff“ empfunden wurde. Dort heiße es, dass die Notwendigkeit und Gestalt des Petrus-Amtes und der Primat des Papstes, das Verständnis der Apostolischen Sukzession, die Nichtzulassung von Frauen zum ordinierten Amt und der Rang des Kirchenrechts in der römisch-katholischen Kirche Sachverhalte sind, denen evangelischerseits widersprochen werden muss. „Für eine neue Form der Kirchengemeinschaft müssten beide Seiten aufbrechen, sich bewegen, alte Gewissheiten in Frage stellen, neue Formen der Vergewisserung entwickeln“, sagte Buntfuß. Dazu könne es hilfreich sein, an Unterscheidungen zu erinnern, etwa an die theologische Unterscheidung zwischen den realen kirchlichen Institutionen, die es heute nur im Plural gibt und dem Glauben an die Einheit aller Christinnen und Christen. „Ohne eine solche Unterscheidung, die ja keine Trennung bedeuten muss, scheint mir ein Vorankommen im Ökumenismus aussichtslos.“ Ökumenische Theologie in der gemeinsamen Reflexion auf das Christentum und auf die Bestimmung des christlichen Glaubens halte er für erfolgversprechender als die vielleicht vergeblichen Versuche, in allen dogmatischen Differenzen Einigkeit zu erreichen.

    Auch im ökumenischen Gottesdienst im Eichstätter Dom, an dem neben dem Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, der griechisch-katholische Rektor des Collegium Orientale, Oleksandr Petrynko, der evangelisch-methodistische Pastor in Nürnberg, Stefan Veihelmann, der rumänisch-orthodoxe Pfarrer in Ingolstadt, Adrian Vasilache, die Leiterin der Baptistengemeinde in Schwabach, Heike Mühlan, die Vertreterin der Mennonitengemeinde in Ingolstadt, Anja Landes-Schell, der evangelisch-reformierte Pfarrer in Schwabach, Guy M. Clicqué und der Bischof der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Parma, USA, Bohdan Danylo teilnahmen, würdigte der Regionalbischof im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Nürnberg, Stefan Ark Nitsche, das Ökumenismusdekret. Es habe eine neue Art des Denkens und des Umgangs der Kirchen bewirkt: „Benennen, was uns vereint, benennen, woran wir arbeiten müssen, das Trennende so klein halten, dass es uns nicht mehr voneinander scheidet.“

    Und Bischof Hanke hob hervor, dass die Einheit der Christen nicht nach Art von Koalitionsverhandlungen oder Schiedssprüchen zu erreichen sei. Neben dem gemeinsamen Beten und Handeln sei für den weiteren ökumenischen Weg Bereitschaft zur Umkehr und Hinwendung zu Jesus Christus entscheidend.