• aktualisiert:

    Aufbruchsstimmung in der Agonie

    Der Krieg gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist in Syrien und im Irak größtenteils beendet. Der IS scheint dort besiegt. Woran man es merkt? Viele Medien berichten kaum noch über das Schicksal der Vertriebenen, die jetzt wieder versuchen, in einer Heimat mit unsicherer Zukunft Fuß zu fassen. Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ hilft ihnen dabei. Von Volker Niggewöhner

    Iraqi Christians attend an Easter celebration at St.George Chaldean Church in Baghdad
    Grund zur Hoffnung: Die Christen kehren zurück. Foto: Symboldpa

    Über Flüchtlinge wird in diesen Tagen viel gesprochen. Zumeist versteht man bei uns darunter Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach Deutschland kommen. Migration ist zum Politikum einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden, bei der Emotionen Argumente verdrängt haben. Das Einzelschicksal gerät aus dem Blickfeld, die Verallgemeinerung herrscht vor. Dabei wird oft übersehen, dass die meisten Vertriebenen der Bürgerkriegsgebiete des Nahen Ostens entweder Binnenflüchtlinge sind oder in angrenzende Nachbarländer flohen. Allein der kleine Libanon bot über einer Million syrischer Flüchtlinge Schutz, was etwa 20 Prozent seiner Bevölkerung entspricht.

    Auch viele Muslime mussten vor dem Terror fliehen, die religiösen Minderheiten, wie Jesiden oder Christen, hat es aber besonders schwer getroffen. Ein Beispiel für viele: der Christin Hanna Ezzo aus Karakosch, der einst größten christlichen Stadt des Irak, wurde am Tag der Eroberung 2014 ihre dreijährige Tochter Christina von IS-Schergen aus den Armen gerissen. Jetzt, nach drei Jahren und unzähligen Rosenkranzgebeten, konnte das Kind zur Familie zurückkehren. Was es an Schrecklichem erlebte in der Gefangenschaft, bleibt eine Sache der Vorstellung. Die meisten Flüchtlinge sind traumatisiert, vor allem aber desillusioniert.

    Zu offensichtlich waren sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit nur ein Spielball der kriegstreibenden Parteien, ein Opfer geopolitischer Interessen. Dennoch wollen viele jetzt wieder in ihre zerstörten Heimatorte zurückkehren. Es gibt eine Aufbruchsstimmung in der Agonie. Wie einst ihr Stammvater, der aus dem chaldäischen Ur stammende Abraham, hoffen die Christen des Irak „wider alle Hoffnung“ auf eine Zukunft in einer der Wiegen der Zivilisation und der Christenheit.

    Ob ihre Hoffnungsfreude nur ein Traumgebilde bleibt, wird auch von der Solidarität der Christen im Westen abhängen. Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ arbeitet daher in Syrien an einem „Welcome back“-Programm, um die rückkehrwilligen Christen zu unterstützen. Das Hilfswerk, das bereits während des Krieges umfassende Nothilfe geleistet hat, steht auch jetzt den Heimkehrern in vielerlei Hinsicht bei. Lebensmittelpakete, Zuzahlungen für Miete, Medikamentenspenden, aber auch Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche und der Grundversorgung mit Strom sind wichtige Anliegen, die „Kirche in Not“ fördert. „Wir arbeiten sehr intensiv mit Bischöfen aller Konfessionen zusammen. Diese Zusammenarbeit hat es so noch nicht gegeben“, beschreibt Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland, einen wichtigen Aspekt des allgegenwärtigen Leides: die Ökumene der Märtyrer. Diese ist auch im benachbarten Irak ein Gebot der Stunde. Das Hilfsprogramm „Zurück zu den Wurzeln“, das „Kirche in Not“ zusammen mit verschiedenen Kirchen aus der Taufe gehoben hat, könnte man als eine Art ökumenischen „Marshall-Plan“ für die Ninive-Ebene bezeichnen. Ähnlich wie beim Marshall-Plan der US-Regierung, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Westeuropa den Wiederaufbau eingeleitet hatte und die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung bildete, soll nun auch den Christen im Irak geholfen werden. Die Herausforderungen sind immens. 90 000 Christen leben nach wie vor als Flüchtlinge rund um die Stadt Erbil im Kurdengebiet. Der Bedarf für den Wiederaufbau von rund 13 000 zerstörten Gebäuden liegt bei über 250 Millionen Euro. Dennoch geht es voran, denn die bisher zurückgekehrten Familien packen mit an. Sie wissen, dass sie es nur gemeinsam schaffen. So wie der 34-jährige Samir mit seiner Familie: Frau, vier Kindern und der Oma. Seit Juli 2017 leben sie wieder in Telskuf, einem Ort, der besonders zerstört worden ist.

    Samir hat sein Haus wieder renoviert und aufbauen können. „Nichts ist besser, als in unserem Land zu bleiben“, sagt Herr Nagib, ein Christ aus der Ninive-Ebene. Nachbarn haben ihm bei der Wiedererrichtung seines Hauses geholfen.

    Solche Beispiele sind wichtig, denn der Fortschritt in den Gemeinden der Ninive-Ebene spornt auch viele andere Flüchtlinge an, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. „Kirche in Not“ hofft auf einen Domino-Effekt. Das Hilfswerk hat eine Internetseite eingerichtet, auf der man die Erfolge sehen kann: bis Mitte Dezember sind fast 30 000 Christen in ihre Heimatorte zurückgekehrt. 235 Häuser wurden renoviert. Auch in anderen Teilen der Ninive-Ebene geht es voran: Bauarbeiter mauern Bordsteine, Baugerüste werden aufgestellt, Betonmischer und Bagger fahren durch die staubigen Straßen der Städte. Ein Aufbruch, der auch das kirchliche Leben erfasst. „Die meiste Hilfe kommt von ,Kirche in Not‘”, sagt der chaldäisch-katholische Bischof Bashar Warda aus Erbil. „Ihrer Hilfe ist es zu verdanken, dass wir überhaupt noch von Christen im Irak sprechen können.“ „Kirche in Not“ fördert darum als pastorales Hilfswerk auch den Wiederaufbau von Kirchen, Gemeindezentren und Klöstern.

    Diese sind wichtig, nicht nur als spirituelle Kraftwerke, sondern auch als Vermittler des Gefühls von Heimat und als Organisator konkreter Hilfe. „Wo die Politik versagt, springt die Kirche ein“, ist ein geflügeltes Wort im Nahen Osten. Und es stimmt, denn vom Staat kommt kaum Hilfe. „Wir wollten den geflohenen Christen so nahe wie möglich sein und ihnen dienen“, erzählt die Dominikanerschwester Luna. Im Sommer 2014 musste sie mit ihren 70 Mitschwestern das Kloster „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ in Telskuf verlassen. 14 der 70 Schwestern starben. Jetzt kehren die Überlebenden zurück. „Kirche in Not“ unterstützt den Wiederaufbau ihres Klosters.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt der christlichen Präsenz ist die Versöhnung. Die Bürgerkriege haben viele Gräben aufgeworfen, auch unter Nachbarn. Die orientalischen Kirchen mit ihrer Botschaft der vergebenden Nächstenliebe und ihrer jahrhundertelangen Erfahrung im Zusammenleben mit Muslimen bleiben unersetzlich für den Friedensprozess im Nahen Osten. Ein irakischer Seminarist: „Ich habe mit vielen Muslimen gesprochen, die mir gesagt haben: ,Ohne euch Christen können wir hier nicht leben‘.“

    Weitere Artikel