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    „Aufbrechen aus unserer Beschaulichkeit“

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Die Liturgie dieses fünften Sonntags im Jahreskreis präsentiert uns das Thema der göttlichen Berufung. In einer erhabenen Vision befindet sich Jesaja vor dem Angesicht des dreimal heiligen Herrn und ist von großer Furcht sowie von dem tiefen Gefühl seiner Unwürdigkeit ergriffen. Doch ein Serafim reinigt seine Lippen mit einer glühenden Kohle und tilgt seine Schuld, und er, der sich nun bereit fühlt, auf den Ruf des Herrn zu antworten, ruft aus: „Hier bin ich, sende mich!“ (vgl. Jes 6, 1–2.3–8). Dieselbe Abfolge von Gefühlen findet sich in der Episode über den wunderbaren Fischfang, über den der heutige Abschnitt aus dem Evangelium berichtet. Simon Petrus und die anderen Jünger, die von Jesus dazu aufgefordert werden, die Netze auszuwerfen, vertrauen trotz einer wenig ertragreichen Nacht auf Sein Wort und machen einen überreichen Fischfang. Angesichts dieses Wunders fällt Simon Petrus Jesus nicht um den Hals, um die Freude über diesen unerwarteten Fischfang zum Ausdruck zu bringen, sondern er fällt Ihm zu Füßen – wie der Evangelist Lukas berichtet – und sagt: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder“. Jesus jedoch beruhigt ihn mit den Worten: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5, 8.10); und Petrus lässt alles zurück und folgt Ihm nach.

    Auch Paulus bekennt in der Erinnerung daran, dass er die Kirche verfolgt hat, er sei nicht wert, Apostel genannt zu werden, doch er erkennt, dass Gottes Gnade Wunder in ihm gewirkt hat und ihm trotz seiner Grenzen die Aufgabe und die Ehre anvertraut hat, das Evangelium zu verkünden (vgl. 1 Kor 15, 8–10). In diesen drei Erfahrungen sehen wir, wie die echte Begegnung mit Gott den Menschen dazu bewegt, seine Armseligkeit und seine Unzulänglichkeit, seine Grenzen und seine Sünden zu erkennen. Doch trotz dieser Schwäche verwandelt der Herr, der reich an Barmherzigkeit und Vergebung ist, das Leben des Menschen und ruft ihn dazu auf, ihm nachzufolgen. Die von Jesaja, Petrus und Paulus bezeugte Demut fordert alle, die das Geschenk der göttlichen Berufung empfangen haben, dazu auf, sich nicht auf die eigenen Grenzen zu konzentrieren, sondern den Blick fest auf den Herrn und auf seine außergewöhnliche Barmherzigkeit zu richten, um das Herz zu bekehren und weiterhin freudig für Ihn „alles zurückzulassen“. Er blickt nicht auf das, was für den Menschen wichtig ist: „Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz“ (1 Sam 16, 7), und macht die armseligen und schwachen Menschen, die jedoch an Ihn glauben, zu unerschrockenen Aposteln und Verkündern des Heils.

    In diesem Priesterjahr bitten wir den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter für seine Ernte schicken möge und dass alle, die die Aufforderung des Herrn hören, Ihm nachzufolgen, Ihm nach der notwendigen Entscheidungsfindung großherzig zu antworten wissen – nicht im Vertrauen auf die eigenen Kräfte, sondern indem sie sich dem Wirken Seiner Gnade öffnen. Vor allem fordere ich alle Priester dazu auf, ihre großherzige Bereitschaft neu zu beleben, jeden Tag mit derselben Demut und demselben Glauben wie Jesaja, Petrus und Paulus auf den Ruf des Herrn zu antworten.

    Der heiligen Jungfrau Maria vertrauen wir alle Berufungen an, vor allem die Berufungen zum Ordensleben und zum Priesteramt. Maria erwecke in jedem den Wunsch, freudig und voller Hingabe sein „Ja“ zum Herrn zu sagen.

    Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

    Mit Freude heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher willkommen. Das Evangelium dieses Sonntags lässt uns an der Begegnung Jesu mit den Fischern von Galiläa teilhaben: Petrus wirft auf Anweisung Jesu hin nochmals die Netze aus und macht einen überreichen Fischfang. Die Macht der Worte Jesu lässt ihn die Gegenwart Gottes erahnen. In der Nähe des Herrn erkennt er seine Kleinheit, er erfährt aber auch, dass er am Heilswerk Gottes mitwirken darf. Auch wir wollen immer neu aufbrechen aus unserer Beschaulichkeit und für Gottes Wirken in unserem Leben offen sein. Der Herr will mit uns und durch uns seine Liebe und seinen Segen allen Menschen schenken. Die Kraft des Heiligen Geistes begleite euch auf all euren Wegen.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller