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    Auf der Suche nach dem gnädigen Gott

    Thomas Möllenbeck nimmt Newmans Grundlagenwerk zur Rechtfertigung neu in den Blick. Von Urs Buhlmann

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    Über John Henry Newman schrieb Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, dass man ihn mit einem gewissen Recht als unsystematischen oder, positiv gewendet, biographisch-existenziellen Denker einordnen könne. „Dies spielt auf Newmans durchgängige persönliche Rechtfertigungsschriften an.“ Teils verteidigte er sich darin gegen persönliche Anwürfe bis hin zu Verleumdungen, teils fühlte er sich selber gedrängt, über seinen durchaus schmerzhaften Weg zur römischen Kirche zu reflektieren. Den ganz persönlichen Zugang des späteren Kardinals zu einem der wichtigsten theologischen Sujets, nämlich der Rechtfertigung des Sünders vor Gott, untersucht Thomas Möllenbeck in seiner gründlichen, intime Kenntnis mit Newmans Denken verratenden Habilitationsschrift, die die Rechtfertigungs-Frage bei Newman zwischen den Polen Augustinus und Luther verortet.

    Es ist ein eindrucksvolles Stück theologischer Fachliteratur, das der in Münster und Österreich lehrende Möllenbeck vorgelegt hat, dessen Lektüre allerdings durch die notwendige Zitierung Newmans in englischer Sprache – auf fast jeder Seite etwa die Hälfte des Textes – nicht leichter gemacht wird. Doch lohnt sich die Mühe unbedingt. Die Rechtfertigungs-Lehre, traditionell als trennendes Element zwischen Katholiken und Protestanten empfunden, wird von dem englischen Theologen in dem hier maßgeblichen Werk „Lectures on the Doctrine of Justification“ umfassend aus der Schrift abgeleitet, sodass die Beschäftigung mit diesem von Möllenbeck vorgestellten Buch auch so etwas wie eine gründliche Auffrischung der Gnadenlehre darstellt. Bemerkenswert ist übrigens, dass der katholisch gewordene Newman das 1837 erstmals erschienene Werk 1874 noch einmal, und zwar nur mit geringen Änderungen, wieder auflegen konnte – er hatte eben solide Arbeit geleistet. Wer mit Newmans gewaltigem, überraschend modern anmutendem Gesamt-Werk nicht vertraut ist – und das ist im deutschen Sprachraum leider immer noch bei zu vielen der Fall – kann hier seine Kenntnisse darüber erweitern, dass der gebürtige Londoner nicht nur mit theologischen Werken, sondern auch mit mehreren Romanen die existenziellen Fragen zu klären versuchte, die ihn umtrieben. Auch zwei dieser Romane spielen eine Rolle in Möllenbecks Buch.

    Bemerkenswert persönlich, ja emotional geht es darin zur Sache, denn Newman wurde quasi sein Leben lang misstrauisch beäugt, musste sich immer verteidigen. Zunächst und vor allem waren es die Anglikaner, denen er entstammte und die seinem lange verfochtenen Projekt der Church of England als einer „Via media“, als mittlerem Weg zwischen römischem Katholizismus und Protestantismus, nichts abzugewinnen vermochten. Aber auch von vielen britischen Katholiken wurde der 1847 zum katholischen Priester geweihte und sofort zum Oratorianer Gewordene nicht mit offenen Armen aufgenommen; ein Prälat nannte ihn damals den gefährlichsten Mann Englands. Den Einen galt er als Apostat, den Anderen als immer noch protestantisch-liberal geprägt. Hier kann man ihn kennenlernen als intellektuell weitherzigen Denker, skrupulös nur in seinem haargenauen Umgang mit der Bibel, fair gegenüber Luther, Melanchthon und den anderen protestantischen Gelehrten, die er zitiert und examiniert. Und auf der Suche nach einer Antwort, wie es sich wirklich verhält mit der Rechtfertigung aus dem Glauben, ob das ,sola fide‘ im Sinne einer Erfahrungsreligion zu verstehen und ob die katholische Position – die er ja zur Zeit der Abfassung seiner ,Lectures‘ noch nicht als die seine ansah – tatsächlich ausschließlich auf Augustinus zurückzuführen sei. Möllenbeck will klären – und bringt Klarheit – ob man Newmans Darstellung der anglikanischen, der protestantischen und der katholischen Auffassung des Problems trauen kann. Denn im Hintergrund dräut schon mächtig das eigene ,conversion narrative‘ des bald-Konvertiten; man kommt also um die Beschäftigung mit der heiklen Gemüts-Gemengelage eines allzeit seinem Gewissen verpflichteten feingeistigen Intellektuellen nicht herum.

    Möllenbeck kann einige Autoren aufbieten, die nicht anstehen, Newmans faire Darstellung der unterschiedlichen Positionen zu loben. Einer jedoch tut das ausdrücklich nicht, der als Experte für die Geschichte der Rechtfertigungslehre geltende anglikanische Theologe Alister McGrath. Der Inhaber eines Oxforder Lehrstuhls hat sich tapfer und kenntnisreich bei mehreren Gelegenheiten mit Berufsatheist Richard Dawkins auseinandergesetzt, auch bei öffentlichen Disputationen. Newman kommt bei McGrath gar nicht gut weg; mehrfach – fünfmal hat er sich bisher mit Newman beschäftigt – verbreitet der in Großbritannien einflussreiche Theologe seine These, Newman habe Luther bewusst missverstanden. Auch hält McGrath Newmans damals von ihm verfochtene Via media-Theorie für von vorneherein unrealistisch und nimmt ihm den damit verbundenen ökumenischen Impetus nicht ab. Möllenbeck setzt sich mit dieser und anderer Kritik am großen theologischen Entwurf Newmans erschöpfend auseinander und kann sie entkräften.

    Bleibt die Frage, warum Newmans mit Herzblut und aus eigener Betroffenheit geschriebenes Werk über die Rechtfertigung bis heute nie ins Deutsche übersetzt wurde. Ignaz Döllinger hatte dem Autor 1857 begeistert attestiert: „Your work on Justification, which I have read twice, is in my estimation one of the best theological books published in this century.“ Ein anderer wichtiger Theologe, Hans Küng, hat dann in seiner Dissertation zum Rechtfertigungs-Thema Vergleiche von Newman und Karl Barth vorgenommen und kam, so Autor Möllenbeck, zu einem erfreulichen Ergebnis: „Der Einigung in der Frage der Rechtfertigung stehe theologisch nicht viel im Wege, wenn die Rechtfertigungslehre so maßgebender moderner Theologen wie Newman und Barth im Wesentlichen übereinstimmt.“

    Dennoch ist die Rezeption von Newmans Werk im deutschen Sprachraum immer eine zurückhaltende gewesen, die 1972 erschienene Dissertation des späteren Nuntius Erwin Josef Ender ist tatsächlich der letzte Titel, der ausdrücklich auf Newman Bezug nimmt. Thomas Möllenbeck sieht den Grund dafür letztlich in der sachlich begründeten Kritik Newmans an Martin Luther. Das sei für deutsche Theologen schwerer zu ertragen gewesen als für ihre Kollegen in diversen anderen Sprachgruppen, „weil Martin Luther eine so zentrale Bedeutung für das Selbstverständnis der ökumenischen Gesprächspartner hat, während in anderen Ländern weitere Reformatoren der ersten oder zweiten Generation prägender gewesen sind“. Doch ändert dies ja nichts an der enormen Relevanz des Themas der Rechtfertigung des Sünders vor Gott.

    Zwar hatte Goethe – Möllenbeck zitiert ihn – als es auf das dreihundertjährige Reformationsjubiläum zuging – in einem Brief etwas missmutig angemerkt: „Denn unter uns gesagt ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter und es ist auch das Einzige, was der Menge eigentlich imponiert. Alles übrige ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt.“ Es meinte der Dichter wohl, die Rechtfertigungslehre als zentralen Bestandteil von Luthers Werden und Wollen von der Person des Reformators trennen zu können. Einem Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ging es anders. Möllenbeck: „So gewinnt Martin Walser in seinem vergleichenden Blick auf die Literatur des letzten Jahrhunderts auf der einen und die gnadenlose Talkshowkultur der Gegenwart auf der anderen Seite den Eindruck, der ,Gottlose‘, das heißt der bekennende Atheist der Gegenwart, dem die Rechtfertigung nicht zur Frage wird, habe eben ,keine Ahnung‘ (Martin Walser, Über Rechtfertigung, eine Versuchung, 2012). Eine Ahnung aber müsse man haben, meint Walser. Die Frage ist freilich: Wovon?“. Luther würde wohl schwerlich widersprechen können, wenn Möllenbeck schlussfolgert: „Die Schrift allein kann das Fundament aller christlichen Lehre sein. Ihre Interpretation kann nicht ersetzt werden und ist auch nicht schon gerechtfertigt durch Erfahrung des einzelnen Christen allein; so wenig wie der Christ durch seine eigene Erfahrung gerechtfertigt sein kann.“ Zur Klärung dieser Fragen hat Thomas Möllenbeck mit seiner Habilitationsschrift, die grundlegende Bedeutung in des Wortes Vollsinn hat, einen Beitrag geleistet, der Bestand haben wird.

    Thomas Möllenbeck: Gerechtfertigt durch Erfahrung? John Henry Newmans conversions narratives und die Rolle von Luther und Augustinus in seiner Rechtfertigungslehre. Schöningh, Paderborn, 2018, 598 Seiten, ISBN 978-3-506-78642-5, EUR 98,–

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