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    Arm und doch reich

    Angesichts mancher lauter Rufe nach Reformen scheint ausgerechnet derjenige heilige Papst in Vergessenheit zu geraten, der als ein entschiedener Erneuerer der Kirche angetreten ist und sein Programm in nahezu allen Bereichen seines Wirkens auch durchgeführt hat. Der heilige Pius X., dessen Todestag sich am 20. August dieses Jahres zum hundertsten Male jährte, war zugleich ein Wahrer des Katholischen.

    „Arm bin ich geboren, arm habe ich gelebt, arm wünsche ich zu sterben“: Pius X. Foto: KNA

    Angesichts mancher lauter Rufe nach Reformen scheint ausgerechnet derjenige heilige Papst in Vergessenheit zu geraten, der als ein entschiedener Erneuerer der Kirche angetreten ist und sein Programm in nahezu allen Bereichen seines Wirkens auch durchgeführt hat. Der heilige Pius X., dessen Todestag sich am 20. August dieses Jahres zum hundertsten Male jährte, war zugleich ein Wahrer des Katholischen.

    Geboren am 2. Juni 1835 als Giuseppe Sarto und Sohn eines armen Briefträgers und Gemeindedieners in dem kleinen Dörfchen Riese – das damals zum habsburgischen Königreich Lombardo-Venetien gehörte –, wuchs er in einer kinderreichen Familie auf. Er war das älteste von zehn Geschwistern. Auf dem Weg in die fünf Kilometer entfernte Schule ging der kleine Beppi Sarto barfuß – die Schuhe hatte er sich über die Schultern gehängt und zog sie aus Sparsamkeit erst an der Schultür an.

    Mit einem Stipendium ausgestattet, erfüllte sich sein sehnlicher Wunsch, das Priesterseminar in Padua zu besuchen, wo der musikalisch Begabte die Seminaristen im gregorianischen Choral unterwies. Nach dem Empfang der Priesterweihe im Jahr 1858 wirkte er zunächst als Kaplan in Tombolo. Er wurde Pfarrer in Salzano, dann Domherr in Treviso, 1884 bestieg er den Bischofsstuhl von Mantua, 1893 erfolgte seine Erhebung zum Kardinal und Patriarchen von Venedig. Selbst in seiner hohen Stellung wandte sich der stets opferbereite Sarto den Bedürftigen zu, kümmerte sich um gesunde wie um kranke Menschen, half dort, wo sein Einsatz erforderlich war, und blieb dabei selbst materiell arm. Dem Bürgermeister von Mantua schrieb er: „Euer neuer Bischof ist arm an allen anderen Dingen, aber reich an Liebe zu seiner Herde“, und in seinem Testament vermerkte er: „Arm bin ich geboren, arm habe ich gelebt und arm wünsche ich zu sterben.“

    Nach dem Tod Papst Leos XIII. fuhr der bescheidene Kardinal Sarto mit einer Rückfahrkarte aus der Lagunenstadt zum Konklave nach Rom und ergab sich seiner Wahl am 4. August 1903 auf den Stuhl Petri nur widerstrebend. Der erdrückenden Last des Papsttums fühlte sich der „Landpfarrer“ ohne diplomatische Erfahrung – als der er sich auch selbst sah – nicht gewachsen. Den Namen Pius nahm der neue Stellvertreter Christi im Gedenken an seine Vorgänger im 19. Jahrhundert an, die sich gegen um sich greifende Irrtümer und Sekten zur Wehr setzten. Schon in seinen ersten Erlassen zeigte sich, dass der heilige Pius X. entschlossen war, seine Herde vor den in die katholische Kirche eindringenden „modernistischen“ Strömungen zu schützen. Statt den „Dialog“ mit der Welt zu führen, zielte er auf eine Reform des innerkirchlichen Lebens ab, getreu seinem Motto „Omnia instaurare in Christo – Alles in Christus erneuern“. 65 Irrlehren der „Modernisten“, die sich auf eine neue Lesart der Bibel stützten, erteilte der heilige Pius X. eine Absage – die folgende Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“, in der er den Modernismus als das „Sammelbecken aller Häresien“ bezeichnete, verlieh dieser Verurteilung ein zusätzliches Gewicht und auch die erhoffte Wirkung. Darin stellte er fest, dass „die Anhänger der Irrtümer nicht mehr nur unter den offenen Feinden zu suchen sind“, sondern, „vielmehr – das ist das Allerschmerzlichste und Furchtbarste – im Herzen und Schoße der Kirche selbst verborgen sind, umso schädlicher, je weniger sichtbar sie sind – Wir reden, ehrwürdige Brüder, von vielen aus der Zahl katholischer Laien, ja, – und das ist weit beklagenswerter – aus dem Kreise der Priester selbst.“

    1910 führte Pius X. den Antimodernisteneid ein, den von da ab alle Kleriker ablegen mussten und der erst 1967 von Papst Paul VI. wieder abgeschafft wurde.

    Doch nicht nur in der Abwehr der Feinde des Glaubens sah er seine Sendung. Sein pastorales Amt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften zu erfüllen, um den einzelnen Gläubigen zu einer inneren und damit fruchtbringenden Teilnahme an den Vollzügen der Kirche und ihrer Liturgie zu motivieren, war ihm höchste Leitlinie seines oberhirtlichen Dienstes. Seine innovativen Erlasse auf vielen Gebieten einer innerkirchlichen Reform kennzeichneten sein gesamtes Pontifikat und wirkten sich noch Jahrzehnte nach seinem Ableben aus: So erkannte er die Notwendigkeit, die Glaubenssätze für alle Gläubigen in einem Katechismus zusammenzufassen, der auf der ganzen Welt Verbreitung fand. Die Teilnahme der Laien an der Liturgie, die „participatio actuosa“ (dieser Begriff geht auf Pius X. zurück) als eine innere Teilhabe an den Geheimnissen der heiligen Messe, war dem „Papst der Eucharistie“, der entscheidende Impulse zur Förderung der eucharistischen Frömmigkeit lieferte, ein besonderes Anliegen. Ihm verdanken wir wesentliche Neuerungen: die Möglichkeit zum täglichen Empfang der heiligen Kommunion wie auch die Senkung des Alters für die Erstkommunion auf etwa sieben Jahre. Seine Initiative zur Pflege und Förderung des gregorianischen Gesangs und der klassischen Polyphonie schlug sich bereits 1903 in dem Apostolischen Schreiben „Tra le sollecitudini“ nieder.

    Am Herzen lag ihm auch eine qualifizierte Ausbildung seines Klerus. Dazu gründete er mehrere regionale Seminare, die er mit Bibliotheken und guten Professoren versah.

    Nicht zuletzt ging die Neufassung des kirchlichen Gesetzbuches, des Codex Iuris Canonici, die von seinem Nachfolger Benedikt XV. 1917 in Kraft gesetzt wurde, auf Pius X. zurück, der den Auftrag zur Revision erteilte.

    Die Schatten, die der Erste Weltkrieg auf die Erde warf, verdunkelten die letzten Monate seines Lebens. Er ahnte das Unheil voraus, das den Menschen drohte und er litt darunter. „Gerne würde ich mein armseliges Leben als Opfer hingeben, um den Schmerz so vieler zu verhindern“, sagte er. Am 20. August 1914 starb Papst Pius X. an einem Herzinfarkt.

    Pius X., der schon zu Lebzeiten im Ruf der Heiligkeit stand, wurde von Papst Pius XII. 1951 selig- und 1954 heiliggesprochen. Im Petersdom fand er seine letzte Ruhe. Dort wurde der erste heilige Papst des zwanzigsten Jahrhunderts nach seiner Kanonisierung in einen Glassarg umgebettet. Das Epitaph auf der Marmorplatte verkündet: „Papst Pius X., arm und doch reich, sanft und demütig von Herzen, ein unbesiegbarer Verteidiger des katholischen Glaubens, bestrebt, alles in Christus zu erneuern, fromm dahingeschieden am 20. August 1914.“

    Riese Pio X. – zu Ehren an ihren berühmten Sohn hat sich die 11 000-Seelen-Gemeinde in Italien umbenannt – erwartet vom 19. bis zum 23. August 2014 auch dieses Jahr wieder Tausende von Pilgern zu den Gedenkfeiern des heiligen Pius X.