• aktualisiert:

    Anspruch und Vielfalt des Einfachen

    Was einfach und allgemein bekannt ist, braucht, wie es scheint, kaum erklärt zu werden. Meint man. Wer das Buch über das Vaterunser von Klaus Berger liest, wird jedoch schnell eines anderen belehrt. Denn hier beschäftigt sich ein Theologe betend, betrachtend und mit dem Spürsinn für die verborgenen Schätze, die sich nur dem suchend Glaubenden erschließen, mit dem zentralen Gebet der Christen. Der profunde Kenner des Neuen Testamentes beginnt provozierend mit dem „was fehlt“. Denn im Vaterunser ist kein Platz für die Auseinandersetzung mit Obrigkeit, Frauen, Sexualität, Fremden, dem Gesetz, der Beschneidung oder der Frage der Naherwartung. Es ist eben ein sehr auf das Wesentliche fokussiertes Gebet, dessen Bedeutungsreichtum sich erst durch, wie Berger formuliert, oszillierende Perspektivwechsel erschließt und kein Diskussionspapier, bei dessen Erstellung sich alle Beteiligten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt haben.

    Was einfach und allgemein bekannt ist, braucht, wie es scheint, kaum erklärt zu werden. Meint man. Wer das Buch über das Vaterunser von Klaus Berger liest, wird jedoch schnell eines anderen belehrt. Denn hier beschäftigt sich ein Theologe betend, betrachtend und mit dem Spürsinn für die verborgenen Schätze, die sich nur dem suchend Glaubenden erschließen, mit dem zentralen Gebet der Christen. Der profunde Kenner des Neuen Testamentes beginnt provozierend mit dem „was fehlt“. Denn im Vaterunser ist kein Platz für die Auseinandersetzung mit Obrigkeit, Frauen, Sexualität, Fremden, dem Gesetz, der Beschneidung oder der Frage der Naherwartung. Es ist eben ein sehr auf das Wesentliche fokussiertes Gebet, dessen Bedeutungsreichtum sich erst durch, wie Berger formuliert, oszillierende Perspektivwechsel erschließt und kein Diskussionspapier, bei dessen Erstellung sich alle Beteiligten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt haben.

    Das fragende Forschen Bergers ist eng verbunden mit der altchristlichen Technik der ruminatio, dem „Wiederkäuen“, dem unermüdlich sich in das Geheimnis des Vaterunser Hineinbetens. Das scheint ein Widerspruch zu sein, denn Theologen beschäftigen sich doch, wie jedermann weiß, wissenschaftlich und nicht betend mit den Versatzstücken des Glaubens. Das ist – leider – oft richtig, aber es ist eben auch grundfalsch, denn wer die Augen der Seele oder den Glaubenssinn des Herzens aus seiner Beschäftigung mit den Dingen des Glaubens ausklammert, wird kaum mehr hervorbringen als ein dröhnendes Erz oder ein lärmende Pauke. Berger referenziert seinen Fokus auf das Vaterunser mit dem berühmten Diktum Teresa von Avilas, dass, wer das Vaterunser habe, kein anderes Buch mehr benötige. Was bei Teresa auch aus der Not heraus gesagt war – Frauen war im 16. Jahrhundert das Studium theologischer Werke nicht gestattet – wird bei Berger zur Tugend. Denn er verbindet seine Entdeckungsreise in das weite Land der Worte, mit denen der Herr selbst seine Jünger beten lehrte, sehr wohl mit Büchern. Aber nicht mit jenen, die das Vaterunser wissenschaftlich auslegen und von denen es, wie Berger betont, genug ausgezeichnete gibt, sondern mit dem Corpus oratorium, der ebenso wie der Corpus praefationum und der Corpus benedictionum pontificalium noch nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht worden ist.

    Viele Einsichten verdankt Berger, der seine Arbeit an und mit dem Vaterunser mit derjenigen der Bergleute vergleicht, in deren Nähe er aufgewachsen ist, der Lektüre ostkirchlicher Liturgien und der Texte westchristlicher Mystiker – durchdachten und durchbeteten Texten also. Er geht mit den Worten des Vaterunser um, lässt sie selbst sprechen und legt sie nicht auf den Seziertisch, um durch Feinschnitte herauszufinden, was in ihnen steckt. Auf diesem Hintergrund ergeben sich verschiedene Deutungsmöglichkeiten und Schlüssel zum Verständnis des Vaterunser, die jeweils eine andere Facette des Gebetes zum Leuchten bringen. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob man das Vaterunter im Rahmen der apokalyptischen Botschaft Jesu, im Rahmen der Kreuzes- und Sühnetheologie, als Teil des Kampfes gegen das Böse, als Theologie der Vergebung, als Testament Jesu an seine Jünger, als Gebet vor dem Tod oder als liturgisches Gebet versteht. Indem Berger das Gebet des Herrn aus verschiedenen Perspektiven deutet, verankert er es zugleich tief in der spirituellen Praxis der Leser, die es selbst bei der Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage, im Rahmen des Trinitätsglaubens oder einfach bei der Eheschließung beten, um weitere Aspekte zu nennen, mit denen Berger sich beschäftigt. Die forschende Annäherung von verschiedenen theologischen Fragestellungen aus erweist sich als richtungsweisend, weil sie die Universalität und den Bedeutungsreichtum dieses vergleichsweise kurzen und doch so zentralen Gebetes treffend bezeugt. Ihr schließt sich in Teil II die Auslegung der einzelnen Bitten an, bei der dem reflektierenden Bedenken etwa der Vater anrede, der Heiligung des Namens und des Gottesreichs jeweils eine Umsetzung als Gebet zugeordnet ist. Bergers Vaterunser-Buch ist in seinem Kern eine geistliche, die Herangehensweise versteht sich als und ist ein Überschreiten der historischen Auslegung des Textes und seine Vernetzung mit der Frage, was er für das Leben der Gemeinden heute bedeutet. Das Ergebnis ist ein eminent geistiges und geistliches Buch, denn natürlich kann und will der versierte Bibelwissenschaftler nicht von seiner profunden Kenntnis des Neuen Testamentes abstrahieren. Er wollte aber gottlob beim Schreiben dieses Buches auch nicht seine eigenen, durch das Gebet tief im Glauben verankerten spirituellen Wurzeln kappen. Das ist auch gut so, denn das reine wissenschaftliche und leider spirituell überhaupt nicht nahrhafte Destillat, das bei solchen Versuchen herauszukommen pflegt, steht bereits in großen Mengen ungenutzt in fernen verstaubten Regalen. Anders dieses Buch. Es wird seinen Weg in die Köpfe und Herzen der Leser finden und dort einem Samen gleich reiche Frucht bringen.

    Klaus Berger: Das Vaterunser. Mit Herz und Verstand beten. Herder, Freiburg 2014, Hardcover, 191 Seiten,

    ISBN 978-3-451-33458-0, EUR 14,99