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    Anschlag auf die Einheit

    Wo die Kirche in Deutschland derzeit versagt. Von Gerhard Kardinal Müller

    Priesterweihe mit Papst Franziskus
    Dass die Entscheidung für den Priesterberuf leichter fällt, wenn Seminare homosexuelle Kandidaten offiziell aufnehmen, i... Foto: Symbolbild: KNA

    Die Tatsache, dass die katholische Kirche in Deutschland in einer tiefen Krise steckt, bestreitet kaum jemand. Aber schon an der Frage nach den Ursachen und den Maßnahmen, um sie zu überwinden, scheiden und paralysieren sich die Geister.

    In geradezu grotesker Weise hat sich nach dem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 3. Februar 2019 die klerikal-männerbündische Gruppe um Wucherpfennig, Mertes, Eltz an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewandt in der Hoffnung, ihn beim „Missbrauchsgipfel“ als Vorkämpfer und Durchboxer ihrer Lieblings-Agenda zu engagieren. Sie stellen die weder empirisch nachprüfbare noch logisch einsichtige Behauptung auf, dass „die Aussicht auf Macht in Männerbünden“ Männer anziehe, damit sie unbeschwerten Gewissens die ihnen von „Christus bei der Weihe verliehene Vollmacht, das Volk Gottes zu leiten, zu heiligen und zu lehren“ (vgl. Lumen gentium 20) für sexuelle Verbrechen an Jugendlichen bis zu achtzehn Jahren missbrauchen. Ihre Therapie gegen diese – theologisch gesprochen – Todsünden gegen das Sechste Gebot (1 Korinther 6, 9f) besteht nicht in der Mahnung, die Gebote Gottes mit Hilfe seiner Gnade einzuhalten, was die normale katholische Antwort wäre.

    Im Gegenteil fordern sie Aufhebung des Zölibates, Frauen als Priester, Entsakramentalisierung des apostolischen Amtes und seine Umwandlung in ein religiös-soziales Berufsbeamtentum. Und es fehlt natürlich nicht die obsessive Idee, um die sich ihre Wende-Forderung endlos dreht, homosexuelle Handlungen zwischen über Achtzehnjährigen moralisch zu erlauben und dies sogar Priestern zuzugestehen, wenn es im beiderseitigen Einvernehmen geschieht. Damit würden „notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse“ entblockiert. Man fragt sich, warum klügere Köpfe nicht schon viel früher auf dieses einfache Gegenmittel gegen die Entchristlichung Deutschlands gekommen sind.

    Unsere wendewilligen Fachmänner berufen sich auf die Studie vom September 2018, die statistisch feststellte, dass 4,4 Prozent der seit 70 Jahren in Deutschland tätigen Kleriker in irgendeiner Weise des sexuellen Übergriffs auf Heranwachsende beschuldigt worden seien, aber eben 95,6 Prozent nicht. Ob allein aus einer Statistik die Motive und Hintergründe von Verbrechen abgeleitet werden können – am besten noch von kirchenfernen und theologiefremden Personen –, darf man mit Fug und Recht bezweifeln.

    Unbeachtet bleibt die deutsche Kriminalstatistik der letzten siebzig Jahre, die mindestens eine Million Sexualdelikte an Minderjährigen verzeichnet, wobei Zölibat und Klerikalismus als Ursachen ausscheiden. Warum nur reagieren die „Wende-Forderer in der Kirche“ auf die Erwähnung der statistischen Tatsache, dass 80 Prozent der Opfer sexuellen Missbrauchs von Heranwachsenden männlichen Geschlechtes sind, so nervös, dass ihnen nichts anders einfällt, als ein bloßes Faktum der Homophobie zu bezichtigen? In diesem Zusammenhang geht es nicht um Menschen innerhalb und außerhalb mit einer „same sex attraction“, sondern darum, das Ungeheuerliche des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker einmal ganz ruhig und sachlich zu diskutieren. Als verlässliche Grundlage sei das ausgezeichnete Buch eines Betroffenen empfohlen: Daniel Mattson, Why I don't call myself Gay. How I Reclaimed My Sexual Reality and found Peace, 2017. Das wäre jedenfalls eine bessere Lektüre, als so manche abenteuerliche Auslegungen zur „Verwerflichkeit von unzüchtigen Handlungen“ (Römer 1, 27) – jenseits jedes intellectus fidei.

    Der amerikanische Autor bezeugt mit seiner Lebenserfahrung, dass gerade die kirchliche Lehre ihm geholfen hat, aus einem langen Irrweg zum Frieden und zu seiner Würde zurückzufinden. Denn die Barmherzigkeit besteht gerade darin, die Menschen zu lehren, den Willen Gottes zu erfüllen und nicht, ihn zu umgehen (vgl. Matthäus 5, 17–20).

    Man kann Gott nicht betrügen, nur sich selbst. Das materialistische Superdogma, dass der Geschlechtstrieb allenfalls kanalisiert, aber nicht in die Person integriert werden könne und seinen legitimen Ort nicht nur in der Ehe habe, mag glauben, wer will. Aber aus ihm spricht kein katholischer Geist, der die christliche Anthropologie und die Lehre von Sünde und Gnade ernst nimmt.

    Alle Gebote, und besonders das der sexuellen Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe, gelten für alle Christen und für ihre Hirten in vorbildlicher Weise (1 Petrus 5, 3). Im Hinblick auf die Kandidaten des Priesteramtes bestimmt die kirchliche Autorität, dass bei allen intellektuellen, moralischen und spirituellen Voraussetzungen nur solche Männer geweiht werden dürfen, welche die nötige Persönlichkeitsreife erreicht haben, dass sie fähig und bereit sind, mit Hilfe der Gnade Gottes ihrer Sendung gemäß zu leben.

    Der Bischof kann nicht seine subjektiven Vorlieben und Sympathien als Maßstab anlegen. Er muss so weit wie möglich objektiv sein, um sich „durch vorschnelle Handauflegung nicht fremder Sünden mitschuldig zu machen“ (1 Timotheus 5, 22). Ihm kommt es auch zu, „Anklagen gegen seine Kleriker zu prüfen und diejenigen, die sich verfehlen, in Gegenwart aller zurechtzuweisen, damit auch die andern sich fürchten“ (vgl. 1 Timotheus 5, 20).

    Es ist auch ein Anschlag auf die Einheit der Kirche und ihre universale Gemeinschaft (Lumen gentium 18) und ein Missbrauch des Bischofsamtes, die rechtmäßigen, das heißt in Schrift und Tradition begründeten Weisungen des Papstes und der zuständigen Kardinalskongregationen, die in seinem Auftrag und als Vertreter der römischen Kirche der universalen Kirche dienen, beiseite zu schieben.

    Bischof zu sein heißt nicht, machen zu können, was man gerade selbst für richtig hält, oder seine Mitarbeiter besonders im sensiblen Feld der Priesterausbildung machen zu lassen, was gerade im Mainstream liegt, um sich von kirchenfeindlichen Medien schmeicheln zu lassen.

    Der Regens und die anderen Verantwortlichen im Priesterseminar haben es mit konkreten Menschen in ihrer fundamentalen Person-Würde, aber auch mit ihren Stärken und Schwächen zu tun. Alle sind wir Kinder unserer Zeit mit Licht und Dunkel. Aber es kommt am Ende nicht darauf an, Menschen zu gefallen, sondern ein Leben zu führen, das des christlichen Namens würdig ist. Von keinem Kandidaten kann als Bedingung der Weihe vorausgesetzt werden, dass er in allen Geboten und auch im Sechsten Gebot immer ohne schwere Sünde war. Es gibt auch Vergebung und Versöhnung mit Gott und der Kirche in der Buße. Der Weg zu einem Neuanfang steht immer offen.

    Die Grenze ist aber erreicht, wenn jemand bewusst ein Doppelleben führt und sich dafür mit der herrschenden Ideologie, homosexuelles Verhalten widerspreche nicht Gottes Willen, entschuldigt und andere dazu nötigt, entweder zu schweigen oder sich zum Komplizen zu machen.

    Das größte Versagen in Deutschland besteht momentan darin, sich einreden zu lassen, die Lehre der Apostel und der Kirche sei veraltet und man könne die Kirche retten, wenn man sie „dieser Welt anpasst, statt sich durch die Erneuerung des Denkens zu prüfen, um zu erkennen, was der Wille Gottes ist.“ (Römer 12, 2).

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