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    Amerikas Katholiken und ihr Präsident

    Nach der Rede und der Promotion zum Ehrendoktor von Präsident Barack Obama an der katholischen Elite-Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana am vergangenen Sonntag sind die Reaktionen innerhalb der katholischen Kirche Amerikas geteilt. „In einem gewissen Sinn ist es eine Art von amerikanischem katholischen Sturm“, sagte John Allen, der Vatikan-Korrespondent des „National Catholic Reporter“. Obama ist seit Jimmy Carter der erste Abtreibungen befürwortende Präsident, der an der Universität spricht. Präsident Bill Clinton ist der traditionellen Einladung nie gefolgt. Immer wieder war es in den vergangenen Jahren zu Auseinandersetzungen im Umgang mit pro-choice-Vertretern gekommen. 2005 etwa war Baltimores Kardinal William Keeler einer Veranstaltung am Loyola College in Maryland ferngeblieben, weil der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani eingeladen war. Für öffentliche Aufregung sorgte auch die Ankündigung verschiedener Bischöfe während des Präsidentschaftswahlkampfes 2008, dem heutigen Vize-Präsidenten Joe Biden die Kommunion wegen dessen Eintreten für die Wahlfreiheit bei Abtreibungen zu verweigern. Noch nie aber war es zu einem derartigen Eklat um einen amtierenden Präsidenten gekommen.

    Nach der Rede und der Promotion zum Ehrendoktor von Präsident Barack Obama an der katholischen Elite-Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana am vergangenen Sonntag sind die Reaktionen innerhalb der katholischen Kirche Amerikas geteilt. „In einem gewissen Sinn ist es eine Art von amerikanischem katholischen Sturm“, sagte John Allen, der Vatikan-Korrespondent des „National Catholic Reporter“. Obama ist seit Jimmy Carter der erste Abtreibungen befürwortende Präsident, der an der Universität spricht. Präsident Bill Clinton ist der traditionellen Einladung nie gefolgt. Immer wieder war es in den vergangenen Jahren zu Auseinandersetzungen im Umgang mit pro-choice-Vertretern gekommen. 2005 etwa war Baltimores Kardinal William Keeler einer Veranstaltung am Loyola College in Maryland ferngeblieben, weil der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani eingeladen war. Für öffentliche Aufregung sorgte auch die Ankündigung verschiedener Bischöfe während des Präsidentschaftswahlkampfes 2008, dem heutigen Vize-Präsidenten Joe Biden die Kommunion wegen dessen Eintreten für die Wahlfreiheit bei Abtreibungen zu verweigern. Noch nie aber war es zu einem derartigen Eklat um einen amtierenden Präsidenten gekommen.

    So hatte die Botschafterin der USA beim Heiligen Stuhl während der Präsidentschaft George W. Bushs, Mary Ann Glendon, es angesichts von Präsident Obamas Positionen zu Abtreibung und Stammzellforschung abgelehnt, am Tag von Obamas Besuch mit der Laetare-Medaille geehrt zu werden. Dabei handelt es sich um die prestigereichste Auszeichnung, die an amerikanische katholische Laien für deren Verdienste um die Kirche vergeben wird. Die Universität verzichte dieses Jahr auf ihre Vergabe. Frau Glendon berief sich für ihre Ablehnung auf einen Beschluss der US-Bischöfe aus dem Jahr 2004, wonach katholische Institutionen Personen keine Plattform bieten dürfen, die gegen fundamentale Prinzipien der kirchlichen Lehre verstoßen. Auch von Seiten der ungefähr 300 amerikanischen Bischöfe kam heftige Kritik. Etwa 70 von ihnen, darunter der New Yorker Erzbischof Timothy Dolan, sprachen sich gegen die Einladung aus. Bischof William Murphy von Rockville Centre im Staat New York etwa sagte: „Notre Dame hat sein Image und seine Fähigkeit zum Zeugnis beeinträchtigt.“ Die konservative „Cardinal Newman Society“ in Manassas, Virginia, hat eigenen Angaben zufolge etwa 360 000 Unterschriften unter eine an die Universität gerichtete Petition gesammelt, die die Aufforderung enthielt, den Präsidenten nicht einzuladen. „Dies ist die profilierteste katholische Universität in den Vereinigten Staaten. Und sie verletzt offensichtlich und wissentlich die Politik der US-Bischöfe“, sagte Patrick Riley, Präsident der „Newman Society“.

    Dass es sich trotz des Protests nur um eine relativ kleine Gruppe von Katholiken handele glaubt der liberale Jesuit Thomas Reese vom Woodstock Theological Center an der Georgetown University in Washington. Viele Jahre lang war er außerdem Chefredakteur des katholischen Wochenmagazins „America“. Wörtlich sagte Reese: „Ich glaube, wir werden viel Applaus von Seiten des Publikums, der Studenten und ihrer Eltern für Obama hören.“

    Reese sollte damit Recht behalten. Geradezu frenetisch wurde der US-Präsident schon vor Beginn seiner Rede von den Tausenden in der „Joyce Center Arena“ umjubelt, wo sonst Basketball gespielt wird. Universitäts-Präsident John Jenkins hatte Obama zuvor willkommen geheißen. Der Priester gehört „Millennium Promise“ an, einer Organisation, die Armut in der Welt bekämpft. Sie unterstützt dazu die Verteilung von Kondomen und die Ermöglichung eines Zugangs zu Abtreibung in den Ländern, wo dies legal ist.

    In seiner Rede ging der im Gewand eines Ehrendoktors des Rechts gekleidete Präsident auf die Abtreibungsproblematik im Zusammenhang einer von ihm geforderten neuen Debattenkultur ein. „Wie kann jeder von uns fest in seinen Prinzipien bleiben und für das kämpfen, was er für richtig ansieht, ohne gleichzeitig die zu dämonisieren, die ihre Überzeugungen auf der anderen Seite genauso fest vertreten? Nirgends stellen sich diese Fragen häufiger als in der Abtreibungsdebatte“, so der Präsident wörtlich. Um seine eigene Position zu veranschaulichen berichtete er von einem Erlebnis aus einem seiner Senats-Wahlkämpfe. Er habe damals eine E-Mail eines Arztes erhalten, der sich selbst als überzeugten Christen und Lebensschützer ausgab. Dessen Kritik habe sich aber nicht so sehr gegen Obamas pro-choice-Position gerichtet. Vielmehr drückte der Arzt seine Ablehnung eines Kommentars auf Obamas Website aus. Dort habe sein Team behauptet, er würde rechtsgerichtete Ideologen bekämpfen, die Frauen das Recht zu wählen nehmen wollten. Der Arzt beklagte, dass er Obama für einen vernünftigen Mann gehalten habe. Wenn er aber jeden Lebensschützer als Ideologen bezeichnen würde, der Frauen leiden lassen wolle, so müsse er sein Urteil ändern. Obama zitierte den Arzt mit folgenden Worten: „Ich verlange an dieser Stelle nicht, dass Sie gegen Abtreibungen sind, sondern nur, dass Sie von diesem Thema in fairen Worten sprechen.“ Nach dieser Mail habe er sein Team angewiesen, den Eintrag auf seiner Website zu ändern. Er habe in jener Nacht gebetet, dass er dasselbe Verständnis, das der Arzt für ihn aufgebracht habe, auch für andere aufbringen könne. „Weil wenn wir das tun, dann entdecken wir wenigstens die Möglichkeit für einen gemeinsamen Standpunkt.“ Der Präsident rief zur Zusammenarbeit auf, um die Zahl der Abtreibungen unter ungewollt Schwangeren zu reduzieren. Des weiteren müsse es einfacher sein, Kinder zu adoptieren. Auch müsse die Unterstützung für Frauen verbessert werden, die sich für das Austragen ihres Kindes entscheiden. Außerdem sei das Gewissen derjenigen zu respektieren, die gegen Abtreibungen sind. Es müsse deshalb eine Gewissensklausel entworfen werden. Wörtlich sagte Obama: „Lasst uns sicher stellen, dass unsere Gesundheitspolitik auf klarer Ethik und solider Wissenschaft beruht, und auf dem Respekt vor der Gleichheit der Frauen.“

    Die Reaktionen dieser in Amerika vielbeachteten Ansprache sind erwartungsgemäß geteilt. William Donohue, Präsident der konservativen „Catholic League“, der größten amerikanischen Bürgerrechtsvereinigung mit Sitz in New York, sagte gegenüber der „Tagespost“: „Die Säkularisierung der katholischen Universität ist ein ganzes Stück weit fortgeschritten, als Notre Dame Präsident Obama ehrte. Während der Präsident jedes Recht hat, auf einem katholischen Universitätsgelände zu sprechen, ist es obszön, dass eine katholische Universität ihn angesichts seiner extremistischen Ansichten zur Abtreibung ehrt.“ Dies beweise, so Donohue, was er immer schon gesagt habe: „Liberale Katholiken würden nie einen Rassisten ehren, aber sie haben kein Problem damit, einen radikalen Verfechter des Rechts auf Abtreibung zu ehren. Dass Notre Dame dies getan hat, ist deshalb doppelt verwerflich.“

    Differenzierter äußerte sich der Politikwissenschaftler Stephen Schneck von der Catholic University of America in Washington. Gegenüber dieser Zeitung sagte er: „Ich stimme sehr mit den Kommentatoren überein, die gesagt haben, dass Präsident Obamas Rede die bedeutendste seiner Präsidentschaft sein wird.“ Seine Worte legten die Haltung eines Präsidenten offen, der im Fortschritt der entscheidendsten Fragen unserer Zeit eine moralische Verpflichtung sehe. „Man kann in seinen Worten außerdem einem Denken begegnen, das in der katholischen Soziallehre seinen Resonanzboden hat, besonders die Sorge für die Armen, der Imperativ, die Unversehrtheit und Schönheit des Planeten zu bewahren und eine Kultur der sozialen Gerechtigkeit aufzubauen.“

    Präsident Obama habe, so Professor Schneck, in seiner Rede den Weg in Richtung einer pragmatischen, konsensorientierten Lösung von Lebenschutzfragen gewiesen, die Abtreibung inbegriffen. Dies berechtige zu echter Hoffnung auf Fortschritt in der Pattsituation, die den Lebensschutz seit der Legalisierung der Abtreibung 1973 lähme. „Ist Präsident Obama für die Wahlfreiheit bei Abtreibungen? Ja. Aber Katholiken müssen erkennen, dass er ernsthafte Anstrengungen unternimmt, um Konsens zu finden.“

    Von Oliver Maksan