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    Am Anfang steht der Ruf

    Jesus tritt nicht in der Wüste auf wie der Täufer, sondern dort, wo die Menschen zusammenkommen, also in der Synagoge, und zwar am Sabbat, weil sie dann Zeit haben. Und da bemerken die Menschen sehr bald, dass seine Rede nicht „leer“ ist, also nicht theoretisches Geschwätz, sondern im strengen Sinne „therapeutisch“, und sie fragen: „Was ist das, diese neue Lehre mit Vollmacht?“ Jesus verkündet das Evangelium so, dass die Menschen dadurch zum Besseren verändert werden, dass sie befreit und fröhlich gemacht werden. Dieses meinen die Menschen mit Vollmacht. Und das bedeutet: Autorität, Nachdruck, etwas, das prägt, dem man sich schlecht entziehen kann.

    Die Statuengruppe am Ufer des Sees Genesaret erinnert an die Berufung des Petrus zum Hirten der Kirche. Foto: KNA

    Jesus tritt nicht in der Wüste auf wie der Täufer, sondern dort, wo die Menschen zusammenkommen, also in der Synagoge, und zwar am Sabbat, weil sie dann Zeit haben. Und da bemerken die Menschen sehr bald, dass seine Rede nicht „leer“ ist, also nicht theoretisches Geschwätz, sondern im strengen Sinne „therapeutisch“, und sie fragen: „Was ist das, diese neue Lehre mit Vollmacht?“ Jesus verkündet das Evangelium so, dass die Menschen dadurch zum Besseren verändert werden, dass sie befreit und fröhlich gemacht werden. Dieses meinen die Menschen mit Vollmacht. Und das bedeutet: Autorität, Nachdruck, etwas, das prägt, dem man sich schlecht entziehen kann.

    Weil Jesus seit seiner Taufe Träger des Heiligen Geistes ist, reicht seine Autorität dazu, böse, unreine Geister zu vertreiben und dadurch Satans Reich einzugrenzen, damit Gottes Reich an dessen Stelle treten kann. Dass dagegen „aufgeklärte“ Christen von Exorzismen nichts wissen wollen, trennt sie von Jesus, und dieses Fremdeln ist unbegreiflich.

    Der Wein wird zum messianischen Zeichen

    Jesus meidet jedenfalls zu Beginn die großen Städte wie Sepphoris, Caesarea und Jerusalem. Er tritt auf in den kleinen Ortschaften am See Genesareth, deren jede kaum über tausend Einwohner zählte. Es handelte sich dabei nicht um Konferenzen großen Stils. Sondern da die Menschen den Tag über arbeiteten, konnte Jesus sie am ehesten abends erreichen, in abendlichen Runden wohl, in der Nähe des Sonnenuntergangs. Auch dann noch war es in der Regel sehr warm. Die Menschen waren oft durstig und hungrig. Daher rührt die Verbindung von Mahlzeit und Verkündigung bei Jesus. Jesus knüpft dabei an die Bilder der Weisheit an, die von sich sagt, man solle zu ihr kommen und von ihren Früchten essen oder sich daran halten, dass sie Wasser anzubieten hat. Wenn Jesus sich nach Johannes 7, 37f mit einem Wasserverkäufer vergleicht, so trifft das sehr realistisch die Szene seines täglichen Auftretens. Und dass Jesus seine Mahlzeiten mit Wein feiert (gemeint ist mit Wasser verdünnter Wein), weist ebenfalls auf den Abend als Zeit der Predigt. Denn bei palästinischen Durchschnittstemperaturen kann man tagsüber schlecht Wein trinken. Jesus aber liebt den Wein, daher hat er den realistischen Spitznamen „Fresser und Weinsäufer“ (Lukas 7, 34). Der Wein ist ein messianisches Zeichen – unter den Patriarchensöhnen wird schon in Genesis 49, 11f Juda mit Wein assoziiert. Grundsätzlich aber hält sich Jesus daran, dass man einem laut knurrenden Magen nichts beibringen kann, außer wenn das Knurren abgestellt ist.

    So wird mehr und mehr das Mahl zum Ort und Zeitpunkt der Verkündigung. Das gilt nicht nur für die Mahlzeiten im Freien, die vielleicht eher Picknick-Charakter hatten, oft aber lässt sich Jesus von ganz unterschiedlichen Menschen zum Essen einladen, zum Beispiel von Pharisäern oder dem Steuereintreiber Zachäus. Die Verbindung von Verkündigung und Essen wird (trotz mancher Ähnlichkeiten im Judentum, in essenischen Mahlzeiten etwa) sehr bald zum Markenzeichen des Christentums und das ist in der heiligen Messe bis heute der Fall. Hier ist die Gelegenheit dafür gegeben, dass Metaphern wie „Brot des Lebens“ oder „Wasser des Lebens“ oder „himmlisches Gastmahl“ als Bild für das Reich Gottes unmittelbar einleuchtend werden. Denn Jesus sagt (offensichtlich bei der Gelegenheit eines Mahles), dass er Brot, Wein, Wasser zum Essen und Trinken in Person ist. So werden die Menschen schrittweise, wenn man das so sagen darf, in das Geheimnis der Eucharistie eingeführt. Es ist ganz leicht vorstellbar, dass Jesus ein Stück Brotfladen nimmt und sagt: Seht, das bin ich.

    Zwei wichtige Aspekte der Verkündigung Jesu stehen in Markus 4, 34: „Überhaupt alles sagte er ihnen als Gleichnis verschlüsselt. Und wenn sie dann unter sich waren, gab er seinen Jüngern jeweils eine Auflösung.“ Mit „Gleichnis“ wird hier das griechische „parabole“ (Parabel) übersetzt, aber das Wort kann auch „Sprichwort, Sentenz“ bedeuten. Denn Gleichnis und Sprichwort werden in der Situation, in der sie verwendet werden, jeweils aus einem anderen, fremden Kontext herangeholt, zum Beispiel aus der Welt des Ackerbaus. Dort, wo sie angebracht oder zitiert werden, sind sie fremde Gäste. Diese „fremden Gäste“ stehen jeweils in Spannung zu dem Kontext, in den Jesus sie einlädt. Und diese Spannung lädt zum Nachdenken ein oder auch zu so etwas wie einem Spiel. Für manche Gleichnisse oder Bildworte braucht man ein paar Jahrhunderte, bis man sie vielleicht halbwegs versteht. Auf jeden Fall aber lassen sie einen so lange nicht in Ruhe. Denn Jesu Rede ist nicht einfach zum Konsumieren gedacht. Jesus gibt den Menschen oft Stichworte, an denen sie lange kauen müssen. In diesen Zusammenhang gehört auch die sogenannte Verstockungstheorie im Markusevangelium: „Für diejenigen, die draußen stehen, erzähle ich alles in Gleichnissen, damit sie sehen und doch nichts erkennen, hören und doch nichts verstehen, sodass sie nicht umkehren können und keine Vergebung finden.“

    Das heißt: Soweit die Menschen, die Jesus zuhören, Außenstehende bleiben wollen, bringt Jesus seine Botschaft als Gleichnisrede vor. Denn auf diesem Wege werden die Außenstehenden immer tiefer in das Unverständnis und das Missverstehen hineingeführt. Die Alternative ist dann nur: Nicht zu den Außenstehenden zu gehören oder gehören zu wollen und sich von Jesus in die Schar der Jünger aufnehmen zu lassen. Auslegungen, die ein solches „hartes“ Jesusbild ablehnten, mussten die Stelle für unecht erklären. Dabei hat doch Jesu Wort über die Außenstehenden stärksten Appellcharakter: Bemüht euch doch, dazuzugehören, bleibt um Himmelswillen nicht „Außenstehende“, die das, was ich sage, nur cool von sich ablaufen lassen wie die Ente das Wasser.

    Paulus war kein Frauenfeind

    Der andere Zug, den Markus in 4, 34 berichtet, betrifft eine philosophie- und religionsgeschichtliche Besonderheit der Verkündigung Jesu: Denn nur hier wird getrennt zwischen der öffentlichen Belehrung („Vortrag“) und der daran anschließenden eher „privaten“ persönlichen Frage- und Erklärungsrunde. Darin werden dann zum Beispiel die Gleichnisse Schritt für Schritt allegorisch ausgelegt. Auch Paulus kennt diesen „Brauch“ und führt ihn sogar ausdrücklich auf Jesus zurück. Und hier liegt auch die Wurzel für die in der Regel mit verheerenden Folgen missverstandene Regelung des Apostels Paulus, Frauen sollten nicht in der Gemeinde Vorträge halten, sondern lieber zu Hause nachfragen. Denn die Fragerunde „im Hause“ schloss sich auch bei Jesus an den Vortrag an. Paulus war also nicht der Frauenfeind, für den man ihn hält, sondern er greift, was das Bedürfnis zu fragen betrifft, auf die Praxis Jesu zurück, von der die Evangelien berichten. Damit ist vor allem das christliche Haus als Ort der Vergewisserung über die christliche Lehre ein ausgleichender Faktor gegenüber der gottesdienstlichen Versammlung geworden.

    Zum „Wie“ der Verkündigung Jesu gehört auch die Frage, wie Jesus mit seiner eigenen Würde als Messias umgegangen ist, ob er sie vor sich hergetragen hat wie eine Monstranz. Die Antwort finden wir in einer besonderen Gruppe von Sprüchen Jesu über sich selbst, die stets beginnen mit „Ich bin nicht gekommen, das und das zu tun, sondern…“. Denn hier herrscht ein einheitlicher Grundton. Wenn Jesus sagt, wozu er nicht gekommen sei, dann verneint er regelmäßig bestimmte handfeste Erwartungen, die man mit dem Kommen des Messias verbunden hat und die er nun enttäuschen muss. Da diese „ich bin nicht gekommen“-Worte eine bestimmte Grundmentalität äußern, haben sie wohl allgemeinen Charakter.

    Demnach ist Jesus nicht der große Friedensbringer, sondern der eifernde Prophet, der die Familien entzweit, der Sünder und andere fragwürdige Menschen beruft, der nicht bedient werden will wie ein König, der nicht richten und endgültig beurteilen will, der eben retten will und nicht richten, der keine neue Tora geben will, etwa eine, die nur noch aus Liebe („Liebe und tu was du willst!“) bestünde, sondern erst einmal die alte Tora erfüllen will. Ein sanfter und demütiger, nicht triumphalistischer Messias. Bei Jesus ist dieses Gesamtverhalten verständlich, denn er kann ankündigen, dass er als Menschensohn ein zweites Mal kommen wird. Dann kann er die Phase der Demut und des Leidens ablösen.

    Vor allem und zu allererst: Jesus hat das Evangelium verkündet, indem er Jünger berufen hat. Schon im ersten Kapitel und gleich zu Anfang berichtet Markus davon. Jesus beruft die Brüderpaare Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus. Vorbild ist für Jesus wohl der Prophet Elia, der seinen Schüler Elisa in archaischer Strenge direkt von der Feldarbeit weg beruft. Umstritten ist nach dem Lukasevangelium 9, 59–62 das Abschiednehmen von den Eltern. Das alltägliche Leben der Jünger ist härter als das der Bettelorden der Kirche je war. Denn zur Bettelei kommt das Wandern, das ständige Unterwegs-Sein hinzu. Jesus hat den Verzicht auf jegliche Vorsorge und jeglichen Unterhalt gemeinsam mit seinen Jüngern praktiziert. Die Freiheit von allem, was binden kann, war das Resultat. Weil diese Freiheit Nachahmung der Bedürfnislosigkeit Gottes war, wird sie bei den Jüngern zur Bedingung ihrer charismatischen Vollmacht. Denn Gott benötigt nichts, aber er schenkt alles. Und wer ihm ähnlich wird, hat an dieser Vollmacht Anteil.

    Daher ist auch in dieser Hinsicht Jesu Verkündigung nicht Theorie und Lehre, sondern ansteckendes Beispiel. Denn wer Gott durch Nachahmen ähnlich wurde, dessen Wort gewinnt die schöpferische und unbegrenzte Vollmacht von Jesu eigenem Wort. Das hat Auswirkungen bis in die Sakramententheologie hinein. Denn das konsekrierende Wort des Priesters hat deshalb schöpferisch-verwandelnde Macht, weil es in der ungebrochenen horizontalen (in der in Papst und Bischöfen geeinten Kirche) und vertikalen (seit Jahrhunderten durch die Sukzession zusammengehaltenen) Einheit der Kirche gesprochen wird, Denn wo solches Wunder der Einheit besteht, kann auch die Schöpfermacht des einen und einzigen Gottes wirken.

    Markenzeichen der Verkündigung ist die Fülle

    Jesus scheint in solchen Zügen seiner Verkündigung zu übertreiben. Es sind die Sätze über das Versetzen-Können von Bergen und Bäumen, wenn Christen einander vergeben oder wenn ihr Glaube, das heißt ihr Einssein mit Gott, nur so groß ist wie ein Senfkorn. Und wenn Petrus solchen Glauben hat, kann er auf dem Wasser gehen, um Jesus zu erreichen. Wenn Jesus so redet, lebt er die Entweltlichung vor, den Abschied von den Gesetzen des Mangels und die Hinwendung zu Gottes Fülle. Diese Fülle wird direkt greifbar in den Wundern der Weinvermehrung in Kana, in den Speisungsberichten am See, beim wunderbaren Fischfang nach Johannes 21 und Lukas 5. Sie wird zum Markenzeichen der Verkündigung Jesu und zu einem Merkmal des Lebensstils der Christen. Denn angesichts der extremen Zuwendung Gottes ist auch die Forderung an die Christen, siebenmal siebzigmal zu vergeben völlig passende Konsequenz. Denn Gott kleckert nicht, sondern er klotzt. Aber er möchte nicht gehindert werden durch ängstliche Vetos der Menschen, die ihm immer wieder in den Arm fallen. Der verborgene schiere Reichtum Gottes ist auch die Perspektive angesichts des Todes. Denn die Auskunft, die Herrlichkeit der Auferstehung werde – wie bei Jesus so auch bei allen Menschen – die schier unübersehbare Fülle „offener Fälle“ wegen unausgeglichener Ungerechtigkeiten in Ordnung bringen und zur Ehre Gottes regeln, macht nur dann Sinn, wenn die Basis alles dessen, ja der ganzen Schöpfung, eine grenzenlose und ohne Grenzen mitzuteilende Vitalität und Herrlichkeit Gottes ist. Deshalb hängt das erste Gebot, das Jesus massiv verschärft, zusammen mit dem Bekenntnis: Ich glaube, dass dieser Gott Leben ohne Grenzen ist und schenkt und dass im Evangelium Jesu Christi eben davon ein Stück mitgeteilt wird. Geiz, mangelnde Großzügigkeit und Nachtragen von Schuld passen genau zu diesem Gott nicht.