• aktualisiert:

    „Alte Menschen sind ein Segen“

    Rom (DT) Über den segensreichen Austausch zwischen den Generationen hat Papst Franziskus schon oft gesprochen und auch immer wieder erzählt, wie wichtig für ihn als kleinen Jungen die eigene Großmutter mit ihrem starken, einfachen Glauben war. Am Sonntag hat der eigentlich schon beendete Sommer in Rom nochmals seine ganzen Kräfte zusammengenommen, um älteren Menschen aus aller Welt einen harmonischen Vormittag mit dem Papst zu bescheren. Und eigentlich mit zwei Päpsten, denn Benedikt XVI. war auch dabei, als um die vierzigtausend Senioren aus zwanzig Ländern bei strahlendem Sonnenschein, unter tiefblauem Himmel und bei sommerlichen Temperaturen auf dem Petersplatz ein Fest der Begegnung mit Franziskus feierten.

    Fast schon Tradition: Papst Franziskus lud seinen Vorgänger ein und Benedikt erschien zur Freude der Pilger in der Öffen... Foto: dpa

    Rom (DT) Über den segensreichen Austausch zwischen den Generationen hat Papst Franziskus schon oft gesprochen und auch immer wieder erzählt, wie wichtig für ihn als kleinen Jungen die eigene Großmutter mit ihrem starken, einfachen Glauben war. Am Sonntag hat der eigentlich schon beendete Sommer in Rom nochmals seine ganzen Kräfte zusammengenommen, um älteren Menschen aus aller Welt einen harmonischen Vormittag mit dem Papst zu bescheren. Und eigentlich mit zwei Päpsten, denn Benedikt XVI. war auch dabei, als um die vierzigtausend Senioren aus zwanzig Ländern bei strahlendem Sonnenschein, unter tiefblauem Himmel und bei sommerlichen Temperaturen auf dem Petersplatz ein Fest der Begegnung mit Franziskus feierten.

    „Die Weitergabe

    der Lebenserfahrung,

    der Geschichte

    einer Familie“

    Bereits kurz nach der Öffnung des Platzes um sieben Uhr waren die Stuhlreihen gut gefüllt, es begann mit Musik und Zeugnissen von Senioren und um neun Uhr begleitete Erzbischof Georg Gänswein den emeritierten Papst auf einen Platz in der ersten Reihe oben links auf dem Sagrato. Fünf Monate hatte sich Benedikt XVI. nicht in der Öffentlichkeit gezeigt. Doch er wirkte wie zuletzt bei der Heiligsprechung der beiden Vorgängerpäpste: Den weißen Stock hielt er beim Gehen vor sich hin und ging recht sicher mit hurtigem Trippelschritt. Als dann Franziskus ebenfalls zu Fuß auf die Altarinsel vor dem Portal der Basilika kam, steuerte er sofort auf Benedikt zu, Andrea Boccelli sang am Klavier stehend „Con te partiro“ und mit einer Umarmung wischten die beiden Päpste jede – zumindest in Italien immer wieder aufflammende – Diskussion, ob es denn überhaupt gleichzeitig zwei Päpste geben könne, sorglos beiseite.

    „Ich danke Benedikt XVI. für seine Anwesenheit“, sollte Franziskus später bei seiner Ansprache sagen, „Viele Male habe ich ihm gesagt, wie sehr ich mich darüber freue, dass er hier im Vatikan wohnt, denn es ist, als ob ich einen weisen Großvater als Nachbarn hätte. Danke!“

    Zunächst aber lauschten die beiden in Weiß gekleideten Nachfolger Petri den Zeugnissen der Senioren, von denen die meisten über ihre Erfahrungen als Großeltern sprachen. Organisiert hatte diese Begegnung älterer Menschen mit Franziskus der Päpstliche Familienrat, dessen Präsident, Erzbischof Vicenzo Paglia, dem Papst einige der Ehepaare vorstellte.

    Eines der älteren Ehepaare, die ans Mikrofon traten, kam aus dem Irak und war dort der Verfolgung durch die Terrormilizen entkommen. Ihnen dankte Papst Franziskus mit eigenen Worten: „Es ist sehr schön, dass ihr heute unter uns seid: Ihr bereitet der Kirche ein Geschenk. Und wir schenken euch unsere Nähe, unser Gebet und konkrete Hilfe. Gegen Senioren gerichtete Gewalt ist, ebenso wie jene gegen Kinder, etwas Unmenschliches. Gott verlässt euch jedoch nicht, er ist bei euch! Mit seiner Hilfe werdet ihr eurem Volk weiterhin als Gedächtnis dienen; und auch uns, der großen Familie der Kirche.“

    In seiner Ansprache rief der Papst dazu auf, den alten Menschen und vor allem den Großeltern mit Wertschätzung zu begegnen. Ihr Platz in der Gesellschaft sei unersetzlich: „Den Großeltern, denen der Segen zuteil wurde, die Kinder ihrer Kinder zu sehen, ist eine große Aufgabe anvertraut worden: die Weitergabe der Lebenserfahrung, der Geschichte einer Familie, einer Gemeinschaft, eines Volkes; das einfache Teilen einer Weisheit und des Glaubens: des kostbarsten Erbes! Welch großes Glück Familien haben, wenn die Großeltern in der Nähe wohnen! Der Großvater ist in zweifacher Hinsicht Vater und die Großmutter in zweifacher Hinsicht Mutter. In jenen Ländern, in denen gewaltsame religiös motivierte Verfolgung herrschte – ich denke beispielsweise an Albanien, wo ich am vergangenen Sonntag weilte –, in jenen Ländern haben die Großeltern die Kinder im Geheimen taufen lassen und ihnen so den Glauben geschenkt. Gute Arbeit! Sie haben während der Verfolgung gute Arbeit geleistet und den Glauben in jenen Ländern gerettet!“

    Nicht immer, so Franziskus weiter, fänden Großeltern Aufnahme in der Familie. „In diesen Fällen sind Seniorenwohnheime willkommen… vorausgesetzt, dass diese tatsächlich Wohnungen und keine Gefängnisse sind und dass sie dem Wohl der älteren Menschen und nicht dem Interesse anderer dienen! Es darf keine Einrichtungen geben, in denen Senioren vergessen, versteckt und vernachlässigt werden. Ich fühle mich den vielen Senioren nahe, die in solchen Einrichtungen leben und empfinde Dankbarkeit jenen gegenüber, die sie besuchen und sich um sie kümmern. Seniorenwohnheime sollten als die ,Lungen‘ der Menschlichkeit in einem Land, einem Viertel, einer Pfarrgemeinde fungieren; sie sollten ,Heiligtümer‘ der Menschlichkeit sein, in denen ein älterer und schwächerer Mensch wie ein älterer Bruder oder eine ältere Schwester gepflegt und behütet werden.“

    Mit starken Worten wandte sich der Papst sodann gegen eine „Kultur der Aussonderung“: „Ein anderer Aspekt der Realität ist allerdings die Vernachlässigung älterer Menschen“, meinte Franziskus. „Wie oft werden ältere Menschen mit einer Haltung des Zurücklassens ausgesondert. Dies entspricht einer Form versteckter Euthanasie und ist eine Folge jener Kultur des Aussonderns, die unserer Welt so viel Schaden zufügt. Kinder werden ausgesondert, Jugendliche, weil sie keine Arbeit haben, Senioren werden ausgesondert mit dem Vorwand der Aufrechterhaltung eines wirtschaftlichen ,Gleichgewichts‘, in dessen Zentrum sich nicht der Mensch befindet, sondern das Geld. Wir alle sind dazu aufgerufen, dieser giftigen Kultur der Aussonderung entgegenzuwirken!“

    „Eine falsche Freiheit, die sich fast immer in ein autoritäres System

    verwandelt“

    Nach dem Treffen mit den Senioren ging Benedikt XVI. in den Vatikan zurück. Es folgte der Gottesdienst auf dem Petersplatz. Wie auch die Begegnung zuvor stand sie unter dem Motto „Der Segen eines langen Lebens“. Und wieder ein deutlicher Aufruf des Papstes zum Zusammenleben der Generationen. In seiner Predigt sagte Franziskus: „Ein Volk hat keine Zukunft, wenn es diese Begegnung zwischen den Generationen nicht gibt, wenn die Kinder nicht mit Dankbarkeit den Staffelstab des Lebens aus der Hand ihrer Eltern ergreifen. Und in dieser Dankbarkeit für den, der dir das Leben gegeben hat, ist auch die Dankbarkeit für den Vater, der im Himmel ist. Es gibt gelegentlich Generationen von jungen Leuten, die aus vielschichtigen historischen und kulturellen Motiven in stärkerem Maße die Notwendigkeit verspüren, sich gegenüber ihren Eltern selbstständig zu machen, sich gewissermaßen vom Vermächtnis der vorherigen Generation zu ,befreien‘. Es ist wie ein Moment rebellischer Jugend. Aber wenn der Kontakt nicht wieder aufgenommen wird und man ein neues fruchtbares Gleichgewicht zwischen den Generationen wiederfindet, ergibt sich für das Volk eine schwerwiegende geistige Verarmung, und die Freiheit, welche in der Gesellschaft vorherrscht, ist eine falsche Freiheit, die sich fast immer in ein autoritäres System verwandelt.“