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    Als sich die Büchse der Pandora öffnete

    Rom: Diskreter Abschied von Kardinal Bernard Francis Law. Von Guido Horst

    Bernard Francis Law
    Kardinal Bernard Law. Foto: KNA

    Rom (DT) Ursprünglich hatte es geheißen, das Requiem im Petersdom für den am Mittwoch verstorbenen Kardinal Bernard Francis Law werde per Live-Stream übertragen – wie so viele Gottesdienste, zu denen die Kurie zusammenkommt. Der Messe für den verstorbenen Kirchenmann stand der Dekan des Kardinalkollegiums, Kardinal Angelo Sodano, vor. Aber dann hat man auf die Übertragung doch verzichtet, im Stillen nahm der Vatikan Abschied von einem Mann, der wie kaum ein anderer zu einer Symbolfigur der Missbrauchsskandale der vergangenen Jahre geworden ist – nicht als Täter, sondern als ein Kirchenverantwortlicher, der Übergriffe auf Schutzbefohlene vertuscht und verschwiegen hat.

    Aber der Name des 86-jährigen Law steht auch für einen Paradigmenwechsel in Rom und in der gesamten Kirche: Mit einer ganzen Serie von Artikeln hatte die Zeitung „Boston Globe“ ab Januar 2002 den Missbrauchsskandal in der Erzdiözese Laws bekannt gemacht. Ungeheuerlich allein die Vorwürfe gegen den Priester John Geoghan, der 130 Kinder missbraucht hatte, innerhalb von zwanzig Jahren, während denen er immer wieder von einer zur anderen Pfarrei versetzt worden war.

    Mit einer öffentlichen Erklärung und dann mit einem Brief an alle Gläubigen seiner Erzdiözese hat Law zunächst sein Versagen eingestanden. Doch als immer weitere Details bekannt wurden, wuchs der Druck und der Kardinal flog nach Rom, wo er Aufnahme und Deckung fand: Dem Zugriff der amerikanischen Behörden war er jetzt entzogen. Schließlich nahm Johannes Paul II. seinen Rücktritt an, Law bezog später ein Appartement im Vatikan-Palast der Cancelleria und erhielt vom Papst 2004 die Ernennung zum Erzpriester der Basilika Santa Maria Maggiore, ein Amt, das er noch bis zu seinem achtzigsten Geburtstag 2011 inne haben sollte. In dieser Position mischte Law noch lange Jahre in der Kurie mit, etwa bei der Besetzung von Bischofsstühlen in den Vereinigten Staaten.

    Alles das würde es heute nicht mehr geben. Dass nun Kardinal George Pell Rom verlassen hat und sich in seiner australischen Heimat zu Missbrauchsvorwürfen Stellung beziehen muss, zeigt den Wechsel deutlich an. Mit dem Fall Law hatte sich eine wahre Büchse der Pandora geöffnet: Nicht nur in der Erzdiözese Boston, die dann an den Entschädigungszahlungen pleite ging, sondern in den ganzen Vereinigten Staaten kamen Missbrauchsverbrechen von Klerikern ans Tageslicht. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, ließ diese Vergehen in die Liste der „delicta graviora“, der schwerwiegenden Delikte, deren Untersuchung dem Vatikan vorbehalten sind, aufnehmen und zog die Kompetenz dafür an seine Kongregation. Der Fall des Legionärs-Gründer Marcial Maciel kam hinzu, auch dessen Doppelleben und sexuellen Straftaten hatten einflussreiche Kräfte in der Kurie zu vertuschen gesucht. Unter Benedikt XVI. kam dann die Wende zur Null-Toleranz-Politik. Erzbischof von Boston ist heute Kardinal Seán Patrick O?Malley OFMCap, er ist zugleich Vorsitzender der Päpstlichen Kinderschutzkommission.

    Der Tod von Kardinal Law ließ nochmals die Schatten jener Jahre aufziehen, in denen die katholische Kirche eingestehen musste, dass sie über Jahrzehnte eine fast zynische Verdrehung der Tatsachen zugelassen hatte: Missbrauchstäter in den eigenen Reihen wurden gedeckt, ihre missbrauchten Opfer galten im Fall einer Anklage als Nestbeschmutzer, das Leid, das sie erfahren hatten, interessierte fast niemanden. Seit Benedikt XVI. wurden Begegnungen des Papstes mit Missbrauchsopfern zur Selbstverständlichkeit. Und auch heute noch können sich die Schatten von damals wieder zu dräuenden Wolken verdichten, siehe den für die Kirche verheerenden Abschlussbericht der „Royal Commission“ in Australien, der gerade Klerikern eine nicht für möglich gehaltene Zahl von Missbrauchsvergehen nachgewiesen hat. Kardinal Law ist tot, aber an den Folgen der Skandale von einst leidet die Kirche heute noch.

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