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    Afrika, steh auf!

    Cotonou (DT) Sie brausen europäischen Besuchern bis in den nächtlichen Traum hinein hinterher: Motorräder. Schlanke Maschinchen mit einem Zylinder und 125 Kubikzentimeter Hubraum. Von links, von rechts, von vorne, von hinten surren sie in Cotonou am Autofahrer vorbei. Stoisch schauen die Fahrer und die Sozia, oft Marktfrauen. Wichtig: Immer und überall hupen. Das verhindert wirkungsvoll Unfälle. Oder einfach beten. Papst Benedikt XVI. reist vom morgigen Freitag bis Sonntag in diese laute, pulsierende Metropole im westafrikanischen Benin. Zwischen 800 000 und eine Million Menschen leben hier.

    Die rot-weiße Kathedrale des Erzbistums Cotonou ist festlich geschmückt für den Besuch des Heiligen Vaters. Foto: Johannes Seibel

    Cotonou (DT) Sie brausen europäischen Besuchern bis in den nächtlichen Traum hinein hinterher: Motorräder. Schlanke Maschinchen mit einem Zylinder und 125 Kubikzentimeter Hubraum. Von links, von rechts, von vorne, von hinten surren sie in Cotonou am Autofahrer vorbei. Stoisch schauen die Fahrer und die Sozia, oft Marktfrauen. Wichtig: Immer und überall hupen. Das verhindert wirkungsvoll Unfälle. Oder einfach beten. Papst Benedikt XVI. reist vom morgigen Freitag bis Sonntag in diese laute, pulsierende Metropole im westafrikanischen Benin. Zwischen 800 000 und eine Million Menschen leben hier.

    Die über 30 Grad schwülheiße Stadt putzt sich heraus. Sagen Einheimische. Arbeiter errichten Straßenplakate in Blau mit dem Papstbesuchs-Motto „Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden“. Benedikt XVI. grüßt die Moped- und Motorradfahrer. An Straßenrändern warten tausende Pflanzen, die Wurzeln in graues Plastik verpackt. Bald kommen sie in die Erde. Sie sorgen dann am Wochenende für Farbenpracht und Grün, wo am Dienstag noch roter Sand zu sehen ist. Arbeiter entrümpeln Müllhalden. Nur ab und an treibt der Wind aus der Bucht von Guinea noch Plastiktüten über Asphalt und Sand. Dreckig wirkt die Stadt in der Tat nicht – bei aller Betriebsamkeit.

    Farbenhändler machen Umsatz. In den beiden besten Hotels am Strand wird gerade das Pressezentrum eingerichtet. Pére André Quenum leitet es. Er hat gerade keine Zeit, etwas mehr über die Vorbereitungen zu erzählen. Auf dem Hotelparkplatz streicht in aller Ruhe ein Angestellter die rote und weiße Signalfarbe an den Bordsteinen nach. Erste Fernsehteams treffen ein, um sich die Gegebenheiten anzuschauen. Die italienische RAI ist dabei. Die ARD wird auch kommen. Wer das Sekretariat im Erzbischöflichen Palais am anderen Ende der Stadt sucht, sich zwei Gebäude zuvor in die gerade tagende Bischofskonferenz von Benin verirrt hat, dem begegnen Maler und Maurer, die Löcher mit Zement stopfen und es in einem schönen wüstenhaften Ocker überstreichen.

    Die Kathedrale von Cotonou, auf einer Hauptverkehrsstraße angesteuert, nachdem man einige Straßen zuvor eine weiß- und grüngeflieste Moschee passiert, sticht mit ihren roten und weißen Fliesen aus dem afrikanischen Großstadtgrau gleichermaßen hervor wie sie darin unterzugehen droht. Anstreicher klettern auf Gerüste und ziehen das Braun der Fenster nach. Gelbe und weiße Tücher werden im Kirchenschiff drapiert. An einer gegenüberliegenden Hauswand informiert ein Plakat mit vielen Bildern über die zwei früheren Besuche von Papst Johannes Paul II. in Benin. Wen man fragt, alle erinnern sich mit höchstem Respekt an den Papst aus Polen.

    Im Hinterhof der Kathedrale öffnet eine Ausstellung zum 150-jährigen Jubiläum der christlichen Mission in Benin. Pater Francesco Berghero von der Gesellschaft der Afrikamission (S.M.A) startete am 18. April 1861 in Quidah, das etwa vierzig Kilometer entfernt von Cotonou liegt, mit dieser Mission. Sein Porträtbild ist zu sehen. Romaric Sehlin, ein Priesterseminarist von heute, erklärt dem Besucher ein anderes Bild. Abbé Thomas Moukro (1888–1975) heißt der Porträtierte darauf. Er war der erste einheimische, farbige Priester in Dahomay, wie Benin früher hieß. Heute bereiten sich in dem Land gut 800 Seminaristen auf ihre Weihe vor.

    Bruder Romaric, wie ihn die Priester in ihren weißen Soutanen meist mit Handschlag begrüßen, die ihm auf den Straßen Coutonous begegnen – sie sind keine Seltenheit im Straßenbild –, schaut auf dem Nachhauseweg in einem Kindergarten vorbei, so glaubt man wenigstens auf den ersten Blick. Aber hinter einer grünen Eisentür entlang einer lärmenden Schar führt der Weg zu einem kleineren Raum, in dem der Ventilator die Luft umschichtet. Grüne, rote und weiße Priestergewänder hängen dort. Eine Näherei für liturgische Gewänder arbeitet hier. Die Nähmaschine ist hinter einem Paravent zu hören, nicht aber zu sehen. Frere Romaric kauft einige kleinere Utensilien für den liturgischen Dienst ein.

    Jeder trifft jetzt an diesem Dienstag noch letzte Vorbereitungen für den Papstbesuch. Ohne Musik ist das alles in Cotonou undenkbar. Kottin Pascal, Réne Zola, Gustave Zannou, Tantí Ginette, Tantí Amour, Yemimin und Adavgbe – letzteres eine Art Künstlernamen – singen Papst Benedikt XVI. ein Begrüßungslied. Das haben sie beim Medienzentrum der Erzdiözese als CD aufgenommen. Es wird in Radios gespielt. Die katholischen Sänger wollen sich bei Pere Justin Bovoco bedanken. Der Priester ist Direktor des Medienzentrums. Eigens für den Fotografen aus Deutschland drängeln sich alle mit einem großen Hallo und Lachen ins Aufnahmestudio der Erzdiözese – und singen noch einmal, damit das Foto so aussieht, als sei es direkt bei der Aufnahme geschossen worden. Professionell. So wird auch das Medienzentrum der Erzdiözese Cotonou den Papstbesuch begleiten, nimmt etwa alle Predigten und Ansprachen von Papst Benedikt XVI. auf, besorgt noch andere Veranstaltungstechnik und produziert dann von den Ansprachen und Predigten CDs, die jeder, der es will, kaufen kann.

    Für Pere Justin Bovoco ist die kirchliche Medienarbeit in Benin und der Erzdiözese Cotonou eine bedeutsame. „Wir berichten nicht nur über Probleme, wir wollen auch die Informationen liefern, mit deren Hilfe diese Probleme gelöst werden können. Das ist das Entscheidende.“ Der Medienpriester wünscht sich dementsprechend von Papst Benedikt XVI., dass dieser in Benin Wegweisendes darüber sagt, wie die bedrohte menschliche Würde zu schützen ist. Das Motto der Reise versteht er nicht als unverbindlichen Werbespruch, sondern existenziell: Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede. Auch die Studenten im Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Ehe und Familie in Cotonou, die sich zum Mittagessen bei gebratenem Hähnchen, Reis und Gemüse einfinden, kommen beim Gespräch über den Papstbesuch immer wieder auf diese drei Worte zu sprechen: Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede. Für sie ist das kein leeres Werbemotto, sondern ihr Alltag. Auf manchen Aufklebern auf den Windschutzscheiben von Autos, die für den Papstbesuch werben, steht dann auch unmissverständlich einfach zu lesen: „Afrika, steh' auf!“