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    Adel des Geistes und echte Frömmigkeit

    Wie der emeritierte Papst Theologie betrieb – Erinnerungen aus Anlass der Verleihung des Ratzinger-Preises 2017. Von Karl-Heinz Menke

    Karl-Heinz Menke erhält Ratzinger-Preis
    Der Theologe Karl-Heinz Menke erhielt am 18. November 2017 den Ratzinger-Preis von Papst Franziskus im Vatikan. Foto: KNA

    Die Bezeichnung Joseph Ratzingers als „Mozart der Theologie“ ist mehr als die Hommage eines Einzelnen. Sie ergibt sich aus dem Gestaltcharakter seines inzwischen als Gesamtausgabe zugänglichen Werkes. Ich wähle bewusst den Terminus ,Gestalt‘, weil damit eine direkte Proportionalität von Einheit und Vielheit bezeichnet wird. Die Einheit einer Gestalt erscheint nicht vorgängig oder unabhängig von ihren Teilen und auch nicht als deren Summe. Joseph Ratzinger hat sich von unzähligen Anfragen in die Pflicht nehmen lassen; dennoch fügen sich seine vielen Aufsätze, Einzelbeiträge, Stellungnahmen und Gutachten in eine Gestalt, die das Viele organisch einfaltet und in eine ebenso klare wie ästhetisch schöne Sprache fasst.

    Meine erste literarische Begegnung mit dem Denken Joseph Ratzingers war die Lektüre seiner „Einführung in das Christentum“. Dieser Bestseller war das erste theologische Buch überhaupt, das ich gelesen habe – 1968 unmittelbar nach meinem Abitur und wenige Monate vor Beginn meines Theologiestudiums in Münster. Es handelt sich um die Vorlesungen, die der damalige Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen im Sommersemester 1967 für Hörerinen und Hörer aller Fakultäten gehalten hat – wie der Autor in seinen „Erinnerungen“ betont, noch vor der Achtundsechzigerrevolte, die einen bis dahin unvorstellbaren Traditionsbruch initiiert hat. Das Buch beginnt nicht mit einer Erklärung seiner Methodologie, sondern mit einer ebenso kurzen wie klaren Analyse der geistesgeschichtlichen Umbrüche, die den Wahrheitsanspruch des Christentums zunehmend bedrängen. Natürlich habe ich in meinem Studium Genaueres über das Symboldenken des Hochmittelalters, über den Zusammenhang von Nominalismus und Reformation, von Nominalismus und Aufklärung, über Empirismus, Rationalismus, Historismus, Funktionalismus und Nihilismus erfahren. Aber Ratzingers „Einführung“ hat mir auf wenigen Seiten mit einleuchtender Prägnanz erklärt, was diese ,Ismen‘ für die Gegenwart und für mein eigenes Christsein bedeuten; warum das Christentum sein Wesen verrät, wenn es der zeitgenössischen Kritik ausweicht oder den Logos des Glaubens (der Offenbarung) vom Logos des Denkens (der wissenschaftlichen Kritik) trennt. Es gibt so etwas wie Schlüsselsätze. Zur Erschließung von Ratzingers Denken gehört zweifellos der folgende: „Im Christentum ist Aufklärung Religion geworden und nicht mehr deren Gegenspieler.“

    Was Christen glauben, darf den Erkenntnissen der kritischen Vernunft nicht widersprechen. Es gibt nicht viele Wahrheiten, sondern nur eine Wahrheit. Man kann die Offenbarkeit der Wahrheit im Leben und Sterben Jesu Christi nicht beweisen. Aber der christliche Glaube an dieses Dogma wäre hinfällig, wenn er im Widerspruch zu irgendeinem Ergebnis der wissenschaftlichen Forschung stünde.

    Zu Beginn meines Studiums konnte ich in Münster Karl Rahner und Walter Kasper hören; nicht aber Joseph Ratzinger. Er war inzwischen weitergezogen nach Tübingen. Aber seine „Einführung“ wurde natürlich auch in Münster zur Pflichtlektüre aller Priesteramtskandidaten. Ein vom Collegium Borromaeum veranstalteter Gesprächszirkel beschäftigte sich ein ganzes Semester lang mit Walter Kaspers kritischer Rezension zu Ratzingers „Einführung“. Es ging im Wesentlichen um drei Verhältnis-Bestimmungen: (a) Philosophie und Theologie; (b) Exegese und Dogmatik; (c) Schrift, Tradition und Kirche.

    Ratzinger – so lautete der erste Vorwurf – identifiziert den christlichen Glauben wie Augustinus oder Bonaventura mit der wahren Philosophie; aber diese Identifikation bleibt unausgewiesen, wenn sich der Gläubige nicht methodisch autonom von den Gründen für die Wahrheit seines Bekenntnisses überzeugen kann. Ratzinger – dessen bin ich inzwischen gewiss – hat die methodische Eigenständigkeit der Vernunft beziehungsweise Philosophie nie in Frage gestellt. Was er ablehnt, ist eine vom Glauben getrennte Vernunft. Ihm geht es um das vordergründig paradoxe Phänomen, dass der Mensch in demselben Maße ,er selbst‘ (vernünftig und frei) ist, in dem er sich an den Logos Gottes bindet.

    In dem besagten Gesprächszirkel haben wir zwei Publikationen miteinander verglichen, die 1965 fast zeitgleich erschienen waren: Walter Kaspers Plädoyer für den Primat der Heiligen Schrift („Dogma unter dem Wort Gottes“) und Ratzingers Beitrag zu der ,quaestio disputata‘ mit dem Titel „Offenbarung und Überlieferung“. Ratzinger wendet sich gegen die Identifizierung der Offenbarung mit der Heiligen Schrift. Die Offenbarung – so erklärt er – überschreitet die Schrift in demselben Maße, in dem das Christusereignis sein Verstehen überschreitet. Deshalb gibt es keine Schrift ohne Tradition. Denn Tradition ist das Ankommen der Offenbarung im verstehenden Glauben der Kirche. Die Kirche bindet ihre Tradition für immer an einen bestimmten Kanon verschriftlichter Zeugnisse. Aber diese Zeugnisse erschöpfen nicht ihr Verstehen der Offenbarung.

    Meine erste persönliche Begegnung mit Joseph Ratzinger fällt in meine römische Studienzeit (1970–1978). Die Gregoriana hatte den international bekannten Professor 1972/73 zu einer Gastvorlesung eingeladen. So wurde ich wider Erwarten in Rom doch noch Hörer einer Ratzinger-Vorlesung. Was er damals vortrug, war ebenso spannend wie neu. Er präsentierte uns seinen Entwurf einer „eucharistischen Ekklesiologie“ – basierend auf der Theologie der griechischen Väter und inspiriert vom ökumenischen Dialog mit orthodoxen Theologen wie Afanasiev und Zizioulas. Ein zentrales Thema betraf die Verhältnisbestimmung von Universalkirche und Ortskirchen – später Gegenstand einer viel diskutierten Kontroverse mit Walter Kasper. Bis heute bewahre ich das römische Studienbüchlein auf mit der Unterschrift Joseph Ratzingers und der von ihm abgezeichneten Examensbescheinigung. Niemand hat 1973 geahnt, dass der deutsche Professor einmal Papst sein würde. Aber das Außerordentliche seiner Persönlichkeit wurde vielen Studenten bewusst.

    1974 in Rom von Kardinal Döpfner zum Priester geweiht, blieb ich als Promovend noch weitere vier Jahre in der Ewigen Stadt. Ich war im Petersdom, als der zum Erzbischof von München avancierte Professor von Papst Paul VI. zum Kardinal erhoben wurde. Und er hat aus diesem Anlass auch das Collegium Germanicum besucht. An seine Tischansprache erinnere ich mich, weil er – im Rückblick auf die Konzilsjahre – von einer Hermeneutik der Kontinuität und einer Hermeneutik der Diskontinuität sprach. „Es gibt“ – so sagte er damals – „eine Kritik, die aufbaut, und eine Kritik, die zerstört.“

    Unvergesslich bleibt mir das Drei-Päpste-Jahr 1978. Ich habe in diesem Jahr meine Dissertation abgeschlossen über das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung im Werk des lange Zeit verfemten, besonders von den Jesuiten ausgegrenzten, aber von Papst Benedikt XVI. rehabilitierten und schließlich seliggesprochenen Denkers Antonio Rosmini-Serbati. Schon in der Enzyklika „Fides et Ratio“ wurde er mit John Henry Newman allen Theologen zur Lektüre empfohlen. An der von Jesuiten geführten Gregoriana war Papst Johannes Paul I. (Albino Luciani) der erste Doktorand, der mit einer Dissertation über Rosmini promoviert wurde. Er hat mir vier Wochen vor seiner Wahl zum Papst ein Exemplar seiner Dissertation über Rosminis Anthropologie geschenkt – mit einer persönlichen Widmung, in der er seine Hoffnung auf dessen Rehabilitation ausdrückt. Das in der Kritischen Ausgabe achtzig Bände zählende Werk des italienischen Universalgelehrten ist in Deutschland weithin unbekannt.

    Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger haben dem entgegengewirkt. Am 12. März 2017 konnte ich anlässlich einer persönlichen Einladung mit dem emeritierten Papst über die Seligsprechung von Newman und Rosmini sprechen. In ihrer beider Seligsprechung – so erklärte er mir – verbindet sich die Verbeugung vor einer großen denkerischen Leistung mit der Bezeugung einer zutiefst kirchlichen Frömmigkeit.

    Nur einmal bin ich Joseph Ratzinger in seiner Eigenschaft als Präfekt der Glaubenskongregation begegnet – 1982 anlässlich eines Ad-Limina-Besuches in Begleitung des Osnabrücker Bischofs Helmut Hermann Wittler. Im Vorfeld meiner Habilitation (1986–1990) habe ich fast alles lesen können, was er veröffentlicht hat. Auch die Wahl meines Habilitationsthemas („Stellvertretung des christlichen Lebens und theologische Grundkategorie)“ war von ihm beeinflusst. Denn er war es, der in seinen Salzburger Vorträgen von 1960 und in verschiedenen Abhandlungen und Lexikonartikeln die Stellvertretung des Erlösers als Integral aller dogmatischen Traktate erklärt hat. Nicht zufällig befasst sich ein Kapitel meiner Habilitationsschrift mit seinem Beitrag zur Erschließung der Kategorie ,Stellvertretung‘.

    1990 an dieselbe Universität berufen, an der Joseph Ratzinger exakt dreißig Jahre zuvor gelehrt hatte, sah ich mich zunehmend mit den Fragen konfrontiert, mit denen der postmoderne Relativismus – speziell die Pluralistische Religionstheologie – den Wahrheitsanspruch des Christentums in Frage stellt. Nach Übernahme der Bonner Dogmatik-Professur lautete der Titel meiner ersten Buchveröffentlichung: „Die Einzigkeit Jesu Christi im Horizont der Sinnfrage“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass kein Geringerer als der Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation dieses Opusculum einer ausführlichen Besprechung unterziehen würde. In einer damals viel diskutierten Abhandlung mit dem Titel „Zur Lage von Glaube und Theologie heute“ – zunächst im Osservatore Romano, 1996 in der Zeitschrift ,Communio‘ und schließlich in einem Sammelband über das Verhältnis des Christentums zu den anderen Religionen (Glaube – Wahrheit – Toleranz, Freiburg 2003) veröffentlicht – affirmiert der Kardinal meine Kritik an der Pluralistischen Religionstheologie, kritisiert aber zugleich meine Argumente für die Erkennbarkeit des Erlösers schon unter dem Kreuz. In späteren Veröffentlichungen habe ich klargestellt: Ohne den Glauben an die Auferstehung des Gekreuzigten kann sein Tod nicht der Sieg über den von der Sünde verursachten Tod (Trennung der Sünder von Gott) sein. Aber man darf vermuten, dass schon unter dem Kreuz erkennbar war, was im vierten Evangelium ein heidnischer Hauptmann mit den Worten bezeugt: „Wahrhaftig, das war Gottes Sohn“ (Johannes 15, 39).

    Das nicht zufällig zur Jahrtausendwende publizierte Lehrschreiben „Dominus Iesus“ („Über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“) ist ganz offensichtlich von Joseph Kardinal Ratzinger verfasst worden. Es beginnt mit denselben Argumenten gegen die Pluralistische Religionstheologie, die er schon in der besagten Abhandlung aus dem Jahre 1995 vorgetragen hatte. Und es ist so etwas wie die Ouvertüre zu jenem großen Werk, das – über Jahrzehnte entstanden – zum „Jesusbuch des Papstes“ wurde. In den drei Bänden dieses magistralen Werkes löst er ein, was er in seiner „Einführung“ so formuliert hat: „Jesus hat Gott wirklich ausgelegt, ihn herausgeführt aus sich selbst, oder, wie es der erste Johannesbrief noch drastischer sagt: ihn unserem Anschauen und unserem Betasten freigegeben, so dass er, den nie jemand gesehen hat, nun unserem geschichtlichen Berühren offensteht.“ Einerseits ist das dreibändige Werk des Papstes eine Verbeugung des Systematikers vor den Detailstudien der historisch-kritischen Exegese; andererseits der Versuch, deren Ergebnisse positiv zu lesen als Argumente für die Glaubwürdigkeit der vier Evangelisten.

    Ein Jahr nach dem Erscheinen von Band I des päpstlichen Jesusbuches habe ich meine eigene Christologie („Jesus ist Gott der Sohn“) veröffentlicht – ausgehend von derselben hermeneutischen Prämisse. Wohl deshalb hat Papst Benedikt mein bescheidenes ,Schulbuch‘ in der Einführung zu Band II seines Jesusbuches empfohlen und mir unmittelbar nach dessen Erscheinen ein Exemplar mit handschriftlicher Widmung zukommen lassen.

    2001 hatte ich die Ehre, von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften als erster ,katholischer Dogmatiker‘ nach Joseph Ratzinger zum ordentlichen Mitglied gewählt zu werden. Er selbst – bis heute korrespondierendes Mitglied – hat zwei Vorträge vor dieser Akademie gehalten: den ersten (als Professor) über „das Problem der Dogmengeschichte“; den zweiten (als Kardinal) über die Befreiungstheologie. In Anknüpfung an Ratzingers Vortrag über die Geschichte der Dogmengeschichte habe ich in meinem ersten Vortrag einen Überblick zu geben versucht über die Geschichte der Frage nach dem Wesen des Christentums (2005 erschienen unter dem Titel: „Die Frage nach dem Wesen des Christentums“). Als er 2005 Papst geworden war, wurde ich vom Präsidenten der Akademie gebeten, einen Vortrag über die wichtigsten theologischen Kontroversen unseres berühmtesten Mitglieds zu halten (2008 erschienen unter dem Titel: „Der Leitgedanke Joseph Ratzingers“). Und aus Anlass meiner Emeritierung (2015) habe ich so etwas versucht wie eine Erklärung der alles integrierenden Mitte von Ratzingers ,Gesammelten Werken‘ – unter der Überschrift „Die Einzigkeit der Wahrheit und die Einzigkeit Christi, oder: Das Grundanliegen des deutschen Papstes“.

    Keine meiner Veröffentlichungen ist in so viele Sprachen übersetzt worden wie meine Antwort auf die sogenannte „Pius-Bruderschaft-Affäre“ des Jahres 2009. Es ging um das Verhältnis des Papstes und seiner Theologie zum Judentum. Ich konnte zeigen, dass er viel früher als andere den mit Israel geschlossenen Bund als bleibenden Bund beschrieben hat; dass er einer der ersten Theologen war, die sich gegen das sogenannte Substitutionsmodell (Ersetzung des alten durch den neuen Bund) wandten; und dass er sich von jüdischen Theologen wie Jacob Neusner erklären ließ, was das aus dem zeitgenössischen Judentum unableitbar Neue des Phänomens ,Jesus Christus‘ ist.

    Vielleicht war es dieser Aufsatz; vielleicht waren es meine Kommentare zu seinen Enzykliken oder die Publikation meiner Ekklesiologie (Sakramentalität. Wesen und Wunde des Katzholizismus, Regensburg 2012), die den zurückgetretenen Papst 2014 veranlassten, mich zu Vorträgen vor seinem Schülerkreis in Castel Gandolfo einzuladen. Das anschließende Vier-Augen-Gespräch gehört zu meinen kostbarsten Erinnerungen. In seiner Persönlichkeit verbinden sich der Adel des Geistes mit echter Frömmigkeit und ungeheuchelter Bescheidenheit, Theologie auf höchstem Niveau mit unbedingter Kirchlichkeit und deutsche Gründlichkeit mit mediterraner Klarheit.

    Der Verfasser hielt diese Rede am Samstag in Rom bei der Verleihung

    des Ratzinger-Preises

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