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    Abgesang auf die christliche Ehe

    Unter dem Titel „Familienvielfalt in der katholischen Kirche. Geschichten und Reflexionen“ haben der Sekretär der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz, Arnd Bünker, und der Professor für theologische Ethik an der Theologischen Hochschule Chur, Hanspeter Schmitt, eine Veröffentlichung im Hinblick auf die kommende Bischofssynode vorgelegt.

    Unter dem Titel „Familienvielfalt in der katholischen Kirche. Geschichten und Reflexionen“ haben der Sekretär der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz, Arnd Bünker, und der Professor für theologische Ethik an der Theologischen Hochschule Chur, Hanspeter Schmitt, eine Veröffentlichung im Hinblick auf die kommende Bischofssynode vorgelegt.

    Das Werk „Familienvielfalt“ folgt der klassischen Coming out-Strategie: Es wird auf Lebensrealitäten hingewiesen, die von der geltenden Ordnung abweichen. Anschließend wird gefordert, diese Realitäten seien als normativ von der zuständigen Autorität anzuerkennen. Dem Coming out dienen einerseits Fallbeispiele: etwa ein nach der Scheidung zivilrechtlich verheira-tetes Paar, ein Paar, das vor der Ehe selbstverständlich zusammengelebt hat wie Mann und Frau, und ein lesbisches Paar, das in einem Pfarrhaus im Kanton Aargau (Bistum Basel) wohnt. Neben solchen „Geschichten“ werden „Reflexionen“ geboten, deren Grundtenor ist, dass die Gläubigen in der Schweiz längst Ja gesagt hätten zur herrschenden „Familienvielfalt“. Diese Vielfalt sei bis ins Kirchenpersonal hinein „eine binnenkirchliche Realität“ (Bünker). Ja, man sei inzwischen kulturell wie kirchlich ausgebrochen „aus der Subkultur und systematischen Verdrängung von Familien- und Beziehungsvielfalt“ (Schmitt). Dabei soll es nun aber, dank der kommenden Bischofssynode, nicht bleiben. Ziel sei vielmehr, „dass die Vielfalt familiären und partnerschaftlichen Lebens nicht nur faktisch vor-, sondern offiziell hervorkommen darf“, wie der Churer Ethiker Hanspeter Schmitt in Anspielung auf die Coming out-Strategie erklärt.

    Den Autoren geht es darum, die klassische kirchliche Lehre über Ehe und Familie, die als „althergebrachte kirchliche Idealistik ehelicher Fortpflanzungssexualität“ (Schmitt) karikiert wird, zu überwinden. Dabei wähnen sie sich auf Seiten von Papst Franziskus: „Er sagt nicht der Welt, wie sie zu sein hat, sondern fragt die Welt, wie die Kirche zu sein hat, damit sie ihr hilft“, wie sich der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher ausdrückt.

    Die Autoren widersprechen dem Papst jedoch sogleich. Denn dieser hat bekanntlich angesichts von problematischen Ehe- und Beziehungsverhältnissen die Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt gestellt. Diese zu bemühen, wird von den Autoren jedoch abgelehnt. So sei die zivile Wiederheirat für die meisten Menschen heute nicht mit Schuldbewusstsein verbunden. In dieser Situation von Barmherzigkeit zu sprechen, sei deshalb schwierig, findet die bisherige Rektorin der Theologischen Hochschule Chur, die Dogmatikerin Eva-Maria Faber. Es gehe in der Frage der heterosexuellen und homosexuellen Familienvielfalt „nicht um Barmherzigkeit, son-dern um Anerkennung“, wie der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz das Anliegen des ganzen Buches prägnant zusammenfasst. Nicht Barmherzigkeit ist also die Forderung, sondern die kirchenamtliche Anerkennung der „humanen Qualitäten sexuellen Liebens auch jenseits von Ehe und Fortpflanzung“ (Schmitt). Denn man wolle eben als Angehöriger einer Glaubensgemeinschaft von dieser in seiner Situation anerkannt werden (Faber). Dass angesichts dieser Forderungen der St. Galler Dompfarrer Beat Grögli kirchliche Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durchführen würde, kann da nicht überraschen.

    Der ebenfalls interviewte Pfarrer von Aesch (Basel-Landschaft, Bistum Basel), Felix Terrier, führt solche Segnungen schon durch und stellt die Frage, „ob es wirklich nur ein einmaliges Ehesakrament geben darf“. Der Offizial des Bistums St. Gallen, Titus Lenherr, schließlich fordert auf der Linie von Kardinal Walter Kasper ein einfaches kirchliches Verfahren für die kirchliche Legitimation einer zivilen „Zweitehe“.

    Diese Forderungen sollen erfüllt werden können, wenn Sexualität nicht länger einen Naturzweck erfüllen müsse. Die „naturrechtlich blockierte Ethik“ (Schmitt) der Kirche müsse deshalb überwunden werden. Man müsse in der Sexualmoral neu ansetzen und Sexualität als etwas betrachten, das sich in einer Beziehung ausdrücke, die auf gegenseitigem Respekt beruhe. Das gelte dann zugleich für Heterosexuelle wie für Homosexuelle (Goertz). Was diesbezüglich schon pastorale Realität sei, müsse nun auch „amtskirchlich nachvollzogen“ werden (Schmitt). Man müsse deshalb die Haltung der Kirche zur Ehe, zur Sexualmoral und zur Empfängnisverhütung „anpassen, damit der garstige Graben zwischen Lehre und gelebter Praxis nicht noch größer wird“ (Grögli).

    Falls diese Forderungen nicht zum Durchbruch kämen, sieht Eva Maria Faber eine Auswanderung aus der Kirche voraus, die „enorme Züge annehmen würde“. Und ihr Kollege von der Theologischen Hochschule in Chur, Hanspeter Schmitt, prophezeit, dass die „innere wie äußere Emigration aus der Kirche flächendeckend und nachhaltig erfolgen“ werde. Angesichts solch alarmistischer Töne ist es nachvollziehbar, dass die staatskirchenrechtlichen Körperschaften der Kantone Zürich, Aargau, Luzern, Nidwalden und Basel-Landschaft das Buchprojekt „durch großzügige Zuwendungen“ (budgetiert waren über EUR 50 000) ermöglicht haben. Sie sind ja als Kirchensteuereinzugsbehörden an einer Kirche interessiert, die – notfalls auch unter Preisgabe ihrer Inhalte – gesellschaftlich mehrheitsfähig bleibt. Das Bistum St. Gallen hat das Werk ebenfalls finanziell gefördert.

    Aus den Beiträgen dieses Buches spricht ein tiefer Minderwertigkeitskomplex gegenüber der heutigen nachchristlichen Gesellschaft und der Wunsch, so zu sein wie die anderen. Die Autoren glauben offenbar nicht mehr, dass Jesus Christus weiß, was im Menschen ist (Joh 2, 25) und dass es die Kirche als der Leib Christi ebenfalls weiß. Themen wie eine lebendige Christusbeziehung des Getauften, die ihn in seiner Ehe stützt, kommen ebenso wenig vor wie das Vertrauen auf die im Sakrament der Ehe vermittelte Gnade und Zusage Gottes. Dieses Buch ist deshalb ein Abgesang auf das Christsein als gestaltende Kraft im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft. Und es ist eine Absage an den missionarischen Auftrag der Kirche, Salz der Erde zu sein. Denn man fragt sich, wie viele Heiden die iro-schottischen Mönche des ersten christlichen Jahrtausends im Gebiet der Schweiz wohl zu Christus geführt hätten, wenn sie ebenfalls die Erwartung geteilt hätten, „dass auch seitens der amtlichen Lehrtexte und Äußerungen der katholischen Kirche die gegebenen Lebenswirklichkeiten nicht länger in Misskredit gebracht werden“ dürfen (Schmitt).

    Romano Guardini hat in seinem Buch „Das Ende der Neuzeit“ hellsichtig dargelegt, dass durch die göttliche Offenbarung im Menschen Kräfte frei werden, die zwar an sich natürlich sind, die sich aber außerhalb jenes Zusammenhanges nicht entwickeln. Verdunste jedoch der Gottesglaube, so würden die nunmehr „säkularisierten Christlichkeiten“ bald zu Sentimentalitäten erklärt und fallen gelassen.

    Auf das Institut der Ehe bezogen heißt das: Das bereits seinem natürlichen Wesen nach auf die unauflösliche Einheit von Mann und Frau ausgerichtete Institut wird im christlichen Lebenszusammenhang konkret lebbar: Was an sich natürlich ist, wird unter der – wie es Guardini nennt – „Überwölbung“ des christlichen Glaubens tatsächlich realisierbar. Fällt jedoch dieser christliche Glaube wieder weg, ist der Mensch nicht mehr in der Lage, das zu leben, was in der Ehe natürlicherweise angelegt ist. Und in der Tat: In den zunehmend gottfernen Gesellschaften der westlichen Welt ist der christliche Glaube erheblich verdunstet. Im Nachgang dazu hat eine noch nicht abgeschlossene Zersetzung dessen stattgefunden, was Ehe bedeutet. Diese Entwicklung gibt Guardini in tragischer Weise Recht. Überrascht und wohl auch erschreckt hätte ihn jedoch, dass es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Teilen der katholischen Kirche zu einer massiven Verdunkelung des Gottesglaubens kommen kann. Diese hat, wie das zu besprechende Werk zeigt, dazu geführt, dass die unauflösliche Ehe zwischen einem Mann und einer Frau mittlerweile auch in Teilen der Kirche zur überholten Sentimentalität erklärt wird: Auf dem Weg zum „Nischensakrament“ sei die Ehe, ja vielleicht sei sie sogar ein „Relikt der Kirchengeschichte“ (Bünker).

    Klar wird am Werk „Familienvielfalt“ auch: Wer mittlerweile den Standpunkt der nachchristlichen Gesellschaft in der Kirche vertritt, will weder etwas von der Barmherzigkeit Gottes hören, wie sie Papst Franziskus betont. Denn sie ist für ihn nur ein Almosen, das nicht zur kirchenamtlichen Anerkennung der „Familienvielfalt“ führt. Noch will er betreffend die zivilrechtlich „Wiederverheirateten“ nur Ausnahmen in begrenzten Einzelfällen von der Kirche anerkannt wissen, wie es ja Kardinal Kasper wünscht. Immerhin darüber haben der Sekretär der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz und der Professor für theologische Ethik an der Theologischen Hochschule Chur zusammen mit ihren Co-Autoren in wünschenswerter Weise Klarheit geschaffen. So kann zumindest niemand mehr behaupten, er habe die Tragweite dessen, was im Herbst anlässlich der Bischofssynode auf der Agenda steht, nicht abschätzen können.

    Arnd Bünker: Hanspeter Schmitt (Hrsg.), Familienvielfalt in der katholischen Kirche. Geschichten und Reflexionen. Edition NZN bei TVZ Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2015,

    ISBN 978-3-290-20107-4, EUR 21,90