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    Abbild der Dreifaltigkeit

    Mitten in der von der Gender-Ideologie besetzten Diskussion und Gesetzgebung über Familie und ihr nun schon in Vielem gleichgestellten Partnerschaften erscheint auf dem deutschen Büchermarkt ein Taschenbuch, das es in sich hat und für alle, die sich intensiv mit Familienfragen beschäftigen, eine lohnende Herausforderung ist.

    Die Familie ist auch der zentrale Ort, an dem der Glaube über die Generationen hinweg praktiziert wird und Berufungen wa... Foto: KNA

    Mitten in der von der Gender-Ideologie besetzten Diskussion und Gesetzgebung über Familie und ihr nun schon in Vielem gleichgestellten Partnerschaften erscheint auf dem deutschen Büchermarkt ein Taschenbuch, das es in sich hat und für alle, die sich intensiv mit Familienfragen beschäftigen, eine lohnende Herausforderung ist.

    Der oftmals hilflos agierenden Ehe- und Familienpastoral wird hier etwas an die Hand gegeben, das das Verständnis von Ehe und Familie nicht allein auf Rettungsaktionen beschränkt, sondern vielmehr eine wunderbare neue Sicht eröffnet, die sich in der Kirche hauptsächlich seit dem Pontifikat von Johannes Paul II. immer deutlicher abzeichnet: die Familie als eine Kirche im Kleinen, als eine echte Hauskirche, als ein Abbild der Dreifaltigkeit. Und da ist man schon inmitten einer hoch theologischen Auseinandersetzung mit der traditionellen Ehelehre einerseits, aber auch mit dem Aufschrei der Kirche nach der Hilfe bei der Neuevangelisierung andererseits.

    Dieser enormen Spannung hat sich der jetzige Präfekt der Bischofskongregation, der kanadische Kardinal Marc Ouellet, angenommen, der sowohl für die Fachtheologen ein solides Fundament aufbereitet, als auch für die in der Pastoral Tätigen einen vergewissernden Rückhalt bietet.

    Das Ganze ist eine Wiederentdeckung der Hauskirche aus alten Quellen, aus dem Geist des Konzils, aus den Katechesen von Johannes Paul II. und manchen Ansätzen von Hans Urs von Balthasar, Rahner, Ratzinger, Hemmerle und andere. Dabei bevorzugt der Autor in der Methodik eine präzise Skizze, die quer durch die Jahrhunderte verläuft und das Bild der Kirche, ihr Verhältnis zu Christus und das durch sie zu ahnende Zueinander der göttlichen Dreifaltigkeit in der menschlichen Ehe und der Familie geradezu spiegelt.

    Obwohl die Thematik sich ganz auf Ehe und Familie konzentriert, lässt sie den anderen Berufungsweg, der den „Verzicht auf Ehe und Familie um des Himmelreiches willen“ beinhaltet, nicht außer Acht, denn dieser erweist sich sogar als Schutz für die gelungene Ehe durch das „Wachhalten des Bewusstseins und der Verteidigung des Ehestandes vor jeder Verkürzung und jeder Verarmung“.

    Beide Berufungswege ergänzen sich im Dienst der Kirche zur Verherrlichung des Dreifaltigen Gottes. Marc Ouellet begründet die Engführung des mittelbaren, sakramentalen Eheweges mit dem unmittelbaren bräutlichen Verhältnis auf dem ehelosen Weg durch die Integration einer christozentrischen und trinitarischen Gesamtschau, die sich hauptsächlich auf die Genesis, Paulus und Johannes Paul II. stützt, aber gleichzeitig auch Defizite in der Theologie durch die langandauernde Ausklammerung der Wir-Realität Gottes ausgleicht. Was Ratzinger in diesem Zusammenhang beklagte, macht Ouellet wett in seiner knappen Darstellung und leitet damit einen Konkretisierungsvorgang ein, der von Johannes Paul II. in Familiaris consortio angemahnt worden war.

    Macht es Kardinal Ouellet in seinen sehr anspruchsvollen theologischen Beweisgängen dem Leser nicht leicht, so sind die Folgerungen und das Aufzeigen von Grundsätzen einer heutigen Ehe- und Familienpastoral und auch die der Begleitung in kirchlichen Berufungswegen wiederum von einer bestechenden Schlichtheit, die in ihrem Gedankenduktus stark an Benedikt XVI. erinnern.

    Besonders eindrücklich sind seine Analogien von Trinität und ehelicher Gemeinschaft unter dem Gesichtspunkt der Selbsthingabe und der Fruchtbarkeit. Scheinen die Formulierungen wie „Hauskirche als Sakrament der Trinität“ oder „Familie ist die erste Verwirklichung und Schule der trinitarischen Anthropologie“ zunächst gewagt, so sind sie doch nach genauem Bedenken im Gang der theologischen Argumentation ein Schlüssel zu einer echten Kehrtwende in einer Familienpastoral, wo die Eheleute nicht mehr Objekt, sondern einsichtig handelnde Subjekte in ihrem Selbsterziehungsprozess sind und so bei der Neuevangelisierung die Trumpfkarte der Kirche sein werden. Vorausgesetzt, man macht wirklich ernst damit im täglichen Leben. Damit reiht sich Kardinal Ouellet ein in die Katecheten der Hauskirche wie Johannes Chrysostomos oder Johannes Paul II. Forderte ersterer den Pater Familias auf, aus seinem Haus eine Hauskirche zu machen, weist letzterer ein ganzes Bündel von ihren Wirkungsfeldern auf. Ouellet gibt dazu eine sehr hilfreiche systematische Übersicht zu Stellen aus Familiaris consortio: die Verwirklichung kirchlicher Gemeinschaft in der Hauskirche, der Evangelisierungsauftrag und die Missionsdynamik, das Heim als Gebets- und Kultstätte, damit die Familie nicht nur ein Bild der Kirche bleibt, sondern ein echtes kirchliches Gebilde wird: „Familie, werde, was du bist.“

    Auch personifizierte Grundaspekte und Charismen der großen Kirche werden sich in der Hauskirche wiederfinden. Ouellet lässt in seinem Bemühen um ein weit gefächertes Theologenspektrum Hans Urs von Balthasar zu Wort kommen mit seinen interessanten Verweisen auf die Einheit (Petrus), auf die Freiheit im Geist (Paulus), auf das Prinzip der Tradition (Jakobus) und die besondere Liebe (Johannes). Eine echte Hauskirche sucht immer tiefere Einheit in der Vielfalt der Begabungen und des Einbringens der Stärken der Eheleute und der Kinder, der Pflege eines klug erspürten Familienbrauchtums und der besonderen Geborgenheit in der gegenseitigen Liebe. Das alles ist nach von Balthasars Darstellung „umgriffen von der Ursendung Mariens, der Mutter der Kirche ohne Makel und Runzel“, die besonders wirksam in die Nachfolge Christi einführt und eine effektive Fruchtbarkeit in der Missionsdynamik entwickelt. Marianisch geprägte Familienbewegungen können so leicht ihre marianische Modalität auf dem Hintergrund einer christozentrischen und trinitarischen Theologie nach außen hin plausibel machen. Man ergänze dazu nur die Schlusskapitel der großen Enzykliken der letzten Päpste.

    Rezepte gibt Kardinal Ouellet in seinem Buch nicht, jedoch eine weit umfassende Basis für eine im Wortsinn notwendige Familienpastoral unserer Tage.

    Kardinal Marc Ouellet: Die Familie – Kirche im Kleinen. Eine trinitarische Anthropologie. Aus dem Französischen und Englischen übertragen von Adrian Walker, Johannes Verlag, Einsiedeln, Freiburg 2013, ISBN 978-3-89411-417-6 EUR 15.–