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    Washington D. C.

    „Twexit“: Konservative verlassen Twitter

    Die Social-Media-App Parler wird in den USA zum „Anti-Twitter“ und neuen digitalen Treffpunkt von Konservativen und Trump-Anhängern.

    Twitter-Account von Donald Trump
    Nachdem Twitter einige seiner Äußerungen zensiert hat, ist US-Präsident Donald Trump nun auf der Suche nach Alternativen... Foto: dpa

    Jim Jordan, Elise Stefanik und Nikki Haley haben außer einer starken Zuneigung zu US-Präsident Donald Trump alle etwas gemeinsam: Die drei republikanischen Politiker haben sich ebenso wie Senator Ted Cruz, New Yorks früherer Bürgermeister Rudy Giuliani, Trump-Sohn Eric und der frühere Wahlkampfmanager des Präsidenten, Brad Parscale, der Social-Media-App Parler angeschlossen. Die Website gilt seit kurzem für konservative US-Politiker und Trump-Anhänger als neuer digitaler Treffpunkt und „Anti-Twitter“ – auch führende Vertreter der „Alt-Right“-Bewegung wie die auf Twitter gesperrten Verschwörungstheoretiker Alex Jones und Milo Yiannopoulos sind mittlerweile auf Parler zu finden.

    Auslöser für den Bedeutungs- und Wachstumsschub der Social-Media-App war ein Mitte Juni erschienener Artikel aus dem Wall Street Journal, in dem berichtet wurde, dass die Trump-Administration nach digitalen Alternativen zu Facebook und Twitter suche, weil sie befürchtete, dass die beiden großen Sozialen Netzwerke Posts beziehungsweise produzierte Inhalte von Trump und seinen Anhängern blockieren werden, je weiter sich der US-Präsidentschaftswahlkampf verschärft.

    Trump wirft Twitter „politische Zensur“ vor

    Denn Trump befindet sich seit geraumer Zeit im offenen Zwist mit Twitter und Co.: Seitdem die Nachrichtenseite einzelne Posts des US-Präsidenten als wahrheitswidrig deklariert sowie das Zuckerberg-Netzwerk fragwürdige Wahlwerbung auf seiner Domain verbietet, sprechen Trump und seine Anhänger offen von „politischer Zensur“, „massiven Eingriffen in die Meinungsfreiheit“ sowie von „Bevorzugung der Demokratischen Partei“. Per umstrittener Executive Order mahnte Trump Twitter, Facebook und Instagram daraufhin gar zur „Aufrechterhaltung der Meinungsfreiheit“.

    Das Wall Street Journal nannte daraufhin Parler als mögliche Alternative für das Versenden pro-republikanischer Nachrichten – und nur zwei Tage nach Veröffentlichung des Artikels war das im US-Bundesstaat Nevada ansässige Unternehmen laut „App Annie“ die bestplatzierte iPhone-App in der Kategorie Nachrichten vor Twitter und Reddit und insgesamt 24. hinter Venmo und WhatsApp. Das Benutzerwachstum stieg innerhalb einer Woche von einer Million auf 1, 5 Millionen, sagt John Matze, der 27-jährige Gründer und CEO von Parler. „Wir sind ein öffentlicher Marktplatz, ein offener Stadtplatz ohne Zensur“, so Matze in einem Interview. Das Motto der App lautet: „Wenn Sie es auf der Straße von New York sagen können, können Sie es auf Parler sagen.“ Wie bei Twitter können Benutzer der App Kommentare, Fotos und Nachrichten mit ihren Followern teilen.

    Es soll eine Plattform für alle Richtungen sein

    Matze, ein Informatiker, der das Unternehmen im Jahr 2018 gegründet hat, ist dankbar für das Wachstum, auch wenn alle neuen Überprüfungen viel zusätzliche Arbeit für sein 30-köpfiges Team bedeuten. Aber Matze möchte nicht, dass die App nur eine Echokammer für konservative Stimmen ist. Er persönlich bevorzuge keine der politischen Parteien und sei vielmehr an ausgewogenen Debatten interessiert. Er ist so sehr darauf bedacht, auch politisch links- bis liberal gesinnte User auf die Plattform zu bringen, dass er einem offen liberalen Experten mit 50 000 Followern auf Twitter oder Facebook ein „progressives Kopfgeld“ in Höhe von 20 000 US-Dollar anbietet, um ein Parler-Konto zu eröffnen. Matze jedoch bedauerte, dass es so wenig Resonanz auf seinen Aufruf gegeben habe, dass er die ursprünglich vorgeschlagene Zahlung von 10 000 auf 20 000 Dollar erhöhte.

    Trotz der von Matze postulierten Offenheit seiner App gegenüber verschiedensten politischen Strömungen teilt er die von vielen Trump-Anhängern vorgebrachten Zensurvorwürfe gegenüber Twitter. „Ich verstehe nicht, warum Sie die Tweets des Präsidenten zensieren müssen“, sagt er. „Wenn Ihnen das, was er zu sagen hat, nicht gefällt, sollen Sie ihn einfach aus dem Amt wählen.“ Parler spielt damit auf einige Trump-Tweets an, die von Twitter markiert wurden, da diese laut Meinung der App zur Förderung von Gewalt aufriefen oder falsche Tatsachen behaupteten.

    Bremse für Trump: Auch Parler hat klare Richtlinien

    Doch auch Parler verfügt über ziemlich klare Communitiy-Richtlinien: Die App erlaubt kein Posten pro-terroristischer Inhalte oder Aufrufe zur Unterstützung terroristischer Organisationen, das Teilen falscher Gerüchte, gewalttätige Sprache, erpresserische Inhalte oder die Veröffentlichung von Pornografie. Zur Überprüfung vergibt Parler ein goldenes Abzeichen an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, um sie von Parodiekonten zu unterscheiden, die ein lila Abzeichen erhalten. Inwiefern also Donald Trump, der es mit der Wahrheit noch nie ganz ernst genommen hat, letztendlich angesichts der Parler-Community-Richtlinien schalten und walten kann, wie er es für richtig hält, bleibt abzuwarten: Rund 18 000 falsche oder irreführende Behauptungen soll Trump seit seinem Amtsantritt vor gut drei Jahren aufgestellt haben, etwa 23 pro Tag – so hat es die „Washington Post“ dokumentiert.

    Matze erwartet, dass Parler im Laufe der Zeit zu einer attraktiveren Website für ein vielfältigeres Publikum wird, da seiner Ansicht nach „niemand auf Twitter bleiben will, wenn die Konservativen weg sind“. Auf der Produktseite gibt es jedoch noch viel mehr zu tun. Matze sagt, er sei „voll und ganz darauf bedacht, die Plattform zu öffnen“, aber das Benutzerwachstum hat den Aufbau behindert. Für die Trump-Kampagne scheint dies eine erhebliche Hürde zu sein. Brad Parscale, verantwortlich für die Social-Media-Aktivitäten der Trump-Wahlkampagagne, der 159 000 Follower auf Parler hat, verglichen mit fast 700 000 auf Twitter, hat dem Unternehmen vor kurzem eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, um die Reichweite der App zu steigern sowie schneller neue Nutzer zu generieren. Ob dies bis zur Wahl im November gelingt, darf jedoch angezweifelt werden.

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