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    Würzburg

    Katholische Verstärkung

    Mit Alexander Kissler wechselt ein profilierter katholischer Publizist zur NZZ.

    Debattenfreudig und scharfsinnig: Alexander Kissler
    Debattenfreudig und scharfsinnig: Alexander Kissler. Foto: Andrej Dallmann

    Nein, Geheimtipp ist sie keiner mehr. Längst gilt die Neue Zürcher Zeitung vom bundesdeutschen Medien-Establishment enttäuschten Konservativen und Liberalen als eidgenössische Alternative. In dem tatsächlich mehr liberalen denn konservativen Blatt werde berichtet, was andernorts nicht oder nur mit moralisierendem Lektüreschlüssel versehen serviert werde, heißt es dann zur Begründung und wird meist noch mit einem Seufzer in Richtung der FAZ verbunden, die eben nicht mehr sei, was sie mal war. Irgendwann in den bewegten letzten Jahren mit Merkels Flüchtlingspolitik etablierte sich dann die Rede von der NZZ als neuem Westfernsehen.

    Ohne moralisierenden Lektüreschlüssel

    Ein pfiffiger Begriff für eine publizistische Lücke zunächst. Als dann aber der Gottstehunsbei des deutschen Establishments, Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, vergangenes Jahr den Begriff verwendete, wurde man in Zürich nervös. Chefredakteur Eric Gujer, selbst intimer Deutschlandkenner und -kommentierer, wies den Begriff zurück und gab eine Ehrenerklärung für die deutschen Kollegen ab. Nein, die deutschen Medien seien nicht Ostfernsehen. Als letzter NZZ-Korrespondent in der DDR wisse er, wovon er spreche. Doch ist der Begriff nun mal in der Welt. Regelmäßig mühen sich deutsche Journalisten in langen Fleißarbeiten ab, der alten Dame aus Zürich kühl berechnete rechtspopulistische Flirts nachzuweisen.

    Vielleicht reizt aber auch einfach nur der souveräne Nonkonformismus, der den lässig-unaufgeregten Journalismus aus Zürich prägt. Jüngstes Beispiel: Als von der in Südafrika weilenden Kanzlerin bis zum letzten Politredakteur aus der Provinz jeder mit der vollen Wucht des Amtes das Ungeschehenmachen der Thüringer Ministerpräsidentenwahl forderte, schrieb der frühere Korrespondent Benedikt Neff von den allerorts bemühten Weimarer Reminiszenzen ungerührt gegen den Einheitsbrei an und ordnete den Vorgang kurz als demokratische Normalität ein. Für solche Coolness gibt es einen Markt. Chefredakteur Gujer kündigte im März folgerichtig an, die Deutschlandberichterstattung des Blattes zu stärken und das Berliner Büro auszubauen.

    Coolness als Marke

    Im Zuge dieser Maßnahmen stößt jetzt Alexander Kissler dazu. Ab dem 1. August wird der gebürtige Speyrer, Jahrgang 1969, das Team um den ehemaligen SZ-Journalisten Marc-Felix Serrao verstärken. Mit Kissler, derzeit noch Leiter des Ressorts Kultur beim Monatsmagazin Cicero, vormals Redakteur und Autor bei Focus, SZ, FAZ und zeitweise auch dieser Zeitung, erhält das deutsche Büro einen ebenso scharfsinnigen wie debattenfreudigen Neuzugang. Auf Twitter und in zahllosen Kolumnen stellte er intellektuelle Rauflust unter Beweis.

    Neben dem bundesdeutschen Politik- und Kulturbetrieb nimmt der Katholik mit Lust immer wieder die deutsche Amtskirche aufs Korn. So meinte er in Kardinal Marx einen Schein-Altruisten erkennen zu können und geißelte die pressewirksame Hilfestellung für den Seenotrettungsverein „Mission Lifeline“ mit 50 000 Euro aus Kirchenmitteln als heuchlerisch. Marxens Kritik an Söders Kreuzerlass sah er als Ausdruck einer Arbeit an einem „Christentum ohne Bekenntnis“ an.

    Wider ein Christentum ohne Bekenntnis

    Auch vor dem gegenwärtigen Papst macht Kisslers Kritik nicht Halt. Vermutlich sei Jorge Mario Bergoglio ein exakt so machtbewusster, geschwätziger und am Katholischen relativ desinteressierter Relativierer, wie Papst Franziskus mehr und mehr erscheine, schrieb er 2016. Denken und Wirken Papst Benedikts XVI. hingegen finden Kisslers Zustimmung. Tatsächlich legte er unmittelbar nach Benedikts Abdankung eine von intensiver Beschäftigung zeugende Einordnung des Pontifikats eines „Papstes im Widerspruch“ vor. Mit diesem war er sich einig in der Kritik an kirchlichen Routiniers. In einem Kommentar auf Cicero Online schrieb er 2013 zum Pontifikatsende über den deutschen Landsmann auf dem Stuhl Petri: „Erster Kritiker seiner Kirche konnte, ja musste Benedikt werden, weil für ihn klar war: Christen sind Nonkonformisten.“ Am Nonkonformismus solle man die Christen erkennen, erklärte Kissler mit Benedikt. Man möchte ergänzen: Am methodischen Nonkonformismus erkennt man auch den Journalisten.

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