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    Würzburg

    Verzerrte Bilder trotz bestechender Grafik

    Historische, kulturelle und religiöse Themen bilden oft den Hintergrund von Computerspielen. Dass dabei häufig ein schiefes Bild vermittelt wird, weisen Studien nach.

    Ein Gamer auf der Games Week Berlin
    Auf auf Computer, Konsole oder Smartphone: Games gehören für viele Menschen zum Alltag. Und mit den Games halten auch ku... Foto: Klaus-Dietmar Gabbert (dpa)

    Etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung nutzt das elektronische Endgerät „mindestens gelegentlich“ zum Spielen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das Computer-, Konsolen-, Online-, Tablet- und Handyspielen Alltagsbeschäftigung. Sich mit den Themen der Spiele und ihrer Darstellung in den Szenarien näher zu beschäftigen, ist daher eine Notwendigkeit, um die Gegenwartskultur besser verstehen zu können.

    Dabei geht es nicht allein um die Gewaltaffinität vieler   Spiele und ihre (mögliche) Auswirkung auf die reale Gewalt von Schülern, sondern auch um die Prägung des „Wissensbestands“ durch fragwürdige Verarbeitung von historischen Themen wie dem Zweiten Weltkrieg. Die Spiele wollen den Akteur „hautnah“ an die Front führen und vermitteln dabei „doch nur soldatische Tugenden“ (so die „Süddeutsche Zeitung“ in der Analyse „Der Zweite Weltkrieg in Computerspielen“).

    Die Historikerin Angelika Schwarz von der Universität Siegen, die über Geschichtsdarstellungen im Videospiel forscht, kritisiert, dass die Game-Designer zwar akribische Recherche für die akkurate Darstellung von Waffen, Technik und Ausstattung leisten, für die Korrektheit historischer Hintergründe aber auf den Rat von Experten verzichteten und sich stattdessen populärer Vorlagen oder des eigenen Geschichtsbildes bedienten.

    Das Mittelalter als beliebter „Schauplatz“

    Weiter in der Geschichte zurückgegangen, findet sich das gleiche schiefe Bild. Das Mittelalter etwa, ein sehr beliebter „Schauplatz“ der Handlung, wird in Computerspielen oft verzerrt dargestellt. Zu diesem Ergebnis kommen Studenten der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie gingen in einem Projektseminar der Frage nach, ob man aus virtuellen Darstellungen etwas über historische Zusammenhänge lernen kann. Der Studie nach werden in Computerspielen negative Aspekte wie Tod und Trauer häufig ausgeblendet oder verharmlost, Geschlechterverhältnisse stereotypisch dargestellt und neuzeitliche Vorstellungen auf das Mittelalter übertragen. 

    „Oft eignen sich Computerspiele eher dazu, Aufschluss über die Geschichtsbilder der Entwickler zu erlangen, als Wissen über das Mittelalter zu vermitteln“, so Kilian Baur, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte. Die Geschichtsbilder in Computerspielen seien denen in anderen Medien sehr ähnlich. Untersucht haben die Studenten den Angaben zufolge Computerspiele aus Genres wie Strategiespiel, Rollenspiel und Wirtschaftssimulation.

    Spielerische Botschaft: Religion ist negativ

    Auch das Thema Religion ist für die Game-Designer ein beliebter Gegenstand, vereinigt er in der Vorstellungswelt der Produzenten doch das Okkulte und Mythische mit dem Konfliktträchtigen und Gewaltsamen. Und da Games geheimnisvolle Geschichten erzählen und den Spieler zur gewaltsamen Lösung von bedrohlichen und bisweilen auch makabren Problemstellungen anhalten wollen, sind religiöse Szenarien ein reizvoller Hintergrund für die Handlung. Ein Hintergrund, vor dem Gewalt nicht nur möglich, sondern nötig wird.

    Greg Perreault von der Universität Missouri in Columbia hat dies dargelegt. Der Forscher untersuchte in seiner Arbeit fünf Spiele, die religiöse Bezüge beinhalten. Dabei stellte er fest, dass Religion ausschließlich dazu dient, Konfliktpotenzial zu schaffen, welches es im Rahmen des Spiels zu bewältigen gilt. Sei es, dass angreifende Kreuzritter bekämpft werden müssen, sei es, dass sich der Spieler mit fanatischen Anhängern einer Religion konfrontiert sieht, sei es, dass der vom Spieler gesteuerte Charakter religiöse Schuld auf sich geladen hat, die er kompensieren muss. Die Botschaft ist in allen Fällen dieselbe: Religion ist negativ, muss bekämpft und überwunden werden.

    Wenn derart flächendeckend historische und kulturelle Zerrbilder spielerisch vermittelt werden, darf man sich über die Einstellung von Heranwachsenden zu den betreffenden Themen nicht wundern. Umgekehrt wird es immer wichtiger, auf die Inhalte von Spielen zu achten. Das ist nachrangig eine Aufgabe von Pädagogen und Erziehungsberechtigten, zunächst aber eine Verpflichtung der Spiele-Entwickler.