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    Würzburg

    Statements statt Debatte

    Die öffentlich-rechtlichen Medien haben ihre Rolle in der Krise noch nicht gefunden.

    Corona-Fernsehansprache
    In der aktuellen Krise zeigen sich die Schwachstellen der Medien. Fernsehübertragung der Ansprache von Bundeskanzlerin M... Foto: dpa

    Es fällt vielen Menschen im Land auf, wie einseitig in diesen Tagen die Berichterstattung über Corona und die Infektionskrise in den öffentlich-rechtlichen Medien ist. Die Zahl der Experten und Politiker, die zu Wort kommen, ist überschaubar. Die Aussagen ähneln einander. Eine Kontroverse, die gerade eine freiheitlich ausgerichtete Berichterstattung prägen sollte, fällt aus. Das ist der Tenor eines Gastbeitrages von Professor Otfried Jarren für den Fachdienst epd-Medien in der vergangenen Woche.

    Die Kritik liest sich recht scharf, dabei gehört der emeritierte Professor gar nicht zu den Fundamentalkritikern der öffentlich-rechtlichen Medien. Otfried Jarren war bis Ende 2018 Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und ist Präsident der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) in der Schweiz.

    Auf Nachfrage der „Tagespost“ sagt Jarren, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei für ein stabiles, zuverlässiges Mediensystem konstitutiv. Dies gelte umso mehr, wenn private Verlage unter ökonomischen Druck geraten und deshalb ihre publizistischen Leistungen einschränkten. Ihm gehe es, so der Medienwissenschaftler weiter, vor allem darum, dass der Journalismus unabhängig sei und professionell agieren könne und agiere.

    „Immerhin können sich alle Bürgerinnen und Bürger kritisch
    auch über Journalistinnen und Journalisten und die Medien äußern“
    Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren

    Eine Umfrage von infratest dimap hatte im Jahr 2015 bereits ein nachlassendes Vertrauen der Bürger in die Medien festgestellt. Immerhin hatte damals eine Mehrheit von 53 Prozent wenig und sieben Prozent gar kein Vertrauen in die Medien. „Vertrauenswerte schwanken“, hält Jarren entgegen, „das wissen wir aus der empirischen Forschung.“ Dennoch seien die Glaubwürdigkeit sowie die Vertrauenswerte für den öffentlichen Rundfunk nach wie vor hoch. Medienkritik sei nötig, betont der Wissenschaftler und sie finde auch statt. Im selben Atemzug ergänzt er, es gebe davon leider zu wenig, dabei betont der Professor besonders die Rolle der Mediennutzer. „Immerhin können sich alle Bürgerinnen und Bürger kritisch auch über Journalistinnen und Journalisten und die Medien äußern.“ Als einem möglichen Ort kommen für Jarren Social-Media-Kanäle in Frage. So viel Raum und Platz habe es seiner Ansicht nach noch nie gegeben, das gelte im übrigen auch für positive Kritik.

    Seine eigene Kritik, die er gerade an den öffentlich-rechtlichen Medien äußerte, lässt allerdings keine Schärfe vermissen. Jarren fehlen derzeit „alle Unterscheidungen, die zu treffen und nach denen zu fragen wäre: Wer hat welche Expertise? Wer tritt in welcher Rolle auf? Was soll in welchem Format wem vermittelt werden?“ Selbst nach den Nachrichtensendungen gehe es immer nach dem gleichen Schema weiter: „Statements, aber keine Debatte zwischen Expertinnen und Experten. Und politische Statements kommen dazu.“ Weitere Kritik übt der Professor an der Verlängerung der Information in die Talkshows. Diese werde einfach weitergereicht an die, die schon immer die Talkshows machen dürften. Beim deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen komme noch hinzu, dass immer auf den Parteienproporz geachtet werden müsse, schreibt Jarren den Machern ins Stammbuch und schiebt nach, Kompetenzproporz scheine nicht vorgesehen zu sein.

    Unabhängigkeit und Kompetenz sind gefordert

    Den Chefredaktionen wirft Jarren vor, sie hätten abgedankt. Es gebe in allen Formaten nur noch das Thema Corona und es gebe keinen kritischen Blick darauf, was alles fehlt. Recht plastisch wird die Beschreibung des Medienwissenschaftlers, wenn sich das Narrativ vom „Corona-Partyleben“ einfach nicht durch Bilder belegen lässt. So warte man bislang auf die Corona-Party-Filme, so Jarren in seinem Aufsatz, damit man das Schlimme mal sehen könne, auf das sich Journalisten wie Politiker immer wieder beziehen. Stattdessen, so kritisiert der Professor, müsse sich die ARD selbst inszenieren, weil so wenig geschehe und nennt als Beispiel, wie eine Journalistin vom NDR über ihren Alltag im Homeoffice berichtet.

    Die Kritik des Schweizer Medienexperten gipfelt in der Mahnung, man solle sich nicht als „systemrelevant“ titulieren lassen, geschweige denn sich selbst so bezeichnen. Den Sendern stellt der Professor das Zeugnis aus, ihre Rolle in der Krise nicht gefunden zu haben. Er mahnt den Aufbau von Kompetenz und die Reflexion an. Unabhängigkeit und Kompetenz seien die entscheidenden Faktoren, um auch nach der Krise noch als relevant erachtet zu werden, schreibt Otfried Jarren den öffentlich-rechtlichen Medien ins Stammbuch.

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