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    Der Dicke Hund: Unter'm Regenbogen

    Der Christopher Street Day ist eine große Party, aber auch eine Aktion mit politischen Forderungen. Diese zu übernehmen, ist nicht mit dem Ethos des kritischen Journalismus vereinbar.

    Dass Google seine Eingangsseite aufgrund aktueller Ereignisse anpasst, dürfte der einen oder dem anderen Nutzer des Internets schon aufgefallen sein. Auch Jubiläen und Gedenktage werden gebührend in Szene gesetzt. Es entsteht ein so genanntes „Doodle“, bei dem der Anlass mehr oder weniger kunstvoll in das Google-Logo mit dem gestaltungsfähigen Doppel-o integriert ist. Anlässlich der Tour de France wird es zum Fahrrad, bei Komponisten-Geburtstagen zu Notenköpfen und zum US-Independence Day am 4. Juli ersetzten die Google-Designer heuer eines der „Os“ durch einen Baseball. Dass auch der „Christopher Street Day“ (CSD) Anlass für ein eigenes Doodle bietet, dürfte klar sein. „Celebrating 50 Years Of Pride“, hieß es am 4. Juni – und „GOOGLE“ erschien im Regenbogen-Look. Soweit, so originell.

    "Tagesspiegel" präsentiert Forderungen des CSD

    Nun ist Google eine Suchmaschine und kein redaktionelles Angebot. Beim „Tagesspiegel“ ist das anders. Sollte man meinen. Doch auch die renommierte Hauptstadtzeitung erscheint in der Zeit des Berliner CSDs (27. Juli) online mit Regenbogen-Logo und macht sich so mit der Veranstaltung gemein, die eine politische Demonstration mit – nach Auskunft der Verantwortlichen – „sechs zentralen Forderungen“ ist, die sich unmittelbar an die Politik richten. Gefordert wird etwa ein „professionelles Diversity-Management für die Mitarbeiter*innen der Berliner Verwaltung“. Gefordert wird auch: „Zur Hölle mit dem Patriarchat!“ Gelistet unter „Forderungen International“.

    Nicht nur unkritisch-positive Berichterstattung über das Ereignis, sondern vollständige Identifikation mit diesen Anliegen, das scheint in den CSD-Tagen das Motto des „Tagesspiegel“. Unter dem Regenbogen wird kaum jemand aus der Grundmelodie ausscheren wollen, die immer noch das Lied von den hierzulande (und in anderen westlichen Gesellschaften) diskriminierten homo-, trans- und intersexuelle Menschen spielt.

    Das Lied all derer, die auch nach dem Sommer 2017 immer noch meinen, bevor jemand in der Politik, im Show-Business oder in den Medien seine Neigungen öffentlich bekennen kann, ohne fürchten zu müssen, damit seine Karriere zu ruinieren, sei noch ein weiter Weg zu gehen. Fragen Sie Thomas Hitzlsperger. Oder Elton John.

    Das Ethos des kritischen Journalismus

    Doch ganz gleich, zu welchen Schlüssen man kommt, was die Lage der LGTBQI*-Community in Deutschland betrifft, ganz gleich, was von den „sechs Forderungen“ zu halten ist, die ungeachtet ihrer gewissen Unbestimmtheit sicher bald umgesetzt werden (einschließlich der „Forderungen International“), ganz gleich, was man davon hält, dass die Szene von allen – vor allem von der Kirche – nicht nur Toleranz (das ist selbstverständlich), sondern auch „Respect“ einfordert, wenn sie mit dem „Orden der Perpetuellen Indulgenz“ in „öffentlichen Performances Drag-Elemente und satirisch nachempfundene Symbole religiöser Schwesternorden kombiniert“ (Wikipedia) – ganz gleich, wie sehr man das alles innerlich unterstützen mag: Das eigene Logo und den Wahlspruch rerum cognoscere causas („die Ursachen der Dinge erkennen“) ins Licht des Regenbogens zu tauchen, ist mit dem Berufsethos des kritischen Journalismus unvereinbar.

    Ergo: Dass sich die führende Berliner Tageszeitung („Das Leitmedium der Hauptstadt“) derart mit dem CSD identifiziert, hat mit Journalismus nichts zu tun. Jegliche Distanz aufzugeben, ist für eine Zeitung, die „die Ursachen der Dinge erkennen“ will, ein Armutszeugnis. Oder: ein dicker Hund.

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