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    Würzburg

    Der Dicke Hund: Das Virus als Segen, Menschen als Fluch

    „Sauberer, ruhiger und lebenswerter“: Corona sei Dank, die Natur kann endlich aufatmen. Der Mensch allerdings kann selbst im Home-Office nicht umweltsündenfrei leben. Dafür hat leider nicht einmal die „Kronen Zeitung“ eine Lösung.

    Die ganze Welt leidet unter dem Coronavirus. Die ganze Welt? Nein, die jüngste Sonntagsausgabe der „Kronen Zeitung“, Österreichs auflagenstärkster Zeitung, jubelt: „Die Natur atmet auf. Genau wie Greta Thunberg es wollte.“ Sammler abstruser Verschwörungstheorien finden in dem Beitrag zwar nicht die vielleicht erhoffte These, Greta könnte heimlich mit Biowaffenexperten in Wuhan unter einer chinesischen Decke stecken, um die Welt von globalistisch-kapitalistischer Klimazerstörung zu befreien. Verschwörungstheorie-Fans kommen gleichwohl auf ihre Kosten. Hier preist der britisch-österreichische Krone-Redakteur Mark Perry das Ende von Flugverkehr, Kreuzfahrten und Industrie. Die Welt sei „gewaltig sauberer, ruhiger und lebenswerter geworden“. Das habe „ein winziges Virus“ geschafft: „Der blaue Himmel, das klare Wasser – keine Einbildung, sondern messbar.“

    Dass da rund 172 000 Menschen weltweit ihr Leben verloren, und ein paar Millionen ihren Job, ihr Einkommen, ihre Lebensgrundlage, findet bei Perry keine Erwähnung. Stattdessen viel Jubel von Greenpeace- und GLOBAL-2000-Aktivisten über das Verschwinden von Jets und Jumbos, von Kreuzfahrten und Transportschiffen. „Sehr positiv“ wirke sich die Corona-Krise auf die Umwelt aus. Aha.

    Umweltsünder von der Wiege bis zur Bahre

    Wer jetzt wochenlang ohne Job und berufliche Perspektive isoliert zu Hause hockt, kann immerhin „auf einer neuen faszinierenden Öko-Website des Umweltbundesamtes“ den Rückgang der Schadstoffe in Salzburg und Innsbruck „sogar in Echtzeit“ verfolgen. Ist das nicht faszinierend? Da kann man den Schadstoffen online beim Rückgang zusehen! Das ist fast so, als könnten wir Hunnenkönig Attila oder Mongolenherrscher Dschingis Khan beim Rückzug ihrer Truppen beobachten. Und das alles online! Allerdings ist, wie wir ein paar Zeilen weiter erfahren, online für den Journalisten, den seine eigene Zeitung zu ihrem „Öko-Gewissen“ ernannt hat, auch keine gute Lösung. Denn das „Werken von zu Hause und die Quarantäne dortselbst“ habe auch „ökologische Schattenseiten“. Begründung: „Denn weil jetzt stündlich zehntausende Computer hochgefahren, Notebooks in Permanenz verwendet werden und Internetsurfen und Streamen gegen Langeweile herhalten muss, wird erst recht zur Umweltzerstörung beigetragen.“ Allein durch Online-Streaming würden jährlich 300 Millionen Tonnen CO2 verbraucht, „weil global gigantische Rechenzentren betrieben werden müssen“. Das setzt der Greta doch die Corona auf! Wie mobilisieren wir jetzt guten Gewissens online für sozial distanzierte „Fridays for Future“-Treffen?

    Sind wir Umweltsünder, wenn wir reisen und arbeiten, aber auch, wenn wir zu Hause Livestream-Messe oder Netflix glotzen? Offenbar. Und einfach zu Fuß im nahe gelegenen Wald spazieren gehen, bringt auch keine Absolution, weil wir dort – wie die „Krone“ unter Berufung auf Umweltdachverband und Landesjägermeister warnt – „Tierbabys aufstöbern“ könnten. Mit Blick auf die „Horden an Wanderern“, die jetzt einfach frei herumlaufen, fordert Mark Perry gar: „Dagegen könnten Gretas Fridays for Future-Aktivisten ruhig auch einmal protestieren.“

    Was bleibt als Fazit? Umweltsünder ist der Mensch von der Wiege bis zur Bahre, ob er nun on- oder offline ist, draußen oder drinnen, arbeitend oder arbeitslos, sesshaft oder mobil... Eine Art ökologischer Erbsünde lastet offenbar auf uns allen, und nicht einmal die allweise „Kronen Zeitung“ weiß eine Taufe, die uns davon befreit. Am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit ist eine solche triste Hoffnungslosigkeit gewiss ein dicker Hund.

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