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    DER DICKE HUND: Von den Tudors bis heute

    Seit den Tagen Heinrichs VIII. bilden anti-katholische Ressentiments in der angelsächsischen Welt eine Kontinuität. Die seit dem 16. Jahrhundert gewobenen „schwarzen Legenden“ haben bis heute einen Platz im britischen Kulturgedächtnis, das weit über die Ufer der Insel bis an die Strände der Kolonien reicht. Es ist vielleicht deswegen mehr als ein Zufall, dass Kardinal George Pell an einem 7. April freigesprochen wurde, jenem Tag des Martyriums des Heiligen Henry Walpole. Der Jesuit wurde im Jahr 1595 von den englischen Autoritäten aufgehängt, gestreckt und gevierteilt, weil er der Krone den Eid verweigerte. Die Ressentiments von heute schüren keine Protestanten, sondern säkular-progressive Medien. Die staatliche Hörigkeit schlägt die Brücke zu den Tudors. Von einer „anti-katholischen Hysterie“ schrieb Matthew Schmitz im Magazin „First Things“. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt in der Causa Pell die Australian Broadcasting Corporation (ABC), die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft des Landes. Schon 2017 beklagte der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge, dass ABC nicht an der „wirklichen Geschichte“ interessiert sei, sondern stattdessen ein einseitiges Narrativ gegen die katholische Kirche in Australien spinne.

    Von den Tudors bis heute - DER DICKE HUND

    Seit den Tagen Heinrichs VIII. bilden anti-katholische Ressentiments in der angelsächsischen Welt eine Kontinuität. Die seit dem 16. Jahrhundert gewobenen „schwarzen Legenden“ haben bis heute einen Platz im britischen Kulturgedächtnis, das weit über die Ufer der Insel bis an die Strände der Kolonien reicht. Es ist vielleicht deswegen mehr als ein Zufall, dass Kardinal George Pell an einem 7. April freigesprochen wurde, jenem Tag des Martyriums des Heiligen Henry Walpole. Der Jesuit wurde im Jahr 1595 von den englischen Autoritäten aufgehängt, gestreckt und gevierteilt, weil er der Krone den Eid verweigerte. Die Ressentiments von heute schüren keine Protestanten, sondern säkular-progressive Medien. Die staatliche Hörigkeit schlägt die Brücke zu den Tudors. Von einer „anti-katholischen Hysterie“ schrieb Matthew Schmitz im Magazin „First Things“. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt in der Causa Pell die Australian Broadcasting Corporation (ABC), die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft des Landes. Schon 2017 beklagte der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge, dass ABC nicht an der „wirklichen Geschichte“ interessiert sei, sondern stattdessen ein einseitiges Narrativ gegen die katholische Kirche in Australien spinne.

    Eine Anführerin des säkularen Kreuzzugs ist Louise Milligan. Die Journalistin begleitet den Fall von Anfang an. Am Tag der Urteilsverkündung von 2019 schreibt sie: „Hier war ein Mann, der mit Premierministern dinierte, der sich in den ,culture war‘ begab, der einen enormen Schatten auf die katholische Kirche und Australiens Kulturleben warf.“ Milligan stilisiert Pell zum finsteren Marionettenspieler, kalt, mit einem verhärteten Gesicht wie das einer „Statue auf der Osterinsel“ – dasselbe Gesicht „das durch die Kathedrale von Melbourne glitt, wo zwei Chorknaben missbraucht wurden“. Milligan betont die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen, ohne nur ein einziges Mal Pells Schuld in Zweifel zu ziehen. Ein gefundenes Fressen für jenen Journalismus, der Geschichten zuungunsten von Information betont: der mächtige Kardinal, der über die böse Tat in die Tiefe fällt. Aber Milligan hat nicht nur ein Drehbuch für einen Hollywoodthriller inszeniert und als Musterbeispiel der ABC-Berichterstattung das Bild Pells maßgeblich geprägt. Sie gab den anonymen Missbrauchstätern ein fassbares Gesicht. Ihr Bestseller „Kardinal: Der Aufstieg und Fall von George Pell“ wurde ausgezeichnet. Darin attestiert sie Pell einen „soziopathischen Mangel an Einfühlungsvermögen“. Milligan ist selbst in einem katholischen Haushalt aufgewachsen, hat aber mit der Kirche gebrochen. Für die katholische Sexualmoral äußerte sie Unverständnis. Nach dem Freispruch kann sie ebenso wenig zurückrudern wie ihr Sender. „Umarmt eure Kinder“, schreibt sie auf Twitter. Die Botschaft: Hier ist großes Unrecht passiert, gegenüber den Opfern und auch ihr gegenüber. Milligan, die Pell zur Hassgestalt aufgebaut hat, beklagt sich über Hassnachrichten. Klar, dass in diesem Fahrwasser auch der hiesige ÖRR nicht fehlen durfte. Christoph Strack von der Deutschen Welle glaubte 2019 sogar, den Fall kirchenpolitisch ganz im Sinne liberaler Reformen instrumentalisieren zu können, indem er der vom „klerikalen Denken“ beseelten „Männerkirche“ attestierte, dass es nunmehr nicht nur um Frauendiakonat, Zölibat und die „überholte kirchliche Sexualmoral“ ginge. Einwände gegen Pells Schuld wiegelte er als „lächerlich, nein zynisch“ ab. Wenn das Zerrbild der bösen Männer im Vatikan mehr wiegt als die Unschuld eines einzelnen Mannes – dann ist das ein dicker Hund.

    von Marco Gallina

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