• aktualisiert:

    Würzburg

    "Empfange dieses heilige Schwert von Gott"

    Niels Schröders Graphic Novel "20. Juli 1944 - Biographie eines Tages" rekonstruiert nicht nur das Attentat. Der illustrierte Roman konzentriert sich auch auf die Beweggründe der Beteiligten.

    Das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907–1944) am 20. Juli 1944 in der „Wolfsschanze“ verübte Attentat auf Adolf Hitler ist inzwischen weitestgehend bekannt. Der in der Lagebaracke im Führerhauptquartier erfolgte Bombenanschlag sollte die Initialzündung für das „Unternehmen Walküre“ darstellen, einen Staatsstreich des militärischen Widerstandes gegen Hitler, um die Macht in Deutschland zu übernehmen. Obwohl Oberst von Stauffenberg zunächst vom Tod Hitlers überzeugt war und vom „Bendlerblock“, dem Sitz des Ersatzheeres und Zentrum der Widerstandsgruppe, die Nachricht „Der Führer Adolf Hitler ist tot“ verbreitet und die Operation „Walküre“ eingeleitet wurde, überlebte Hitler. Der Staatsstreich scheiterte. Stauffenberg und vier seiner Mitverschwörer wurden noch in der darauffolgenden Nacht erschossen. Viele weitere Hinrichtungen folgten.

    Graphic Novel mit dominantem Text

    Insbesondere Jo Baiers im Jahre 2004 ausgestrahlter Fernsehfilm „Stauffenberg“ und natürlich auch der Spielfilm „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ (Bryan Singer, DT vom 22.01.2009) mit Tom Cruise in der Hauptrolle, der immerhin mehr als 200 Millionen Dollar weltweit umsetzte, rekonstruieren das Attentat akribisch. Weil sich Tom Cruise in dem Film wohltuend zurücknimmt, ist „Operation Walküre“ in erster Linie ein Ensemblefilm geworden, der den „Männern vom 20. Juli“ ein filmisches Denkmal setzt. Nun hat der Grafikdesigner und Illustrator Niels Schröder (Jahrgang 1970) das Format der „Graphic Novel“ ausgewählt, um eine „Biographie des Tages“ wiederzugeben. Ein Grafischer oder Illustrierter Roman (oder auch Bildroman) setzt die ausdrucksstarke Form eines Comics ein, um ein komplexes Thema zu erzählen. Die Zeichnung spricht in erster Linie Erwachsene an. Auch wenn sie kaum als realistische Porträts bezeichnen werden können, so unterstreichen die Figuren Erkennungsmerkmale der Dargestellten: Nicht nur Hitler, Himmler oder Goebbels, sondern auch Stauffenberg selbst, Henning von Tresckow und dessen Adjutant Fabian von Schlabrendorff sind leicht zu erkennen.

    Dennoch dominiert der Text. Der Text des „Erzählers“ wird in viereckigen Feldern, die Dialoge in den genretypischen Sprechblasen wiedergegeben, wobei auch zwischen dem Gesagten und den Gedanken unterschieden wird. Die Seiten sind sehr unterschiedlich aufgebaut, weil Zahl und Anordnung der einzelnen „Panels“ genannten Bilder sehr variieren: Vom eine ganze Seite füllenden Panel bis hin zu Seiten mit drei Zeilen a drei Bilder, was eine große Leichtigkeit in der Erzählung bewirkt.

    Was die Erzählung an sich betrifft, wählt Niels Schröder als Einstieg eine Persönlichkeit, die nicht unbedingt zu den bekanntesten „Männern und Frauen des 20. Juli“ gehört. Margarethe von Oven (später Gräfin von Hardenberg) arbeitete ab Sommer 1943 im Bendlerblock. Henning von Tresckow selbst holte sie aus Lissabon, wo sie als Sekretärin des Militärattachés eingesetzt war, nach Berlin zurück. Er vertraute ihr, weil Margarethe von Oven seit Kindheitstagen die beste Freundin seiner Frau war. Sie war es, die alle Anordnungen des Unternehmens Walküre tippte.

    Augenmerk auf eine oft unbeachtete Schlüsselfigur

    Aber die Tochter des im Ersten Weltkrieg gefallenen preußischen Oberstleutnants Ludolf von Oven war viel mehr als eine „Sekretärin“: Sie traf sich häufig mit Tresckow und Stauffenberg im Grunewald, um die Befehle abzusprechen. Und sie übermittelte die Nachrichten von Hennig von Tresckow, als dieser wieder an der Ostfront stationiert war, an die Berliner Verschwörer. Es gehört zu den Stärken von Schröders Graphic Novel, dass sie einer in den Hintergrund getretenen Schlüsselfigur unter den Verschwörern des 20. Juli gerecht wird.

    Die Graphic Novel „20. Juli 1944 – Biographie eines Tages“ verdichtet nicht nur die dramatischen Ereignisse des Attentats und dessen Vorbereitungen, wobei sie sich gezwungenermaßen auf einige wenige Protagonisten konzentriert. Darüber hinaus stehen aber die Beweggründe und Ängste jener Männer und Frauen, die an der Tatvorbereitung und -ausführung beteiligt waren, im Mittelpunkt des Bildromans. Eine kleine Kostprobe: Am Abend des 19. Juli erzählt Claus seinem Bruder Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, er sei vorhin in der Berliner Rosenkranzbasilika gewesen. „Es gibt dort ein Votivbild der Rosenkranz-Madonna mit dem heiligen Dominikus. Es trägt die Inschrift: ,Accipe Sanctum Gladium a Deo‘. ,Empfange dieses heilige Schwert von Gott‘.“ Und dann fügt er unmittelbar hinzu: „Seit Sommer 1942 bin ich nun entschlossen, gegen Hitler vorzugehen. Ich bin mit mir ganz im Reinen.“

    Niels Schröders „20. Juli 1944 – Biographie eines Tages“ mag ein ungewohnter Zugang zum Hitler-Attentat sein, das die Geschichte hätte verändern können. Lohnend ist er jedoch allemal.

    Niels Schröder:
    20. Juli 1944 – Biographie eines Tages.
    be.bra Verlag, Berlin-Brandenburg 2019, 144 Seiten, ISBN 978-3-89809-159-6, EUR 18,–

    Weitere Artikel