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    Paris

    Der Notre-Dame-Kletterer

    Als junger Mann kletterte Sylvain Tesson auf den Spitzturm von Notre-Dame. Dessen Einsturz sieht er als logische Fortsetzung einer gesellschaftlichen Entwicklung.

    Sylvain Tesson kletterte als junger Mann  auf den Spitzturm von Notre-Dame
    Schon in jungen Jahren zog es Sylvain Tesson zu Kathedralen wie Notre-Dame – wenn auch auf ungewöhnliche Weise. Heute fi... Foto: Foto:

    Sylvain Tesson ist ein französischer Abenteurer und Schriftsteller, der es in Frankreich in den letzten Jahren zu erheblicher Bekanntheit gebracht hat. Vor allem sein Sibirientagebuch "Dans les forets de Sibérie" (2011) und seine poetischen Aufzeichnungen zu einer diagonalen Fußdurchquerung Frankreichs "Sur les chemins noirs" (2016), die er nach einem schweren Unfall unternahm, unterstreichen, dass es den Typus des vagabundierenden Autors immer noch gibt (beide Bücher liegen übrigens auf Deutsch vor): Der Abenteurer verschanzt sich nicht hinter seinem Schreibtisch, sondern er sucht das Weite. Er will nicht Teil eines selbstverliebten, literarischen Milieus sein, sondern er liebt die Einsamkeit, die Stille, den Wald und die Berge. Seine Texte sind nicht das Produkt intellektueller Spekulation, sondern diese Sprache ist dem wahrhaftig gelebten Leben und auch dem Risiko abgerungen.

    Frankreichs Kathedralen erklettert

    In seinen jungen Jahren waren die gotischen Kathedralen Frankreichs Tessons riskante Spielwiese. In – natürlich unerlaubten – Nacht- und Nebelaktionen erkletterten er und seine Freunde – Alpinisten und Akrobaten – die Fassaden und Türme aller großen Kirchen Frankreichs, auch die von Notre-Dame de Paris. Sie gelangten dabei bis an die Spitze des am 15. April 2019 bei einem Brand zerstörten Fleche – jenes 1859 von Viollet-le-Duc anstelle des mittelalterlichen Vorgängers errichteten Vierungsturms, dessen Einsturz viele von uns, die das Geschehen vor dem Computer verfolgten, an den 11. September 2001 erinnerte. Und das, wie Tesson heute schreibt, nicht ohne Grund.

    Diese Kletter-Eskapaden hatten ganz und gar nichts mit Vandalismus zu tun. Im Gegenteil: Tesson und seinen Freunden ging es um eine Form des geistigen Ausbruchs aus der öden Horizontalen des eigenen Lebens, zu dem sie die eintönige Existenz in der Großstadt verdammte. Sie wollten höher hinaus. Und sie wurden dabei eher von den esoterischen Lehren eines Fulcanelli befeuert, der in seinem Buch Le Mystere des Cathédrales gotische Bauwerke kabbalistisch interpretierte, als von genuin christlichen Motiven.

    Auch das hat sich, wie Tessons aktuelle Texte zeigen, geändert. In einem eben in Frankreich erschienenen Büchlein ("Notre-Dame de Paris, Ô reine de Douleur", Équateurs 2019) versammelt Tesson vier kurze Texte zu seinen spektakulären Abenteuern an der Fassade und auf dem Dach von Notre-Dame de Paris. Die Erlöse des Buches fließen komplett in den Fond zur Renovation der Kathedrale ein, obgleich der Autor selbstironisch anmerkt: „Vielleicht reichen die Erlöse aus dem Verkauf dieses Bandes gerademal dazu aus, um das Ohr eines Wasserspeiers zu erneuern.“

    Flammen als das Wirken Gottes

    Zwei dieser Texte erschienen unmittelbar nach dem verheerenden Brand. Sie verdanken sich dem Eindruck, dem Zusammenbruch der christlichen Zivilisation beizuwohnen. Die Katastrophe ist für Tesson kein zufälliges Ereignis. Er sieht in den Flammen das Wirken eines Gottes, der sich, frei nach Léon Bloy, „zurückzieht“, weil er den Anblick einer Welt, die von ihm abgefallen ist, nicht länger erträgt. Warum sollten die stolzen, gotischen Türme, die auf den Himmel weisen und sich in ihn hinein verjüngen, so gleichsam die Entmaterialisierung unserer irdischen Existenz Form werden lassend, weiterhin aufrecht stehen, wenn wir ihrer Geste mit Arroganz, ja sogar Verachtung begegnen? Die Fleches der gotischen Schiffe sind „Wächter des Geheimnisses“, sagt Tesson: „Vielleicht tun sie gut daran, sich vor dem Karneval des XXI. Jahrhunderts zurückzuziehen? Vielleicht sind sie müde von all dem Lärm und all der Hässlichkeit?“

    Tesson fragt sich zu Recht, warum die Bevölkerung Europas, die immer wieder die christlichen Ursprünge ihres Kontinents leugnet, diesen Brand derart beweinte? Warum diejenigen, die den Wert der Vergangenheit und ihres alten Glaubens leugnen, gerade den Untergang jenes Monuments bedauern, das nichts anderes ist als ein Altar Gottes, der diesem Glauben dargebracht wurde? Denn Notre-Dame ist kein Denkmal, sondern, so Tesson, das in Stein inkarnierte Wort Gottes.

    „Ich bin ein schlechter Christ, aber ich bin immerhin ein Christ“, bekennt Tesson. Er wurde erzogen in der Liebe zum Erlöser der Menschheit, hat aber Bedenken gegenüber dem Christentum als einer „Kanalisation der Quellen des Evangeliums“. Seine Kletterübungen verstand er jedoch als Gebet. Niemals fühlte er sich allein, des Nachts über den Dächern von Paris, als ein jugendlicher Quasimodo, ein Ausgestoßener, der sich in der vertikalen Steinwüste eine neue Heimat suchte. Auf dem Weg zur Spitze des Vierungsturmes kam er an den Statuen der Apostel vorbei, die dort oben, zu Stein geworden, über die nächtliche Stadt wachten. Er sah in ihnen Gefährten, die seinen Weg nach oben begleiteten.

    Zusammenbruch als logische Fortsetzung des Wandels

    Was bedeutet der Einsturz des Fleche? Was lehrt er uns? Der Zusammenbruch ist, so Tesson, die logische Fortsetzung unseres blinden Umgangs mit der eigenen Geschichte: „Das Vergessen, das Hohngelächter, unsere Selbstgewissheit, unsere Hysterie, die Hybris, der Fetischismus des Fortschritts … und dann, eines Tages, die Flammen.“

    Der Autor wandelt auf den Spuren von Léon Bloy und Charles Péguy, wenn er sich fragt, ob die Katastrophe vom 15. April 2019 sein Volk vielleicht dazu bringen wird, sich darüber klar zu werden, dass es nicht erst gestern geboren wurde, dass es Voraussetzungen hat, die sich mit keiner App abrufen lassen. Das sanfte Lächeln der Muttergottes, deren Bildnis im Innern der Kirche den Brand überstand, gibt ihm zu dieser Hoffnung Anlass – auch das eine Reverenz an den großen Bloy, der aus der Verehrung der weinenden Muttergottes von La Salette Kraft für sein Leben schöpfte.

    Tesson fragt sich aber zugleich, was uns denn geblieben wäre, hätten die Flammen auch die Mutter Gottes verschlungen: Nicht mehr als „die Grimassen der Selfies auf dem Platz vor der Kathedrale“. Denn, so Tesson weiter: „Die Zufriedenheit mit sich selbst bringt keine Zivilisation hervor.“ Das steinerne Gebet von Notre-Dame ist ein Bollwerk gegen diesen Nihilismus der technischen Moderne. Und deshalb hat Tesson diese Liebeserklärung an die Mutter aller Schmerzen geschrieben, ein Text, der es verdiente, auf Deutsch übersetzt zu werden.

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