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    Berlin

    Im Naturalismus gefangen

    Der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine warf die Tradition über Bord und begnügte sich mit Sinnesdaten.

    Ein Auge
    Eines der Einfalltore für Sinneseindrücke des Menschen. Foto: trztz

    Der Naturalismus ist zur leitenden Idee in Wissenschaft und Gesellschaft geworden. Damit ist eine Abkehr von einst metaphysischen Gewissheiten gemeint, aber auch selbst von neuzeitlichen Auffassungen von Vernunft, die Objektivität von Erkenntnis oder die Begründung von Ethik und Recht liefern sollten. Was nach den traditionell philosophischen Fragen bleibt, ist die Umwandlung nicht-empirischer Themen in empirische der Spezialwissenschaften. So etwa beim Thema Freiheit. Gehirnforschung und Neurologie beanspruchen, menschliches Handeln vollständig zu erklären, so dass für Freiheit und verantwortliches Handeln kein Platz mehr bleibt, weil das Gehirn bereits alles steuert. Die Computerwissenschaften springen diesen Gedanken beiseite und wollen ebenfalls Freiheit durch ihre Erklärungen zunichte machen, weil das Gehirn wie ein Computer denke und damit vollständig berechenbar sei.

    Quine steht für einen völlig neuen Ansatz

    Der Naturalismus hat in den letzten Jahrzehnten zu tiefgreifenden Änderungen im Selbstverständnis des Menschen geführt. Der Ausgangspunkt, von dem diese Entwicklung ihren Lauf nahm, lässt sich genau ausmachen. Natürlich hatte auch der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine (1908–2000) seine Vorgänger, aber seine Philosophie und insbesondere sein Aufsatz „Naturalisierte Erkenntnistheorie“ (Epistemology Naturalized, 1969) stehen für ein völlig verändertes Verständnis des Wissens und damit von Wahrheit. Die Abhandlung ist damals mit zwei weiteren in dem Band „Ontologische Relativität und andere Schriften“ erschienen. In der deutschen Neuauflage heißt es im Vorwort, „die Naturalisierung der Erkenntnistheorie ist auf amerikanischem Boden nie deutlicher zum Programm erhoben worden als in ,Naturalisierte Erkenntnistheorie‘. Von dieser Einstellung sind heute weite Teile der Erkenntnistheorie dominiert, und sie berufen sich alle auf diesen Aufsatz Quines.“ Was ist passiert? Für Quine war die Philosophie nicht mehr „erste Philosophie“ oder prima philosophia als Metaphysik, wie es früher hieß, die als ihr Thema die letzten und höchsten Prinzipien hatte. Weil es für Quine solche obersten Normen nicht mehr gab, verschmolz das Wissen der Philosophie mit der „Psychologie und mit der Linguistik“ – der Mensch wird nur auf seine psychologischen Vorgänge hin untersucht, im Hinblick auf Input (sinnliche Erfahrung) und Output (Theorie).

    Quine war sich der Dramatik des Geschehens durchaus bewusst und sah, dass es mit seinen Grundlagen keine festen Wahrheiten mehr geben konnte: „Die Verdrängung der Erkenntnistheorie aus ihrem alten Status der ersten Philosophie löste, so war zu erleben, eine Welle des erkenntnistheoretischen Nihilismus aus.“ Selbst der Begriff der Beobachtung sei nicht mehr verlässlich. Was der erfahrene Physiker als Röntgenröhre erkenne, halte der Laie für ein „Instrument aus Glas und Metall“. Schon einfache Beobachtungen variieren von Beobachter zu Beobachter mit der Menge des Wissens, die sie mit sich bringen. Oder ein anderes Beispiel: „Unsere Netzhäute werden zweidimensional bestrahlt, dennoch sehen wir die Dinge ohne bewusste Schlussfolgerungen dreidimensional. Was soll nun als Beobachtung gelten: die unbewusste zweidimensionale Rezeption oder die bewusste dreidimensionale Vorstellung?“ In beiden Beispielen fragt Quine nach Fakten in der sinnlichen Wahrnehmung, nicht wie schon Aristoteles nach Kategorien oder Platon nach Ideen.

    Eine Begründung von Erkenntnis scheint nicht mehr nötig

    Das wäre für Quine lästiger Überbau – er nimmt diese klassischen Ansätze gar nicht zur Kenntnis. Quine reduziert nicht die alten Themen der Philosophie auf eine neue Denkweise, er eliminiert sie radikal zugunsten einer naturalistischen Sichtweise. Zu seinen Beispielen sagt er: „Was als Beobachtung gelten soll, kann nun mittels der Reizungen der Sinnesorgane erklärt werden – bleibe das Bewusstsein, wo es will“, und schließt damit auch die jüngeren Bewusstseinstheorien etwa eines Kant aus. Das bedeutet wiederum, dass eine generelle Begründung von Erkenntnis für Quine nicht mehr nötig ist. In der Einleitung zu seinen 1964 erschienenen „Grundzügen der Logik“ plädierte er sogar dafür, „die Wahr-Falsch-Dichotomie der üblichen Logik zugunsten einer Art von Tri- oder n-chotomie aufzugeben“ – also unendlich viele Möglichkeiten von wahr und falsch einzuführen. Die eine Wahrheit gibt es dann nicht mehr.

    Zu Quines pragmatischem Naturalismus gehört auch seine Einsicht, dass es zwischen dem Glauben an die homerischen Götter und physikalischen Gegenständen letztlich keinen Unterschied gibt: beide seien kulturelle Setzungen, die physikalische Welt habe sich als Erklärungsmuster als sinnvoller erwiesen.

    Die fundamentale Schwäche dieser Philosophie

    Quine hat 1979 an seinen Aufsatz mit einem weiteren angeknüpft: „Die Natur natürlicher Erkenntnis“. Hier erklärt er, wie wir überhaupt zu wissenschaftlichen Auffassungen kommen. Und das laufe über Konditionierung wie beim Pawlowschen Hund; das Stichwort für diese Auffassung ist Behaviorismus, der das bloße Verhalten im Unterschied zum freien Handeln untersucht. So wie ein Kind den Ausdruck „gut“ durch ein Stück Schokolade lernen könne, so sei es auch in der Wissenschaft – der Erfolg gebe ihr Recht. „Denn Sprache ist Menschenwerk, und die Sätze wissenschaftlicher Theorien haben keine andere Bedeutung außer denjenigen, die sie durch unseren erlernten Gebrauch von ihnen erwerben konnten.“ Demnach gilt in diesem Naturalismus keine Bedeutung, die auf Transzendentes verweisen könnte.Religion ist in diesem empirischen Modell ausgeschlossen. Der Kern des Religiösen ist nicht einfach beobachtbar, genauso wenig wie Geisteswissenschaftliches – Literatur etwa. Hier liegt die fundamentale Schwäche der Philosophie Quines, der meint, „es gibt sicherlich keine Bedeutung außer empirischer Bedeutung“.

    Quine, der die meiste Zeit seines Lebens in Harvard unterrichtete, entschlüsselte während des Zweiten Weltkriegs bei der Marine die Signale deutscher U-Boote. Schon damals interessierte er sich vornehmlich für Logik und Mengenlehre, wobei er den Rest seines Lebens bleiben sollte. Vor dem Krieg hielt er sich in Wien bei Mitgliedern des Wiener Kreises auf, er lernte Carnap, Schlick oder Neurath kennen und deren logischen Empirismus. Bis heute gilt Quine als einer der einflussreichsten amerikanischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Aus amerikanischer Perspektive ist das verständlich. Denn Quine wuchs im geistigen Klima des amerikanischen Pragmatismus auf, dessen Wurzeln in das späte 19. Jahrhundert zurückgehen. Schon für Charles Sander Peirce (1839–1914) war der Pragmatismus „kein Gebiet der Metaphysik, kein Versuch, die Wahrheit der Dinge irgendwie festzulegen, sondern die Methode, die Bedeutung von Wörtern und abstrakten Begriffen zu klären“. In diesem Fahrwasser jenseits des traditionellen Verständnisses von Philosophie bewegte sich auch Quine und verschärfte, was er bei seinen Vorgängern vorfand.


    Der Aufsatz „Naturalisierte Erkenntnistheorie“ ist erscheinen in: W.V.O. Quine: Ontologische Relativität und andere Schriften. Klostermann Verlag 2003, Seiten 85–107, EUR 14,–


    Zur neuen Philosophie-Reihe

    Die neue Philosophie-Reihe will in zehn Teilen wirkungsmächtige Philosophen aus den vergangenen Jahrzehnten und ihre Schriften vorstellen, die dazu beigetragen haben, dass die Welt heute so ist, wie sie ist. Dass viele gegenwärtige Denker Zweifel an der Wahrheitsfähigkeit traditioneller Einsichten haben, liegt zumeist an deren eigenem Weltbild. Denn ein modernes Grundproblem ist hier, dass die Rechtfertigung von Meinungen nicht mehr von deren Genese oder Entstehung unterschieden wird. So, wenn etwa der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine (1908–2000) unsere Erkenntnis als Reizung unserer Sinnesorgane durch Moleküle und Lichtstrahlen beschreibt und dabei nicht mehr unterscheiden kann zwischen der Rechtfertigung der Geltung unserer Erkenntnis und wie sie entsteht.

    Ähnlich stellt sich das Problem bei manchen Neuropsychologen; auch Gendertheoretiker, die sich in einem Geflecht von Antidiskriminierung, Behauptung kultureller Invarianten und Feminismus befinden, haben Schwierigkeiten, überzeugende Begründungen aufzuweisen, wie die innere Zerrissenheit ihrer Ansätze deutlich macht.

    So wird es in der Reihe viel um Rechtfertigungsdefizite gehen, von der heutige Forschung häufig bestimmt wird. Diese Defizite, die als Befreiung gefeiert werden, führen eher in eine relativistische Weltsicht.   AR

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