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    Berlin / Düsseldorf

    Die Zuschauer sollen über Recht und Unrecht entscheiden

    Ferdinand von Schirach behandelt in seinem Theaterstück „GOTT“ den Suizid.

    Martin Rentzsch (als Biegler, Rechtsanwalt) und Veit Schubert (als Thiel, theologischer Sachverständiger), v.l.
    Martin Rentzsch als Biegler, Rechtsanwalt und Veit Schubert als Thiel, theologischer Sachverständiger, v.l., Berliner En... Foto: Martin Müller via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

    Wem gehört unser Leben? Das ist die Kernfrage in Ferdinand von Schirachs aktuellem Theaterstück „GOTT“. Es widmet sich dem Thema „Sterben“ – im engeren Sinne der ärztlichen Suizidbegleitung, die laut Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts seit Februar dieses Jahres erlaubt ist, auch wenn eine gesetzliche Regelung noch aussteht. Das besagt inhaltlich: der einzelne Mensch hat das Recht, sich mit ärztlicher Hilfe das Leben zu nehmen, es bleibt aber selbstverständlich die Entscheidung des Arztes, ob er dazu bereit ist oder nicht. Und es ist dem Arzt nach wie vor verboten, dem Patienten die tödliche Spritze selbst zu setzen.

    „GOTT“ ist (nach „TERROR“) der zweite Teil einer geplanten Dramentrilogie des früheren Strafverteidigers, und wie im ersten Stück sollen auch hier die Zuschauer am Ende über Recht und Unrecht entscheiden. Und es geht um die Würde des Menschen und das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten.

    In „TERROR“ war es der Bundeswehrpilot, der ohne ausdrücklichen Befehl ein von Terroristen entführtes, mit 164 Passagieren besetztes Flugzeug abschießt, das die Täter in die mit 70 000 Besuchern voll besetzte Münchner Allianz-Arena lenken wollten; über dessen rechtmäßiges Handeln sollte geurteilt werden. In „GOTT“ geht es darum, ob einer 78-jährigen gesunden Person das Verabreichen des tödlichen Medikaments erlaubt werden darf.

    Die Uraufführung von „GOTT“ fand parallel am Berliner Ensemble (Regie Oliver Reese) und am Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie Robert Gerloff) statt.

    Selbstbestimmungsrecht versus Leben als Geschenk

    Der Fall: Richard Gärtner will nach dem Tod seiner Frau vor drei Jahren nicht alleine weiterleben und beantragt beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital. Das wird ihm verweigert. Herr Gärtner und sein Rechtsanwalt ziehen vor den Deutschen Ethikrat, der den Fall verhandeln soll. Zu Wort kommen drei Sachverständige, eine Rechtsprofessorin, ein hochrangiger Mediziner und ein katholischer Bischof, die vom Rechtsanwalt und einem Mitglied des Ethikrats befragt werden. Alle erklären sachlich und gut verständlich ihre auf dem jeweiligen Fachgebiet beruhende Position, gestützt durch Zitate bedeutender Philosophen (wie Robert Spaemann), Historiker und christlicher Kapazitäten und lassen sich durch provokative Fragen des Rechtsanwaltes nicht aus der Fassung bringen.

    Bei all den brillanten Ausführungen bleibt die eigentliche Hauptperson – Herr Gärtner – ein wenig auf der Strecke. Er ist das auslösende Moment für die uns alle betreffende Diskussion, eher ein Symbol als ein Mensch mit einem Schicksal. Beim Lesen des Stücks fällt das nicht so ins Gewicht, im Theater umso mehr. In der Berliner Aufführung ist es eine Frau Gärtner (der Autor stellt das frei), gespielt von Josefin Platt, die sehr zurückgenommen und ganz bei sich agiert und sich von ihrer gefassten Entscheidung in keinem Moment abbringen lässt. In dem schlichten Bühnenambiente, einem Miniatur-Hörsaal mit hölzernen Bänken, zwischen denen sich die acht männlichen und weiblichen Schauspieler bewegen, sitzt sie meist aufmerksam im Hintergrund, während die anderen Protagonisten nacheinander ihre Argumente ans Publikum richten.

    Das Leben ist ein Gottesgeschenk

    Die Inszenierung des Hausherrn Oliver Reese lässt ziemlich schnell erahnen, wohin sie führen soll: das Selbstbestimmungsrecht des Menschen über sein Leben und auch seinen Tod wird am Ende für höher erachtet als die christliche Überzeugung, sein Schicksal auch im Leiden anzunehmen. Wobei Bischof Thiel, gespielt von Veit Schubert, nicht etwa diffamiert wird, mit ruhiger Würde vertritt er selbstbewusst seinen Standpunkt, dass der Gläubige nicht sich selbst gehört, sondern das Leben mit allen guten und schlimmen Phasen von Gott geschenkt bekommen hat, dass es daher auch nur von Gott wieder genommen werden darf. Auch wenn er zugeben muss, dass der Suizid an keiner Stelle der Bibel verboten wird. Er beruft sich auf Augustinus und Thomas von Aquin und auf Jesus Christus, der sein Leid stellvertretend für die Menschheit auf sich genommen hat.

    Bei der abschließenden Abstimmung per Handzeichen im ausverkauftem Haus gab es am Premierenabend eine leichte Mehrheit für Frau Gärtner, also dafür, dass sie das todbringende Medikament bekommen darf. Am zweiten Abend hingegen waren mehr als die Hälfte der Zuschauer dagegen, darunter viele junge Menschen. Und beim Hinausgehen wurde eifrig diskutiert, nachdem während der zweistündigen, coronabedingt pausenlosen Vorstellung eine hoch konzentrierte Aufmerksamkeit herrschte.

    Der Autor will zeigen, was gutes Leben ausmacht

    Ferdinand von Schirach (der vor seiner Karriere als Bestsellerautor als Strafverteidiger tätig war und Mörder zu seinen Klienten zählte) scheut keine brisanten Themen, er sucht und findet sie. Es geht ihm – wie auch in seinen Romanen und auf authentischen Kriminalfällen beruhenden Erzählungen – weniger um Verbrechen und Strafe und auch nicht um abstrakte Moral, ihn treibt immer die ethische Frage um, worin gutes und richtiges Handeln besteht. Dass es dabei auf das persönliche Gewissen ankommt, das einem niemand abnehmen kann und auf mitfühlende Menschlichkeit, daran lässt er keinen Zweifel, hat aber auch nicht immer Antworten auf die brennenden Fragen in einer Welt, in der sich zunehmend Werte auflösen und ihre Gültigkeit verlieren. In seinen Theaterstücken überlässt er es den Zuschauern, sie zu finden.

    Das Stück heißt „GOTT“. Warum? Aus dem Stück heraus erklärt sich das nicht. Eine mögliche Antwort wäre: Ohne Gott brauchte es keine Diskussion zum Thema, dann wäre jeder Mensch nur sich selbst verantwortlich und könnte mit seinem Leben tun, was immer er will. Zudem gibt es auch in der Verfassung einen direkten Bezug auf Gott. In der Präambel steht, dass das Grundgesetz in Verantwortung vor Gott und den Menschen erlassen worden sei, was als Ausdruck von Demut zu deuten ist – nach dem nationalsozialistischen Totalitarismus wollte man nie wieder einen Staat als Selbstzweck, über dem es keine Wahrheit gibt. Der Autor hat gründlich recherchiert, er vermittelt detailliertes Wissen über das hochkomplexe Sujet der Sterbehilfe. Im Anhang finden sich drei ergänzende Essays von Wissenschaftlern, die das Thema aus theologisch-philosophischer, juristischer und medizinisch-ethischer Perspektive beleuchten.


    Aufführungen im Berliner Ensemble am Fr., 25.9., 19.30 Uhr, So., 27.9., 15.00 und 19.00 Uhr, Di. 13.10., 19.30 Uhr, Mi., 14.10, 19.30 Uhr sowie mit Restkarten am Düsseldorfer Schauspielhaus am Do., 15.10 20.00 Uhr, So. 18.10., 16.00 und 20.00 Uhr, S. 25. 10., 16.00 und 20.00 Uhr

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