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    Würzburg

    Mit Leib und Seele Auferstehung feiern

    Bei den Osterspielen steht jeder vor der Frage: Was hätte ich bei der Passion Jesu getan?

    Giotto di Bondone: Der Einzug Jesu in Jerusalem
    Giotto di Bondone: Der Einzug in Jerusalem wird später Teil der Osterspiele. Foto: IN

    Wer an diesem Osterfest, an dem alles anders ist, als in den Jahren zuvor, die Ostersequenz meditiert, wird dort einen Dialog finden: „Maria, sage uns an, was hast Du auf dem Wege gesehn?“ „Ich sah das Grab und Christus sah ich der lebt. In seiner Klarheit sah ich den erstandenen Herrn.“ Frage und Antwort bilden die Keimzelle der Osterspiele, die sich, ausgehend von dem Text und der Melodie des Wipo von Burgund, Victimae paschalis laudes, in vielen Kirchen entfalteten. Das sich hineinspielen in Passion und Auferstehung Jesu Christi muss nicht in einer Bühnenfassung mit vielen Mitwirkenden realisiert werden. Es kann sich auch als inneres Bild entfalten, in dem wir eine der zahlreichen Rollen übernehmen.

    Osterspiele als Biblia Pauperum

    Ein Blick in die Geschichte der Osterspiele kann dabei helfen und inspirierend für das eigene betende Lesen sein. Wie essenziell die Osterspiele für die Menschen im Mittelalter waren, kann man daran erkennen, dass sie auch dort, wo die Reformation sich durchsetzte, noch lange durchgeführt wurden. Martin Luther erkannte in ihnen eine dramatisch inszenierte biblia pauperum, die jenen die theologischen Inhalte vermitteln konnte, denen die Fähigkeit, einer Predigt zu folgen, abging. Bemerkenswert ist, dass die meisten Osterspiele nicht allein die Ereignisse rund um die Auferstehung thematisieren, sondern schon mit dem Einzug Jesu in Jerusalem beginnen. Sie zeugen so von der inneren Einheit des Triduum paschale und machen deutlich, dass die Auferstehung, die Erlösung, nicht ohne das Leiden und den Tod Jesu verstanden werden können.

    Der Leidensweg Jesu wird nachgespielt

    In der Stadt Hof begannen die Osterspiele mit dem Nachspielen des Einzugs Jesu in Jerusalem am Palmsonntag. Dabei folgten die Schüler einer Christusfigur, die auf einem hölzernen, fahrbaren Esel befestigt war. Die Abfolge der dabei vorgesehenen Gesänge aus dem Bereich des Gregorianischen Chorals wie der Antiphon Pueri Hebraeorum, Clarifice me Pater oder Pater iuste, mundus te non cognovit und der entsprechenden Lesungen verweist auf eine liturgische Form, die sich an der Tagzeitenliturgie orientiert. Ziel ist die textlich musikalische Umsetzung der Dramaturgie des Evangelientextes. Die Christusstatue, der am Palmsonntag von der Gemeinde während der Prozession mit Hosannarufen gehuldigt wurde, spielte auch die Hauptrolle in der bibliodramatischen Feier der Karfreitagsliturgie.

    Das "Heilige Grab"

    Dabei wurde die Statue zusammen mit einer konsekrierten Hostie in der Grabstätte, einer festen Installation, die für diesen Teil des die Passionswoche einbeziehenden Osterspiels nahe der Hofer Michaeliskirche vorgesehen, war beigesetzt. Die kreuzförmig über die Christusfigur gelegte Stola erweist ihn als Hohenpriester, und das herabgelassene Hungertuch stand für den Vorhang im Tempel. Die Totenwache, die vom Abend des Karfreitags bis zur Auferstehungsfeier am Ostertag dauerte, wurde von den Schülern des Gymnasiums und einer Gruppe älterer Frauen gehalten und war musikalisch ausgestaltet. Sie umfasste unter anderem das Singen des gesamten Psalters. Der Geistliche zog gemeinsam mit den Schülern dreimal um die verschlossene Michaeliskirche. Hinter der Kirchentür waren Schüler postiert, die die Teufel darstellten.

    "Hebt Euch. Ihr Tore"

    Die Hofer Chronik, verfasst vom Kirchenmusiker, Gymnasialschulleiter und späteren Pfarrer Enoch Widmann beschreibt: Jedes Mal, wenn die Prozession am Eingang der Kirche ankam, stieß der Prediger mit dem hölzernen Kruzifix, welches am Karfreitag in das Grab gelegt worden war, an die Türe mit den Worten des 24. Psalmes: ,Attollite portas, principes vestras et domini portas aeternales et introibit rex gloriae!‘ Hierauf riefen die Teufel: ,Quis es iste rex gloriae‘. Nach dreimaligem Pochen stürmte der Geistliche mit seiner Schar in das Innere der Kirche, während die ,Teufel‘ zurückwichen.“

    Am Ostermorgen folgte dann das auch andernorts vielfach aufgeführte Gespräch des Engels mit Maria Magdalena, das seinen Niederschlag in der Ostersequenz „Victimae paschali laudes“ gefunden hat. Bei diesem in Hof in einer besonders elaborierten Form aufgeführten Osterspiel ging es im Kern darum, sich in das Geheimnis der Erlösung hineinzuspielen. Den Mitspielenden wird es durch die tätige Teilnahme ermöglicht, wahrzunehmen: De te historia narratur. Diese Geschichte erzählt von dir. Sie geht dich ganz persönlich an. Dabei ist es essenziell, dass es sich bei den Osterspielen im Gegensatz zum antiken Theater, das ja sowohl in den Tragödien wie den Kommödien gezielt mit dem Effekt der Katharsis arbeitet, nicht darum geht, dass die Zuschauer von ihren negativen Emotionen gereinigt werden, die die Schauspieler auf der Bühne stellvertretend für sie ausagieren. Es geht vielmehr darum, leibhaftig spürbar zu machen: Jesus Christus hat wie wir als Mensch gelebt und sich der Tatsache zu stellen, dass er wirklich für uns gestorben und auferstanden ist.

    Darum gibt es bei den mittelalterlichen Osterspielen keine Zuschauer. Alle sind in irgendeiner Form beteiligt, jeder ist in seiner Funktion unersetzbar. Und dadurch, dass die Osterspiele jedes Jahr erneut stattfanden, war es möglich, neue Rollen zu erproben, sich, wenn man vielleicht etwas weiter entfernt gestanden und nur leise mitgesungen hatte, beim nächsten Mal etwas weiter vorzuwagen, eine längere Zeit am Grab zu wachen und irgendwann vielleicht sogar ein Solo innerhalb des österlichen Hallelujajubels zu singen und zu spielen.

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