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    WÜRZBURG

    Kommentar: Das richtige Maß von Musik und Dekolletés

    Zu Musikerinnen und ihrer Bekleidungswahl.

    „Du ziehst eh noch was anderes an, oder? Dir ist bewusst, dass man sich sonst nicht auf deine Musik konzentriert, sondern auf... du weißt, was ich meine.“ So ungefähr äußerte sich meine schon etwas in die Jahre gekommene Harfenprofessorin vor einigen Jahren bei der Generalprobe unseres Klassenabends auf der Uni. Spätestens seit diesem Kommentar der hochgeachteten Lehrerin achtete ich darauf, bei Konzerten nicht durch zu kurze Kleider aufzufallen.

    Die Kommilitoninnen nahmen es, meiner Ansicht nach, mit dem unauffällig kleiden dann doch etwas zu ernst. Sich ganz in den Dienst der Kunst stellend, gleichsam selbst hinter ihr zurücktretend, viele Stunden pro Tag im Kämmerlein übend und hoffend, ein Probespiel zu ergattern, empfand ich meine Mitstudentinnen oft als stillose Mauerblümchen. Doch wie steht es um die Lage des guten Stils fernab der vor Leistungsschweiß triefenden musikalischen Lehranstalten? Wirft man einen Blick in die goldenen Tempel der klassischen Musik, wo die Netrebkos und Mutters zuhause sind, wird man mit einem ganz anderen Extrem konfrontiert. Hier machen neuerdings einige Pianistinnen von sich reden, die nicht nur durch ihr virtuoses Spiel die Blicke auf sich ziehen. Eine von ihnen ist die 32-jährige Kathia Buniatishvili. Die gebürtige Georgierin ist nicht nur auf den Bühnen der Welt ein Star, auch die Medien und Klatschblätter lieben sie. Ihr Instagramaccount zählt stolze 109 000 Follower. Das bekannteste YouTube-Video, ein Schumann Klavier-Konzert unter Dirigent Zubin Mehta, hat über 1,7 Mio Aufrufe. Nummern, die kleine Leuchten sind inmitten der dunklen Nacht des allgemeinen Nischendaseins der klassischen Musik. Verglichen mit den Zahlen der Popmusik jedoch eine Lappalie. Die Kommentarfunktion des besagten YouTube-Videos musste geschlossen werden aufgrund der übermäßigen sexistischen und unschönen Kommentare. Grund der Aufregung war Buniatishvilis atemberaubendes Dekolleté, das regelmäßig weit mehr Interesse auf sich zieht als ihr leidenschaftliches Spiel. Dazu äußert sich der Vamp ganz unschuldig: „Ich verstehe die Aufregung um mein Äußeres nicht. Meine Mutter ist meine Stylistin, sie kauft auch alle meine Kleider ein.“ Ein ähnliches Phänomen ist Yuja Wang. Auch sie ist ein Stern der Szene, talentiert, schön und gleichen Alters wie ihre georgische Kollegin. Die in New York lebende Chinesin tritt stets mit schwindelerregenden High Heels und viel nacktem Bein auf. Laut eigenen Aussagen kleidet sie sich bewusst aufreizend: „Wenn die Musik schön und sinnlich ist, warum soll man sich nicht dementsprechend anziehen?“

    Ein Novum sind die knapp bekleideten Musikerinnen nicht. Schon vor 400 Jahren ließ sich die Komponistin und Sängerin Barbara Strozzi mit Gambe und entblößten Brüsten porträtieren. Einigen Quellen zufolge bestritt sie ihren Lebensunterhalt für sich und ihre vier unehelichen Kinder als Kurtisane, was eine Art Nobel-Prostituierte für hochbürgerliche Kreise war. Ob damals oder heute, klassische Musik wurde immer schon in Verbindung gesetzt mit Schönheit, Ästhetik und dem Spiel mit Erotik, doch auch mit Leichtigkeit und Genie. Genau Letztere unterscheiden die Ausnahmekünstlerinnen auch von vielleicht neunzig Prozent der Musikstudentinnen, denen das Talent nicht in dem Ausmaß in die Wiege gelegt worden ist. Und trotzdem: Warum nehmen sich die offenherzigen Künstlerinnen nicht ein Beispiel an der blutjungen Billie Eilish, Lieblingssängerin der heutigen Jugend? Die trägt konsequent nur weite Klamotten, damit sie allein aufgrund ihrer Musik bewertet wird. Mit Erfolg – ihre Musikvideos kommen auf 400 Millionen Aufrufe.

    von Emanuela Sutter

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