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    Berlin

    Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

    Kinder werden als moralische Instanz instrumentalisiert, um mit manipulativer Sprache moralisierend die "Welt der Erwachsenen" zu läutern. Kann dieses Gegeneinanderausspielen gut gehen?

    Schulstreik gegen Klimawandel
    Immer häufiger werden politisch umstrittene Themen von Kindern und Jugendlichen in die Öffentlichkeit getragen. Dort bez... Foto: MAXIM THORE, www.imago-images.de

    Wenn dein Kind dich morgen fragt...“, lautete das Leitwort des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2005; wie für Kirchentags-Leitworte üblich, handelte es sich dabei um ein Bibelzitat, allerdings ein fast bis zur Unkenntlichkeit verkürztes.

    „Wenn dich morgen dein Kind fragt: Warum achtet ihr auf die Eidesbestimmungen und die Gesetze und die Rechtsentscheide, auf die der HERR, unser Gott, euch verpflichtet hat?, dann sollst du deinem Kind antworten: Wir waren Sklaven des Pharao in Ägypten und der HERR hat uns mit starker Hand aus Ägypten geführt“, heißt es nämlich in Deuteronomium 6, 20f.; im ursprünglichen Kontext der Bibelstelle handelt es sich demnach um die Mahnung, auskunftsfähig über die geheiligten Überlieferungen des Gottesvolks zu sein.

    Verkürztes Darstellen erzeugt Rechtfertigungsdruck

    Demgegenüber ermöglicht die verkürzte Form gänzlich andere Assoziationen: Etwa in dem Sinne, wie die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof 1962 im Magazin „konkret“ schrieb „So wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, werden wir eines Tages nach Herrn Strauß gefragt werden“, wird das Kind – verstanden als Verkörperung der kommenden Generation(en) – unversehens zu einer Instanz, vor der die Erwachsenenwelt sich zu rechtfertigen hat.

    Ähnliches gilt für den oft als alte indianische Weisheit ausgegebenen, zuweilen aber auch Mahatma Gandhi zugeschriebenen Ausspruch „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen“.

    „An die Stelle Gottes tritt das Kind, der Mensch der Zukunft.“

    Dass dieser Slogan sich zumindest zeitweilig auch und gerade in Kirchenkreisen einiger Beliebtheit erfreute, erscheint umso bedenklicher, als darin ein Konzept von „Verantwortung für die Schöpfung“ entworfen wird, in dem der Schöpfer nicht mehr vorkommt: An die Stelle Gottes tritt das Kind, der Mensch der Zukunft. Die Logik hinter dieser Auffassung ist unschwer einzusehen: Die kommenden Generationen werden mit den Folgen der Entscheidungen zu leben haben, die die heutigen Erwachsenen treffen; daraus ergibt sich eine moralische Verpflichtung, Voraussetzungen für eine lebenswerte Zukunft zu schaffen – im Interesse der Kinder.

    Dass Bewegungen wie „Fridays for Future“ – zumindest ihrer öffentlichen Selbstdarstellung zufolge – wesentlich von Kindern und Jugendlichen getragen werden, erscheint daher nur folgerichtig und erhöht ihre Glaubwürdigkeit. Wenn man annimmt, dass etwa die inzwischen 17-jährige Greta Thunberg ihren Aufstieg zur Ikone der Klimaschutzbewegung nicht zuletzt ihrem ausgeprägt kindlichen Erscheinungsbild verdankt, dann wirkt sich darin wohl auch die quasi rousseauistische Tendenz aus, das Kind als den reinen, den unverdorbenen Menschen zu betrachten – worin sich zugleich auch die Hoffnung ausspricht, die Menschheit bekomme mit jeder neuen Generation eine neue Chance, noch einmal von vorn zu beginnen und diesmal alles richtig zu machen.

    Wenn Eltern und Kinder in getrennten Welten leben

    Brüchig wird diese Vorstellung allerdings dann, wenn die neue Generation ihrerseits keine Kinder bekommen will – sei es als Konsequenz aus dem gerade in der Umwelt- und Klimaschutzbewegung stets virulenten Überbevölkerungsdiskurs, der den Menschen als Schädling im Ökosystem betrachtet, sei es aufgrund der Überzeugung, man könne es einem Kind nicht zumuten, in unsere beschädigte Welt hineingeboren zu werden.

    In dieser Denkfigur wird das Kind freilich vollends zu einer rein imaginären Figur, der man einen Gefallen zu tun glaubt, wenn man ihr die reale Existenz erspart. Letztlich liegt in dieser zwiespältigen Haltung gegenüber Kindern aber vielleicht gar kein Widerspruch. Eine Idolisierung „des Kindes“ (im generischen Singular) kann sich desto ungehinderter entfalten, je weniger selbstverständlich der alltägliche Kontakt mit real existierenden Kindern für viele Erwachsene ist.

    Michael Ende hat seinen eigenen Blick auf die Tendenzen

    Der Ausbau der Krippenbetreuung schon ab dem ersten Lebensjahr wird massiv vorangetrieben; für Kinder im schulpflichtigen Alter geht der Trend zur Ganztagsschule; Hortbetreuung wird vielfach auch in den Schulferien angeboten, und selbst wenn die Familie zusammen in Urlaub fährt, werben immer mehr Reiseveranstalter mit getrennten Programmangeboten für Kinder und Erwachsene.

    Dass diese Tendenz zur Scheidung der Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen „einem zunehmenden Interesse der modernen, zivilisierten Menschheit am Kind und seinen Bedürfnissen“ entspringe, ist eine These, der der 1995 verstorbene Kultautor Michael Ende in seinem polemischen Essay „Gedanken eines zentraleuropäischen Eingeborenen“ entschieden widersprochen hat: Diese Behauptung sei lediglich „die hübsch polierte Vorderseite einer Münze, deren Rückseite ein sehr viel weniger erfreuliches Bild zeigt“. In anderen Kulturen, so Ende, „leben Kinder und Erwachsene durchaus gemeinsam in einer Welt. Im älteren Europa war es nicht anders.“

    Reservate für Kinder in einer kalten und pragmatischen Welt

    Der Rationalismus der Aufklärung und der dadurch ermöglichte wissenschaftlich-technische Fortschritt hätten jedoch eine derart entzauberte, kalte, pragmatische Welt erschaffen, dass Kinder darin „ganz einfach seelisch verhungern und verdursten“ müssten, wenn man ihnen nicht eine Art „Reservat“ einräumte: einen ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Lebensraum, „in dem ihnen für eine Weile erlaubt wird, sich die Natur von wunderbaren und geheimnisvollen Wesen, von Elfen, Zwergen und Feen bevölkert zu denken – bis zu dem Augenblick, in dem man sie für ,reif‘ genug hält, mit all den Vorstellungen bekannt gemacht zu werden, die man heute die ,objektiven Tatsachen‘ nennt“.

    Was bei diesem Bemühen um die Schaffung einer eigenen, von der Erwachsenenwelt getrennten Welt für Kinder jedoch verkannt wird, so meint Ende, ist der Umstand, dass „eine Welt, die für Kinder nicht bewohnbar ist, es letzten Endes auch für Erwachsene nicht sein kann“. Eine Feststellung, die, wenn man es recht bedenkt, viel gemeinsam hat mit dem Wort Jesu: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

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