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    Berlin

    Warum wir linke Patrioten brauchen 

    Wer die Sehnsucht nach nationaler Identität verächtlich macht, darf sich nicht wundern, wenn Rechtspopulisten solche Bedürfnisse kapern und missbrauchen. 

    Ein Herz mit der Aufschrift 30 Jahre, umgeben von schwarzen, roten und goldenen Stoffbahnen
    Ein Herz mit der Aufschrift 30 Jahre steht umgeben von schwarzen, roten und goldenen Stoffbahnen in der Ausstellung "Der... Foto: Martin Müller via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

    Wer in linksliberalen, bürgerlichen Abendgesellschaften für Tumulte sorgen will, dem sei ein Bekenntnis zur deutschen Nation empfohlen. Nichts vermag die Empörungsreflexe des juste milieus heftiger entfachen als ein Outing als Patriot in eigener Sache. Wohlgemerkt, sitzt ein Franzose, Australier oder gar Kenianer mit am Tisch, werden seine heimatfreundlichen Konfessionen in allen Härtegraden toleriert, wenn nicht bejubelt. Ein Deutscher hingegen, der sich seiner Herkunft rühmt, rangiert im gesellschaftlichen Diskurs zwischen Neonazi, Geschichtsrevisionisten und Ewiggestrigen, der aus der Geschichte nicht gelernt hat.

    Jene indes, die nassforsch vorgeben, aus der Geschichte gelernt zu haben, praktizieren eine antideutsche Haltung in Wort und Tat, worüber Ausländer, denen ich begegne, nicht selten den Kopf schütteln. Die Kanzlerin setzte 2013 symbolische Standards, als sie auf der Siegerfeier der CDU nach der Bundestagswahl ihrem damaligen Generalsekretär Hermann Gröhe ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen aus der Hand riss und von der Bühne entfernen ließ. Ein Video mit der sekundenlangen Szene sorgte für entsprechende Verbreitung im Internet.

    „Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen.“

    Auch der heutige Grünen-Chef Robert Habeck bekannte 2010: Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“ Seine Parteifreundin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth marschierte 2015 in Hannover bei einer Flüchtlinge-Willkommen-Demonstration mit, auf der Autonome lauthals „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“ krähten.

    Natürlich wurden hernach all diese Vorkommnisse von den Beteiligten relativiert und beschönigt. Ihre mediale und mithin gesellschaftliche Kraft konnten sie nur entfalten, weil jede starke Symbolik in die patriotische Richtung stets tabuisiert wird. Diese und viele andere Gesten schaffen ein Klima der Nationalverklemmtheit, der patriotischen Prüderie, in der die eigene nationale Identität schlechtgemacht oder einfach beschwiegen wird. Wer sich diesen Spielregeln widersetzt, droht das Stigma des Rechten, des Nazis. Wer Begriffe wie Nation, Volk, Einigkeit, Geschlossenheit, Patriotismus, Heimatliebe, Vaterland oder gar Nationalstolzohne hastige Distanzierungsfloskeln auszusprechen wagt, hat mit erbarmungslosen Shitstorms zu rechnen. Patriotismus ist gewissermaßen die Pornografie des politischen Menschen in Deutschland.

    Trauma aus dem Nationalsozialismus, verlässlichste Konstante der Geschichte 

    Diesen Umstand zu verdanken haben wir niemand anderem als Adolf Hitler, der, wie der österreichische Publizist Gerd-Klaus Kaltenbrunner bereits 1987 feststellte, „immer noch die Richtlinien der Politik der Bundesrepublik Deutschland bestimmt“ ganz gleich, wer in der Regierung sitzt. „Das wahre Grundgesetz des Staates“, so Kaltenbrunner, „scheint in dem kategorischen Imperativ zu bestehen, alles zu unterlassen, was auch im entferntesten noch an Adolf Hitler erinnert.“ In der Rückschau auf die vergangenen deutschen Jahrzehnte scheint das Nachbeben des Nazitraumas die verlässlichste Konstante der Nachkriegsgeschichte zu sein.

    Nun wissen wir aus der Psychologie, dass ein Trauma kein gesunder Zustand, sondern eine behandlungsbedürftige Krankheit ist. Aber während die sogenannte posttraumatische Belastungsstörung bei Einzelpersonen therapiert wird, wird dies auf sozialpsychologischer Ebene beim Kollektiv unterlassen. Stattdessen wuchern die Symptome insbesondere in einem Milieu, das sich am lautesten rühmt, aus der Geschichte gelernt zu haben. Ein linksliberales Biotop, das sich bei antifaschistischen, antirassistischen, antisexistischen und antidiskriminierenden Tollheiten selbst zu überholen trachtet, das den bizarren Typus des Gutmenschen hervorbrachte sowie eine irrlichternde Politische Korrektheit. Das hypermoralische Strebertum, mit dem die Deutschen den Rest der Welt unentwegt belehren wollen, ist vor dem Hintergrund der Naziverbrechen und den daraus resultierenden Schuldgefühlen eine einzige Peinlichkeit.

    Deutsche mit moralischem Dünkel und Selbstverachtung

    Der moralische Dünkel der Deutschen ist aber nur die Kehrseite ihrer Selbstverachtung. Der offizielle Festakt zum diesjährigen Tag der deutschen Einheit ist ein Beispiel dafür, eben weil Entscheidendes verschwiegen und unterlassen wurde. Die „Welt“ kommentierte anschließend: „Einheitsfeiern in Vollnarkose“ und „Wenn Sparkassen feiern, ist mehr los“. Über die Rede des Bundespräsidenten schrieb der Berliner Tagesspiegel: „Seine Rede zur Deutschen Einheit hinterließ vor allem eines: Enttäuschung.“

    Keine Fahnen, kein Gesang, kein Glitzern in den Augen angesichts unserer Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Die leidenschaftslos zelebrierte Veranstaltung machte deutlich, dass die Deutschen keine Formen, keine Rituale und keine Begeisterung für ein wohlwollendes nationales Selbstverständnis besitzen. Umso lebhafter entzünden sich die Selbstbeschimpfungen. Während im linksliberalen Mainstream penibel jeder Verdachtsfall auf rechtssinnige Umtriebe registriert und jede Hakenkreuzschmiererei zum nationalen Notstand aufgeblasen wird, sind patriotischen Selbstbezichtigungen keine Grenzen gesetzt, weil sie offenkundig mit den tiefenwirksamen Schuldgefühlen korrespondieren. Wenn auf Demonstrationszügen linksautonome Parolen wie „Nie wieder Deutschland!“, „Halt s Maul, Deutschland!“ oder „Deutschland muss sterben, damit wir leben können!“ schwadroniert werden, bleibt die Empörung in der linksliberalen Mehrheitsgesellschaft aus.

    „58 und Antifa. Selbstverständlich.“

    Hingegen gilt jede Bekundung, gerne ein Deutscher zu sein, in diesen Kreisen bereits als ein Beleg für den Rechtsruck im Lande. Die SPD-Chefin Saskia Esken weiß sich in ein weitgestrecktes Sympathisantenumfeld eingebettet, wenn sie auf Twitter ihren Gefallen an linksradikalen und antideutschen Gewalttätern verbreitet: „58 und Antifa. Selbstverständlich.“

    Der maximal unfrohe Umgang mit dem nationalen Selbstverständnis ist längst zur Staatsräson geworden. Deutschsein gilt als Obszönität. Lieber wird von Weltoffenheit und Multikulti deliriert, als müssten wir uns fortwährend einem Exorzismus wider die allgegenwärtigen Nazi-Dämonen unterziehen. Schon der Wortteil „National“ wird als rückwärtsgewandt empfunden und Patriotismus wird sprichwörtlich als die letzte Zuflucht für Halunken betrachtet.

    Verdrängtes kommt verzerrt zurück

    Allerdings verhält es sich wie bei allen Verspanntheiten und Verdrängungen: Was tabuisiert wird, kommt als Fratze zum Vorschein. In diesem Fall sind es rechtsradikale Narren, die eine verwaiste Liebe zum Vaterland kapern. Linke und Liberale täten klug daran, diese Monopolisierung den rechten Rattenfängern zu entreißen und sich einen souveränen Patriotismus linksgewendet anzueignen.
    Denn ein menschenfreundliches Gemeinwesen lässt sich nicht auf dem Fundament von Selbstverachtung schaffen. Ein Beispiel ist die Einwanderungspraxis. Als 2015 das Land in Willkommenseuphorie schwelgte, begriff kaum jemand, dass die Eingewanderten nirgendwo sinnlich erfahren konnten, in welch eine Kultur sie sich eigentlich integrieren sollten. Mit technokratischem Charme wurde ihnen zwar der Wertekanon des Grundgesetzes vorgelegt. Aber Deutschsein ist eben mehr als Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, bauchfreie Sommergarderobe und Ehe für alle.

    Gewachsene Traditionen, regionale Sitten, heimelige Bräuche und christliche Konfession sind in den vergangenen Jahrzehnten auch der einheimischen Bevölkerung zunehmend fremder geworden. Deutsches Liedgut mutet altbacken an, die Feiertage sind weitgehend von Ritualen befreit. Welches Kind erlebt heutzutage noch das geheimnissatte Raunen der Adventzeit, wenn gebacken und gebastelt wird und ein Ungeheuerliches am Heiligen Abend niederkommt? Stattdessen ist Weihnachten wie der deutsche Alltag überhaupt zu einer ruhelosen Konsumveranstaltung verkommen, ohne Sinn und Zusammenhang. Wen wundert s, dass muslimische Einwanderer lieber in ihren vertrauten Parallelwelten verharren, mit Kopftuch, überlieferten Geschlechterrollen und starken Verheißungen, die wir entlaufenen Christen schon gar nicht mehr kennen?

    Kulturlinke können Gemeinschaft und Wertschätzung kaum

    Patriotismus ist ein Schlüssel zu Anerkennung und Zugehörigkeit. Schon Ende der neunziger Jahre beschrieb der US-Philosoph Richard Rorty in seinem Buch „Stolz auf unser Land“, wie sehr sich Menschen in der amerikanischen Mittel- und Unterschicht nach Gemeinschaft und Wertschätzung sehnen und wie wenig eine Kulturlinke diesen Bedürfnissen nachkommt. US-Progressive machen sich für die Interessen von Minderheiten stark, ihre traditionellen Wähler jedoch, unscheinbar und schweigend, fühlen sich kaum wahrgenommen und ob ihres Patriotismus verachtet. Rorty sah voraus, dass die Enttäuschungen dieser Bürger eines Tages von einem starken Mann instrumentalisiert werden würde. Heute regiert Donald Trump in den USA.

    Dabei ist es gar nicht einzusehen, weshalb ein Linker, dem es um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Solidarität und Gerechtigkeit zu tun ist, nicht sein Vaterland lieben sollte. Die Zeiten überhitzter Chauvinismen des 19. Jahrhunderts, die sich später in zwei Weltkriegen entluden, sind lange vorbei. Ein aufgeklärter, fortschrittlicher Patriotismus liebt sein Land und will, dass es den Menschen gut geht. Dazu müssen nicht fremde Länder überfallen, sondern soziale Ausgewogenheiten gestaltet werden. Wer stolz ist, deutsch zu sein, kann sich bestens einfühlen in Menschen, die stolz sind, dass sie Franzosen, Brasilianer oder Chinesen sind. Links kann auch eine Internationale von Patrioten sein. Wer diese Art von Leidenschaft im Herzen trägt, bleibt gegen rechten Hass immun.


    KURZ GEFASST

    Anders als Grünen-Chef Robert Habeck, der Vaterlandsliebe „stets zum Kotzen“ findet, wünscht sich Holger Fuß linke Patrioten. Gewachsene Traditionen wie auch die christlichen Konfessionen sind der einheimischen Bevölkerung immer fremder geworden. Darum könne es nicht verwundern, wenn Migranten in ihren vertrauten Parallelwelten verharren. Wer aber stolz sei, könne sich besser in die Lebensauffassungen anderer Völker einfühlen. Wer diese Art von Leidenschaft habe, bleibt gegen den rechten Hass immun.

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