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    Würzburg

    Unter dem Schutz der heiligen Nino

    Konfrontation ohne Feindschaft: Wie Georgien immer mehr unter den Einfluss der russischen Machtsphäre kam.

    Swetizchoweli-Kathedrale, Georgien
    Die Swetizchoweli-Kathedrale war über Jahrhunderte die Krönungs- und Begräbniskirche der georgischen Monarchen. Foto: Schwarz

    Ein Tempel im antiken Stil überwölbt das Häuschen, in dem Stalin 1878 als Sohn eines Flickschusters zur Welt kam. Georgische Brautpaare machen hier gerne ihre Selfies. Daneben steht der Eisenbahnwaggon, den Stalin für die Fahrt zu den Konferenzen in Jalta und Teheran benutzte. Keine russische Reisegruppe lässt sich den Besuch in Gori entgehen. Im Schatten der Bäume bieten Straßenhändler den Touristen allerlei Diktatorenkitsch an: Büsten aus Gips, Anstecker, handkolorierte Fotos. Auf den Mann, der Sowjetnostalgikern das Imperium am Höhepunkt der Macht verkörpert, sind viele Georgier, unter ihnen auch Antikommunisten, immer noch stolz, ungeachtet der zahllosen Verbrechen, die er gerade auch an ihrem Volk begehen ließ.

    Vor zwölf Jahren, im August 2008, kam der Vormarsch der russischen Armee erst kurz vor Gori zum Stillstand. Unser Begleiter hatte in dem Fünftagekrieg einen Trupp georgischer Pioniere kommandiert, doch antirussische Äußerungen waren ihm während unseres Besuches im Sommer 2019 nicht zu entlocken. Die Georgier und die Russen seien Brüder, sagte er, auf die Politiker komme es nicht an. Dabei waren die Beziehungen zwischen Tbilissi und Moskau gerade wieder an einem Tiefpunkt angelangt. Putin verhängte ein Embargo gegen Georgien, in Tbilissi schlug die Polizei Protestkundgebungen mit Gewalt nieder. Aber die Wut richtete sich nicht gegen die russische Nation, sondern gegen die Arroganz einer Großmacht, die ein Fünftel des georgischen Territoriums – die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien – besetzt hält. Die Georgier verfügen über ein Differenzierungsvermögen, das man anderswo, etwa am Balkan, schmerzlich vermisst.

    "Georgier und Russen sind Brüder!"

    Philipp Ammon beantwortet in seinem Buch die Frage, „wie es zur Konfrontation zweier Völker kam, die keine tiefverwurzelte, gleichsam metaphysische Feindschaft trennt“. Russen und Georgier sind zwar weder ethnisch noch sprachlich miteinander verwandt, aber die orthodoxe Religion und das beiderseitige Interesse, die islamischen Mächte Iran und Türkei von der Kaukasus-Region fernzuhalten, hat sie durch die Jahrhunderte immer wieder zusammengeführt. Die einen hofften auf Russland als Schutzherren, für die anderen war Georgien die Seelenlandschaft, die ihre größten Dichter durchwanderten. Gleichwohl prallten russischer Imperialismus und georgische Selbstbehauptung immer wieder aneinander.

    Die Georgier führen ihre Christianisierung auf den Apostel Andreas und die heilige Nino zurück. Der Legende nach erhielt die Heilige von der Gottesmutter den Auftrag, den Georgiern zu predigen. Schon in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde das Christentum zur Staatsreligion. Nach der Trennung von den monophysitischen Armeniern im Gefolge des Konzils von Chalkedon (451) entstand eine georgische Nationalkirche, gut ein halbes Jahrtausend vor der Christianisierung der Rus durch die Taufe Wladimirs des Großen. Ammon führt zahlreiche Beispiele für den georgischen Einfluss auf die russische Orthodoxie an, etwa die Polyphonie im Kirchengesang und die besondere Verehrung des Heiligen Georg. Wenn Russen die „Europäisierung“ Georgiens seit Peter dem Großen ihrem Kolonialismus zuschreiben, halten ihnen die Georgier ihr orthodoxes „Erstgeburtsrecht“ und ihre Glaubenstreue entgegen.

    "Wenn Russen die „Europäisierung“ Georgiens seit Peter dem Großen ihrem Kolonialismus zuschreiben,
    halten ihnen die Georgier ihr orthodoxes „Erstgeburtsrecht“ und ihre Glaubenstreue entgegen."

    Das goldene Zeitalter des georgischen Königreichs beendeten die Mongolen im 13. und 14. Jahrhundert, dann kappte der Untergang von Byzanz die Verbindungen zum Westen und lieferte Georgien den rivalisierenden Hegemonialmächten der Perser und der Türken aus. Die Folgen der muslimischen Fremdherrschaft zeigt ein Vergleich des 1254 von den Mongolen durchgeführten Zensus von 810 000 Familien mit einer Zählung im Jahr 1770, die nur noch 87 000 Haushalte ergab. Im 17. Jahrhundert, schreibt Ammon, seien jährlich zwischen 10 000 und 15 000 Georgier in die Sklaverei verschleppt worden.

    Katharina II. ließ Georgien im Stich

    Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Geschichte nach dem Vertrag von Georgijewski (1783), in dem Katharina II. Georgien den Schutz des Russischen Reiches zusicherte. Die Zarin sah sich nicht imstande, diese Verpflichtung einzuhalten, und ließ das Land in seinem ungleichen Kampf gegen Persien im Stich. Ungeachtet dessen begrüßten die Georgier den Anschluss an das Zarenreich (1801), der sie vom muslimischen Joch befreite.

    Ausführlich schildert der Autor den russisch-georgischen Kirchenkonflikt, der bald danach entbrannte. 1811 beendeten die neuen Herren die georgische Autokephalie. „Mehr noch als die Beseitigung der georgischen Monarchie traf die kirchliche Annexion den Nerv der georgischen Identität“, schreibt Ammon. Gegen den anhaltenden Widerstand des Klerus und der Gläubigen wurde die alte georgische Liturgie durch die kirchenslawische ersetzt, Ikonen und Bücher wurden konfisziert und verscherbelt, Kirchenschätze nach Russland verbracht. Erst in der Februarrevolution 1917 wurde die georgische Nationalkirche wieder hergestellt. Das Moskauer Patriarchat erkannte sie schließlich 1943 als autokephal an.

    Diese Anerkennung erfolgte auf Druck Stalins, der als junger georgischer Nationalist ins russifizierte Priesterseminar in Tbilissi eingetreten war und es als überzeugter Marxist verlassen hatte. Ammon verfolgt die Geschichte Georgiens nach der russischen Revolution weiter über die drei Jahre der unabhängigen menschewistischen Republik bis zur Okkupation durch die Rote Armee und die Eingliederung in die Sowjetunion (1921). Paradoxerweise war dies nun nicht der Ausfluss imperialer russischer Ambitionen gewesen, sondern eine von den Georgiern Stalin und Ordschonikidse betriebene und von Trotzki unterstützte Operation, die schließlich zum Bruch Lenins mit Stalin führte. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Bolschewiki setzte eine neue Welle des Kampfes gegen die georgische Kirche und die Russifizierung des Landes ein.

    Mit der Eingliederung in die Sowjetunion endet Ammons Studie des georgisch-russischen Beziehungsgeflechtes, die den Leser stets fesselt, wenn sie ihn aufgrund ihres Detailreichtums auch manchmal überfordert. Es ist zu hoffen, dass der Autor dem Thema verpflichtet bleibt und in einem Folgeband die Geschichte Georgiens über die Jahrzehnte der Sowjetrepublik bis in die Gegenwart verfolgen wird.

    Philipp Ammon: Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jahrhundert bis 1924.
    Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2020, Taschenbuch, 238 Seiten, EUR 29,80

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