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    Glaubensleben

    Und zieht nie aus der Seele aus

    Gelingende religiöse Erziehung erfordert das Vorbild der Eltern. Ein Essay über das Glaubensleben in der Familie.

    Gemeinschaft der Liebe: Eltern, Kind, Taufpaten und das Licht des Lebens.
    In der Gemeinschaft der Liebe: Eltern, Kind, Taufpaten und das Licht des Lebens. Foto: KNA

    Es naht die erste heilige Kommunion. Es gibt noch Kinder, die ernsthaft darauf vorbereitet werden. Für etliche von ihnen sind die Dinge, die sie da hören, völlig neu. Für andere klingen sie vertraut. Und dennoch sieht man die meisten nach dem Fest nicht mehr in der Sonntagsmesse. Das hat viele Gründe. Einer ist das fehlende Vorbild in der Familie. Wenn Eltern bis zu diesem „großen Tag“ nicht in die Sonntagsmesse gegangen sind, fragt sich das Kind, warum es jetzt gehen soll. Hier zeigt sich die Bedeutung des Vorbilds für die religiöse Erziehung.

    Glaube als Anker

    Wenn der Glaube in der Familie nicht vorgelebt wird, läuft die religiöse Erziehung oft ins Leere. In einem Gesprächsbuch antwortete Joachim Kardinal Meisner einmal auf die Frage, ob die Krise des Glaubens auch eine Krise der Familie sei: „Natürlich! Der Glaube ist der Anker des menschlichen Lebens. Wenn der Anker locker sitzt, dann lockert sich alles andere auch. Das Verhältnis des Menschen zu Gott spiegelt sich auch immer wider in seinem Verhältnis zu den Mitmenschen.“ Wer glaubt, lebt anders und liebt anders.

    In der Tat, glauben ist mehr als eine intellektuelle Leistung, glauben ist eine Herzensangelegenheit. Glaube ist nicht digitalisierbar, abrufbar im Internet oder in seiner Logik und gedanklichen Stringenz unausweichlich. Die Jünger von Emmaus ermahnt der auferstandene Jesus, nicht so trägen Herzens zu sein. „Oh wie träge ist euer Herz zu glauben“, heißt es in älteren Übersetzungen. Denselben Jüngern „brannte das Herz“, nicht der Verstand, „als er mit uns redete und uns die Schrift erschloss“. Im höchsten, dem neuen Gebot selbst spricht Jesus zuerst das Herz an. „Du sollst den Herrn, Deinen Gott lieben aus ganzem Herzen ...“

    Entscheidungsmitte des Menschen

    Das Herz ist, als „die Entscheidungsmitte des Menschen“, wie Josef Pieper sagt, der eigentliche Ort des Glaubensaktes, die wahre Heimat des Glaubens. Deshalb verlegt die Heilige Schrift die Gottlosigkeit nicht in den Verstand, sondern ins Herz. „Dixit insipiens in corde suo: Non est Deus“ – Es sprach der Tor in seinem Herzen: Gott ist nicht", so heißt es im Psalm 13,1. Aus der Klugheit des Herzens resultiert, was die Alten die Lebensweisheit nennen. Bezeichnenderweise findet sich das Wort von Kardinal Meisner in einem Buch mit dem Titel: Mit dem Herzen sehen. Das beschreibt eben jene innere Haltung, mit der man in allen Lebensphasen und vor allem in der Familie, die Menschen, die uns am nächsten stehen, begleiten kann.

    Der Glaube wächst wie ein Kind heran

    Alejandro Granado, Priester im Seelsorgebereich Bad Godesberg bei Bonn, zog in einer Predigt zum Fest der Verkündigung Mariens, sozusagen am Fest der Fleischwerdung, der Entstehung der genetischen Identität Christi durch das Fiat Marias, eine Parallele zur Schwangerschaft. Der Glaube sei geschenkt und wachse in uns, wenn „wir behutsam damit umgehen, ihn hegen und pflegen, ihn vor falscher Nahrung in Schutz nehmen und keinen Versuchungen aussetzen, so wie die Mutter nicht raucht, keinen Alkohol zu sich nimmt und auch sonst aufpasst, was sie zu sich nimmt“. So wachse der Glaube wie das Kind im Leib heran und könne sich dann „gesund weiterentwickeln und später mit seiner Freude andere anstecken und die Flamme der Liebe entzünden“.

    Existenzielle Berührung

    Wer einmal mit der selbstlosen Liebe existenziell in Berührung gekommen ist, der wird von dieser Erfahrung geprägt. Kein Gedanke wird je vergessen, sagt der Pränatalforscher Ludwig Janus. Erst recht nicht die Erfahrung der Liebe. Sie ist das Ur-Geschenk, so Thomas von Aquin, und Papst em. Benedikt XVI erinnert: „Liebe ist letztlich ein Geschenk, widerfahrene Gnade, man entschließt sich nicht einfach zu ihr. Sie hat den Charakter der Antwort.“ Nur: Wie funktioniert das beim Baby, das keine dogmatischen Sätze verstehen kann? Es funktioniert durch die Liebe. Robert Spaemann hat das in einem Bändchen über „moralische Grundbegriffe“ so formuliert: „Nur an einer Wirklichkeit, die uns Widerstand leistet, können wir unsere Kräfte entwickeln ... Die Mutter ist im Allgemeinen die erste eigenständige Wirklichkeit, der das Kind begegnet. Und so ist dafür gesorgt, dass die Wirklichkeit zunächst als hilfreich und freundlich erfahren wird. Die Stiftung dieser Grunderfahrung – die Psychologie spricht vom Urvertrauen – ist das Wichtigste, was Erziehung überhaupt zu leisten hat. Denn wer auf eine Erinnerung an eine heile Welt zurückgreifen kann, wird leichter mit der unheilen fertig.“

    Selbstlose Mutterliebe

    Die selbstlose Liebe der Mutter, das ist die erste Erfahrung der Nähe Gottes. Kein geringerer als der eben erwähnte große Kirchenlehrer Thomas von Aquin vergleicht die Gottesliebe mit der Mutterliebe, weil, so sagt er ebenso einfach wie genial, die Mütter mehr daran denken zu lieben als geliebt zu werden. Die Natur, also der Schöpfer der Natur, hat es so eingerichtet, dass dieses Urvertrauen, dieses „Gefüge psychischer Sicherheit“, wie die Bindungsforscher Karin und Klaus Grossmann es nennen, bereits im Mutterleib entsteht und bei der Geburt mit einem Ausstoß von Oxytoxin, dem Glücks- oder Bindungshormon, so massiv gefeiert wird wie nie mehr sonst im Leben.

    „Die Familie hat ihren Ursprung in derselben Liebe, mit der der Schöpfer die geschaffene Welt umfängt.“ Hl. Johannes Paul II.

    Dieser Fluss der Liebe bindet, schafft das Vertrauen, mit dem das Kind durch das Leben gehen kann. In der Familie begegnet der Mensch zuerst der selbstlosen Liebe, die Familie ist der privilegierte Ort dieser Liebe, dort wird der Mensch zuerst angenommen – bedingungslos, unabhängig von Preis, Gestalt, erhoffter Leistung. In dieser Annahme steckt eine Souveränität, die jedem gesellschaftlichen Nutzendenken vorausgeht. Es ist die Annahme des Lebens, die Annahme der Schöpfung, so wie sie ist. Deshalb sagt Johannes Paul II. in seinem Brief an die Familien auch: „Die Familie hat ihren Ursprung in derselben Liebe, mit der der Schöpfer die geschaffene Welt umfängt.“

    In der Familie lebt die Schöpfungskraft Gottes weiter. Das ist eine gewaltige Dimension, die Papst Franziskus in einer Ansprache an den Päpstlichen Rat für die Familie mit diesen Worten beschrieb: „Man könnte ohne Übertreibung sagen, dass die Familie der Motor der Welt und der Geschichte ist. Jeder von uns entwickelt seine Persönlichkeit in der Familie, indem er mit Vater und Mutter, mit Brüdern und Schwestern aufwächst und die Wärme eines Zuhauses spürt.“

    Vertrauen ist die Grundlage des Miteinanders

    All das ist grundlegend für die religiöse Erziehung. In den ersten Jahren wird eben nicht belehrt, sondern geliebt. Diese Liebe ist die Grundlage. Sie schafft die Sicherheit, in der das Kind seine Persönlichkeit entwickelt und über sich hinausdenken kann. Denn das Ur-Vertrauen hat nicht nur eine persönliche, psychologische Dimension, sondern auch eine mitmenschliche, soziale Dimension. Ja, Vertrauen ist die Grundlage des Miteinanders. Vertrauen ist die Währung des Lebens. Im Vertrauen auf Dein Wort fahre ich noch einmal hinaus. Weil Du es sagst, glaube ich. Weil Mutter oder Vater um etwas bitten oder verlangen, höre ich hin und versuche zu entsprechen. Vertrauen ist die Frucht der selbstlosen Liebe.

    Wahres Grundvertrauen

    Urvertrauen, das ist eine Chiffre für Liebe, eine Liebeserklärung für das Leben und damit für Gott. Der heilige Johannes XXIII. sagt es so: „Wer Glauben hat, der zittert nicht, er überstürzt nicht die Ereignisse, er ist nicht pessimistisch eingestellt, er verliert nicht die Nerven. Glauben, das ist die Heiterkeit, die von Gott kommt.“ Und eine Meisterin des Urvertrauens, Elisabeth Lukas, Psychotherapeutin und Begründerin der Logotherapie in Deutschland, schreibt: „Wahres Grundvertrauen schwingt durch alles hindurch, durch sämtliche Aufs und Abs der Gezeiten. Es wohnt im Lachen und im Weinen, im Trubel und in der Stille, und zieht nie aus der Seele aus.“

    Das ist es, was die Eltern und insbesondere die Mütter in den Kindern grundlegen mit ihrer selbstlosen Liebe. Damit stiften sie Glaubens- und Gottfähigkeit. Viele Heilige, wahrscheinlich die meisten, hatten heilige Mütter. Bekannt sind sie bei Augustinus und Don Bosco, um nur die zu nennen, die meisten sind ja unbekannt. Aber ohne oder mangelndem Urvertrauen ist der Mensch verwundbar, seelisch angreifbar – eben weil er nicht mehr in der Liebe, in der Geborgenheit in Gott lebt. Die Liebe ist es, die erlöst. Sie ist es, die den Menschen zum Abbild Gottes macht. Ohne sie kein Glaube. Deshalb: Wenn die Personen, die die Liebe in Herz und Seele des Kindes gesenkt haben, auch Vorbilder im Glauben sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Kinder auch nach der ersten heiligen Kommunion in die Messe gehen. Weil sie spüren, woher die Liebe kommt.

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