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    Berlin

    "Tiefer Glaube an Gott" genügt für Anfeindungen

    Massive Beschimpfungen muss Sängerin Nena wegen eines religiösen Statement ertragen. In Corona-Zeiten wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Wenn dann noch "die Falschen" den Beitrag mögen oder gar einen Einladung von einem provokanten Vegan-Koch erfolgt, dann wird es sehr ungemütlich.

    Sängerin Nena
    Sehnsucht nach Gott und dem Licht: Sängerin Nena (60) bekommt großen Ärger wegen eines Textes in den sozialen Medien. Do... Foto: imago

    Ich habe meinen tiefen Glauben an Gott. Daher kommt mein Vertrauen ins Leben. Und ich habe meinen gesunden Menschenverstand, der die Informationen und die Panikmache, die von außen auf uns einströmen, in alle Einzelteile zerlegt. Und so ist es mir möglich, mich nicht hypnotisiert von Angst in die Dunkelheit ziehen zu lassen. Lasst uns ins Licht gehen und für die Liebe stehen, denn trotz allem Wahnsinn, den wir hier erleben, glaube ich und weiß, dass der positive Wandel nicht mehr aufzuhalten ist.“

    Fünf Sätze, die die Sängerin Nena („99 Luftballons“, „Wunder gescheh'n“) in der vorletzten Woche auf Instagram und Facebook gepostet hat. Ein Ausdruck des Vertrauens auf Gott und das Leben, vielleicht ein wenig esoterisch angehaucht, nicht besonders konkret. Aber mittlerweile reicht das für einen veritablen „Shitstorm“.

    „Ist sie eine Corona-Leugnerin?“

    „Jetzt auch noch Nena auf dem rechten Eso Trip gegen die Vernunft. Wie enttäuschend!“, postet ein Nutzer auf Facebook. „Nena, wann kommt das gemeinsame Konzert mit Wendler und Naidoo in den unterirdischen Tunneln?“, schreibt ein weiterer User. Floskeln wie „Covidioten“ oder „Aluhut“ fallen immer wieder. Auch der Tenor in den klassischen Medien ist verheerend. „Rätselhaft“ nennt die Berliner Boulevardzeitung B.Z. den Post – und fällt damit noch das freundlichste Urteil.

    Von „wilden Äußerungen“ will die „Rheinische Post“ etwas gelesen haben, und der Kölner „Express“ fragt besorgt: „Ist sie eine Corona-Leugnerin?“ Starker Tobak für ein paar spirituelle Gedanken. Bei Nena genügte es offenbar schon, dass Sänger-Kollege Xavier Naidoo ihren Instagram-Beitrag mit einem Like versehen und Vegankoch Attila Hildmann, bekannt für Verschwörungstheorien über die Covid-19-Pandemie, die Sängerin zu einer Anti-Corona-Demo eingeladen hat.

    Naidoos Image bröckelte schon lange

    Beide, Naidoo wie Hildmann, haben sich mit wüsten und geradezu grotesken Theorien jeder sachlichen Diskussion entzogen. Xavier Naidoo galt lange Zeit gerade in christlichen Kreisen als angesehener Sänger, machte er doch aus seinem Glauben keinen Hehl und setzte das Kreuz gar auf eines seiner Album-Cover. Die Botschaften seiner frühen Alben– Liebe, Verständnis, Toleranz – schienen das zu bestätigen. Doch hinter der Fassade bröckelte Naidoos Image schon länger.

    Seine Glaubensüberzeugungen waren teils wirr, glitten ins Absurde ab. Seine Heimatstadt Mannheim sah er als das neue Jerusalem an, bezeichnete Autos als Engelsgeschöpfe und wollte den Termin der kommenden Apokalypse erkannt haben. Dass seine politischen Ansichten kaum zu seinen gefühlvollen Songtexten passen, wurde im Laufe der Jahre selbst wohlwollenden Beobachtern immer deutlicher.

    Naidoo trat bei „Reichsbürgern“ auf und eckte immer wieder mit Äußerungen an, die als rechtsextrem oder antisemitisch eingestuft wurden – was Naidoo allerdings bestritt. Nach dem Ausbruch des Corona-Virus in Deutschland Anfang dieses Jahres begnügte er sich nicht damit, die Maßnahmen der Bundesregierung zu kritisieren, er stellte die Existenz des Covid-19-Erregers insgesamt in Frage, forderte „Beweise“ für die Existenz des Virus.

    Nun ist es nicht verwerflich und aufgrund der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens ganz sicher notwendig, der Politik bei ihrem Kampf gegen Corona auf die Finger zu schauen. Dabei sollte aber klar sein, dass es um die angemessene Reaktion auf die Pandemie geht, nicht um die Infragestellung der Existenz des Virus. In diese Falle tappte vor kurzem auch der Sänger und „DSDS“-Juror Michael Wendler.

    „Gleichgeschaltet“ und politisch kontrolliert

    Er ließ seine Verträge mit dem Fernsehsender RTL platzen und sagte, er werfe der Bundesregierung „wegen der angeblichen Corona-Pandemie und der daraus resultierenden Maßnahmen grobe und schwere Verstöße gegen die Verfassung und das Grundgesetz (sic!) vor“. Zudem warf er nahezu allen Fernsehsendern vor, sie seien „gleichgeschaltet“ und politisch kontrolliert.

    Das sind ohne Zweifel indiskutable Aussagen. Abgesehen von dem historisch extrem belasteten Begriff der „Gleichschaltung“ ist es ein typischer Rekurs auf Verschwörungstheorien, eine behauptete Clique aus Politik und Medien am Werk zu sehen, die ein Virus „erfindet“, um Grundrechte auszuhebeln. Das ist pure Fantasie, und das ist gefährlich, weil sich solche Behauptungen im digitalen Zeitalter rasant verbreiten. Warum sich Wendler so äußerte, ist bisher unklar. Sein Manager sprach davon, dass der Sänger wegen „Panikattacken“ einen Psychologen benötige.

    Schaler Nachgeschmack

    Dennoch hinterließ der Shitstorm gegen Michael Wendler durchaus einen etwas schalen Nachgeschmack, denn trotz manch absurder Einlassungen war nicht alles indiskutabel, was Wendler da gesagt hat. Dass die Maßnahmen, die uns vor Corona schützen sollen, am Rande der verfassungsrechtlichen Legalität sind und nicht wenige Medien in Deutschland diese Aspekte bisher allzu unkritisch beleuchtet haben – das kann man so sehen, man muss es indes freilich nicht.

    Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, warnte vor einigen Tagen in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Wer die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung schützen will, darf nicht beliebig in die Grundrechte eingreifen“. Darüber muss man diskutieren können. Die Polarisierung der öffentlichen Meinung geht von beiden Seiten aus, sagt auch Papier: „Entweder wurden alle getroffenen Maßnahmen bis hin zum Lockdown gewissermaßen mit einem juristischen Persil-Schein versehen, oder man leugnete jede Gefahrenlage. Das nahm teilweise verschwörungstheoretische Züge an.“

    Lust am öffentlichen Denunzieren

    Die Kritiker der Corona-Maßnahmen verfangen sich zum Teil in absurden Theorien, die Befürworter greifen solche Entgleisungen nur allzu dankbar auf und rücken jeden Kritiker in die Nähe von „Schwurblern“ und Corona-Leugnern. Blickt man allerdings auf die Anti-Corona-Demos, haben sich dort neben gemäßigten Gegnern der staatlichen Maßnahmen leider auch viele Gestalten versammelt, die sich ideal als Zielscheibe für Spott eignen.Der Aluhut lässt allzu oft grüßen.

    Was hat das mit Nena zu tun? Sie hat keine vermeintlichen Verschwörungen von Politik und Medien angeprangert, keinen Bill Gates für Corona verantwortlich gemacht und auch keinen angeblichen „Impfzwang“ beklagt. Dennoch wird sie von vielen ihrer Kritiker nun genau in diese Ecke gestellt. Woher kommt diese Lust am öffentlichen Denunzieren, die Freude am Zerstören insbesondere prominenter Zeitgenossen?

    Aggressiv, weil ertappt?

    Es scheint, als fühlten sich manche Menschen schlichtweg ertappt. „Ich habe meinen tiefen Glauben an Gott“, so beginnt Nena ihr Statement. Diese Aussage reicht heutzutage schon mindestens für ein kräftiges Stirnrunzeln, auch Hohn und Spott lassen nicht lange auf sich warten. Doch Nena steht schon seit Jahren zu ihrem Glauben. „Ja, ich bete und weiß, daß ich nie allein bin, nie verloren und verlassen. Ich glaube an Gott und Jesus“, sagte sie bereits 2005 in einem Interview.

    Und beim Ökumenischen Kirchentag 2010 in München bekannte sie: „Oh ja, ich glaube an Gott, aber ich gehöre keiner Kirche an. Ich freue mich auf den Kirchentag, weil man dort Menschen trifft, mit denen man unbefangen über spirituelle Themen sprechen kann.“ Sie sei zwar katholisch erzogen worden, habe aber eine andere Beziehung zu Gott, „frei von Schuld und voller Liebe“.

    Es fehlt die Bereitschaft zum Diskurs

    „Lasst uns in das Licht gehen und für die Liebe stehen“, schreibt Nena in ihrem Instagram-Statement. Bei vielen Zeitgenossen hat die Corona-Pandemie eher Dunkelheit und Schatten offenbart. Da werden in „sozialen“ Netzwerken Verstöße gegen Corona-Regeln genüsslich angeprangert, da werden Kritiker der staatlichen Maßnahmen gar der Körperverletzung (und schlimmerer Delikte) beschuldigt. Und dieses Verhalten ist nicht neu.

    Schon in der Flüchtlingskrise und in der Debatte um den Klimawandel trat die Diffamierung des Gegners allzu oft an die Stelle des Arguments. Das Etikett des „Klimaleugners“ wurde allen zuteil, die nicht jeden Vorschlag zur vermeintlichen Rettung des Weltklimas unterschreiben wollten. „Fridays for Future“ gilt ohnehin vielen als sakrosankt. „Trotz allem Wahnsinn … weiß ich, dass der positive Wandel nicht mehr aufzuhalten ist“, schließt Nena ihr Statement.

    Die eigentliche Botschaft

    Wo mag sie diesen Optimismus bloß hernehmen? Die Kommentare zu ihrem Statement scheinen wie der Beweis des Gegenteils. Und doch: „Ich habe meinen tiefen Glauben an Gott“, schreibt sie. Das ist ihre eigentliche Botschaft: Dass das Gute, das von Gott ausgeht – das „Licht“ – am Ende über die Finsternis siegen wird. Das gilt hoffentlich nicht nur für das Corona-Virus, sondern auch für die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft über den Umgang mit der Pandemie debattiert.

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