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    Brüssel

    „So wie heute kann es nicht weitergehen“

    Der Historiker David Engels über seinen Entwurf und die Reorganisierung Europas.

    Professor David Engels: Die Zukunft Europas im Blick
    Die Zukunft Europas im Blick: Professor David Engels. Foto: privat

    Herr Professor Engels, Sie haben eine Präambel zur Verfassung einer Konföderation europäischer Nationen entworfen. Wer hat Sie denn auf die Idee gebracht?

    Als überzeugter Europäer nehme ich schon seit langem mit Besorgnis die zunehmende ideologische Schlagseite wie auch den institutionellen Fehlbau der EU wahr und beschäftige mich im Rahmen meiner Tätigkeit für das Polnische Westinstitut mit Alternativmodellen wie etwa dem, das ich zusammen mit Intellektuellen aus ganz Europa in„Renovatio Europae“ (Berlin 2019) skizziert habe. Und wir sind beileibe nicht die einzigen: Überall in Europa denken Menschen, die EU-Kritik mit abendländischem Patriotismus verbinden, intensiv darüber nach, wie der Kontinent reorganisiert werden könnte. Als daher der polnische „Künstlerverband für die Republik“ (Stowarzyszenie Twórców dla Rzeczypospolitej) mich aufforderte, diese Überlegungen in die Form einer programmatischen Präambel zu bringen, welche sowohl hier in Polen als auch im restlichen Europa zum Ausgangspunkt für die Reflexion über eine konföderale EU werden könnte, war ich Feuer und Flamme.

    Wollen Sie mit diesem Entwurf der EU Konkurrenz machen?

    Unbedingt! Denn so wie heute kann es einfach nicht mehr weitergehen. Auf allen wirklich wichtigen Feldern unserer Zukunft – Schutz der Außengrenzen, Migration, Forschung, Weltpolitik, Identitätspflege, Finanzpolitik, et cetera – hat die EU versagt. Die Fehler bei der Konstruktion des Euro kommen uns teuer zu stehen, ein wichtiges Mitglied ist sogar im Streit ausgetreten, und der Riss zwischen Nord und Süd ebenso wie zwischen West und Ost ist größer denn je. Dazu kommt jetzt noch aufgrund der Covid-19-Quarantänepolitik eine beträchtliche wirtschaftliche Belastung auf uns zu. Wenn wir Europa retten wollen, müssen wir die EU von Grund auf überdenken – und ganz sicher nicht im Sinne eines sturen „Weiter so“, wie Macron und Merkel es vorzuschlagen scheinen.

    Bringt Ihr Text nicht zusätzliche Unruhe in die seit der Corona-Krise ohnehin schon labilen Beziehungen der EU-Mitgliedsstaaten?

    Das mag durchaus sein. Aber nur aus Unruhe kann Neues und Besseres entstehen. Es ist wichtig, dass nunmehr auch die Stimme der Ostmitteleuropäer gehört wird. Doch denke ich, dass auch im Westen viele die Perspektive teilen, von der aus wir argumentieren. Denn im Gegensatz zu dem, was den Konservativen im Allgemeinen und den Visegradstaaten im Besonderen vorgeworfen wird, geht es ja gar nicht um eine Auflösung der EU, sondern vielmehr darum, den sich tentakelartig ausbreitenden Brüsseler Zentralismus durch eine definitive Kompetenzzuweisung zu bremsen, dem ganzen System eine unmittelbare demokratische Legitimation zu verleihen und es erneut in einem positiven Verhältnis zu unserer kulturellen Identität zu verankern und vom Irrweg der Multikulti- und Gender-Ideologie zu befreien.

    Kritiker dürften manche Formulierungen und Gewichtungen als reaktionär empfinden. Träumen Sie einen weltfremden europäischen Traum?

    Politik ist die Kunst des Möglichen, und in Krisensituationen wird schnell vieles möglich, das vorher als undenkbar galt. Ich bin fest überzeugt, dass eine Mehrheit der Europäer die in unserer Präambel vereinigten Punkte im Grunde als Forderung des gesunden Menschenverstandes betrachtet, bislang aber kaum eine Möglichkeit hat, dies konkret zu äußern, da überall in Europa die bislang konservativen Parteien so weit nach links gerutscht sind, dass alles, was rechts von den Grünen steht, als „reaktionär“ gilt. Dabei haben die alten Unterschiede von Rechts und Links heutzutage ohnehin kaum noch Bedeutung: Der wahre politische Kampf spielt sich ab zwischen den Universalisten und den Traditionalisten, den Nowheres und den Somewheres…

    Gibt es denn konkrete Schritte zur Umsetzung?

    Das zu sagen, ist noch zu früh; der Text wurde ja gerade erst in Warschau vorgestellt. Unsere Hoffnung ist, dass die Präambel zum einen in die Europapolitik der polnischen Regierung einfließt, zum anderen, dass sie den Weg zu einer Verständigung aller Parteien öffnet, welche sich sowohl zur kulturellen und politischen Zusammengehörigkeit des christlichen Abendlandes bekennen, als auch von der dringenden Notwendigkeit einer Reform der EU überzeugt sind. Daher schließe ich nicht aus, dass der Text in Zukunft auch einige Transformationen erfahren könnte; die grundlegende Idee, die ich auch mit dem Begriff des „Hesperialismus“ bezeichnet habe, also einem patriotischen Bekenntnis zur abendländischen Zivilisation, wird aber sicher gewahrt bleiben, und darauf kommt es an.

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