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    Berlin

    Musizieren macht schlau

    Musik kann das sozialste Medium überhaupt sein. Sie fördert die soziale Kompetent von Kindern – Familiäre Fundstücke Teil V.

    Bei Sokrates heißt es: „So ist also die Erziehung durch Musik darum die vorzüglichste, weil Rhythmus und Harmonie am tiefsten ins Innere der Seele dringen und ihr Anmut und Anstand verleihen.“ Tatsächlich: Ob im Idealismus, Pessimismus oder Nihilismus philosophischen Denkens, der Musik und ihrer Wirkung kam stets eine erziehungsförderliche, menschenveredelnde und daseinserleichternde Sonderstellung zu. Diese verbreitete Lebensweisheit vom Nutzen der Musik, von Musik als Mittel der Erziehung war jedoch bisher – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ohne wissenschaftliches Fundament geblieben.

    Daher führte ein Forscherteam von 1992 bis 1998 an sieben Berliner Grundschulen (fünf Modellklassen mit Musikbetonung und zwei Kontrollklassen ohne Musikschwerpunkt) eine sechsjährige Langzeitstudie „Zum Einfluss von erweiterter Musikerziehung auf die allgemeine und individuelle Entwicklung von Kindern“ durch. Erweiterte Musikerziehung hieß: Wöchentlich zweistündiger Musikunterricht, das Erlernen eines Instrumentes an der Schule und das Musizieren in einem oder mehreren Ensembles. Dem Forschungsprojekt lag die These zugrunde, dass Instrumentlernen, Musizieren im Ensemble und Musikunterricht die kognitiven, kreativen, ästhetischen, musikalischen, sozialen und psychomotorischen Fähigkeiten (Begabungen) von Kindern vorteilhaft beeinflussen und fördern können, daneben auch motivationale und emotionale Dispositionen wie Lern- und Leistungsbereitschaft, Konzentration, Empathie, Selbstständigkeit, Belastbarkeit und Ausdauer, Fremd- und Selbstkritik und anderes mehr.

    Musizieren erhöht die Sympathiewerte

    Die Studie brachte unter anderem folgende Ergebnisse: Die Kinder, die Instrumente lernen und gemeinsam musizieren, erhielten im Klassenverband kontinuierlich deutlich höhere Sympathiewerte (den Schüler mag ich gerne) als die Kinder der Kontrollgruppe, und zwar über alle Grundschuljahre hinweg. An allen Schuljahresenden lag die Sympathiequote über 90 Prozent. Das bedeutet, dass es in musizierenden Grundschulklassen weniger häufig ausgegrenzte Schüler gibt. Sensationell sind die Ergebnisse im Ablehnungsbereich: Der Anteil der Kinder, die keine einzige Ablehnung erhalten (den Schüler mag ich nicht) ist in der Modellgruppe mit Musik zu allen Messzeitpunkten bedeutsam höher als in der Kontrollgruppe und zwar fast immer doppelt so hoch.

    Mit anderen Worten: Die Quote der geäußerten Antipathien ist in nicht-musizierenden Klassen doppelt so hoch wie in Musikklassen. Daraus folgt: Musik kann das sozialste Medium überhaupt sein. Allerdings ist hier energisch einem Missverständnis vorzubeugen. Es gibt keinen ethisch-moralischen Wirkmechanismus nach dem Motto: Wo die Musik, da der gute Mensch. Sagen lässt sich nur: Musik fördert die soziale Kompetenz. Wozu sie genutzt wird, ist eine andere Frage.

    Musizieren fördert die Intelligenz

    Ähnliches gilt für die Intelligenzentwicklung. Bereits für sechs- bis siebenjährige Kinder ist ein Zusammenhang zwischen musikalischer Begabung und Intelligenz festzustellen. Mit höherem Musikalitätswert steigt auch der IQ-Wert. Beide Schülergruppen (mit und ohne Musik) entwickeln sich in den ersten Jahren ihrer Grundschulzeit nicht sehr unterschiedlich. Nach vier Jahren erweiterter Musikerziehung kommt es jedoch zu einem signifikanten IQ-Zugewinn bei Kindern aus musikbetonten Grundschulen. Auch Kinder aus den Musikgruppen, die schon zu Beginn überdurchschnittliche IQ-Werte hatten, steigern diesen kognitiven Begabungsvorteil nochmals signifikant deutlicher als Kinder aus der Kontrollgruppe.

    Wichtig ist hier folgender Teilbefund: Sozial benachteiligte Kinder mit unterdurchschnittlichem IQ profitieren besonders von einer erweiterten Musikerziehung. Sie legen über die Jahre hinweg kontinuierlich zu, was für unterdurchschnittlich kognitiv begabte Kinder ohne dieses Treatment nicht so bilanziert werden kann. Daraus folgt: Bildungspolitik mit Musik ist zugleich die beste Sozialpolitik.

    Musizieren steigert die Konzentrationsfähigkeit

    Wie kann man den IQ-Zugewinn erklären? Vom-Blatt-Spielen erfordert schnelle und gleichzeitige Verarbeitung von Informationen in extremer Dichte und Fülle. Die Kinder müssen auf Noten, Takt, Tempo, Lautstärke und andere Parameter achten. Abstraktes und komplexes Denken sind beansprucht. Konzentration wird mit jeder neuen Note gefordert. Bei keiner anderen Tätigkeit muss ein Kind so viele Entscheidungen gleichzeitig treffen, sind so viele Gehirnbereiche angesprochen. Ein Instrument zu spielen ist eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten. Musizieren fördert die Konzentrationsfähigkeit. Davon profitieren auch die anderen Fächer in der Schule. Das sollte Grund genug dafür sein, der Musik einen neuen Stellenwert zuzumessen, zumal alle Lehrer über zunehmend unkonzentrierte Schüler ein Klagelied anstimmen.

    Musikmachen reduziert auch Angst und emotionale Labilität. Die meisten Kinder können, und dies unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit, überdurchschnittliche Angstwerte im Verlauf ihrer Grundschulzeit erfreulicherweise deutlich abbauen. Nicht-musizierende Schüler glauben jedoch von sich selbst, über die Zeit hinweg eher ängstlicher geworden zu sein, während Musik-Kinder meinen, allgemeine Ängste besser reduzieren zu können. Musik kann demnach zu einem emotionalen Refugium werden, gerade und insbesondere in der Phase der beginnenden Pubertät mit all ihren Identifikationsproblemen. Welch hohe sozialtherapeutische Funktion der Musik zukommt, wissen wir aus nahezu allen Jugendkulturen. Musik als Sprache der Gefühle wird zum Lebensexistenzial.

    Mehr Schlüsselqualifikationen

    Musik und Musizieren fordern und fördern die sogenannten Schlüsselqualifikationen, welche die Arbeits- und Wirtschaftswelt so vehement als Persönlichkeitsqualifikationen verlangt: Kreativität im improvisatorischen Spiel mit Tönen und Klängen; Konzentration in der Genauigkeit des musikalischen Spiels, Teamfähigkeit im Ensemblespiel, Extraversion im ausdrucksstarken Musizieren, emotionale Stabilität im Podiumsstress, Intelligenz in der kongenialen Interpretation eines musikalischen Werkes.

    Prof. Dr. Hans Günther Bastian (1944–2011) lehrte Musikpädagogik in Bonn, Frankfurt und Köln. Der Beitrag ist, stark gekürzt, der Zeitschrift „Frühe Kindheit“ der Deutschen Liga für das Kind, Nummer 3 des Jahrgangs 2005, entnommen.

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